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THE HIGH LLAMAS Checking In, Checking Out Sean O'Hagan passte zunächst nicht so richtig in die Zeit.Anfang der Achtziger gründete er im irischen Cork zusammen mit dem Sänger und Texter Cathal Coughlan die Band Microdisney. Gemeinsame Basis war die Begeisterung für New-Wave-Bands wie Scritti Politti, Pop Group und die Mekons. Tief drinnen jedoch war O'Hagan ein Popromantiker, der Burt Bacharach und Brian Wilson verehrte, und außerdem ein Countryrock-geschulter Gitarrenvirtuose.Was sich mit düster-aggressivem Wave-Gebaren nicht so recht vertrug.Neues Jahrzehnt, neuer Versuch: Mit den High Llamas bekennt er sich nun zu seinen musikalischen Vorlieben. Schon ihr erstes Album Gideon Gaye garniert er mit üppigen Streicherparts und einem Haufen Sound-technischer und kompositorischer Zitate der Spätsechziger-Beach-Boys. Das mündet teils in ambitionierte Minisinfonien,mitunter entstehen dabei aber auch eingängige Popsongs wie »Checking In,Checking Out«, der es sogar in die Mittelränge diverser europäischer Singlescharts schafft, auch der deutschen. BECK Loser Manchmal ? nur alle paar Jahre und nur für einen kurzen Augenblick ? bewegt sich die Popgeschichte auf ihre Ideallinie zu. Dann stimmt plötzlich alles. In diesen raren Momenten taucht ein Künstler auf,von dem noch nie jemand gehört hat,schreibt in einem kurzen,heftigen künstlerischen Akt ein Stück,das neuartig klingt und sich an keine Hörgewohnheit anbiedert; das in seiner Sperrigkeit Mut beweist,klug ist und voller Referenzen; ein Stück, das neue Bedeutung schafft, das ? und jetzt wird's revolutionär ? aus seiner Nische herauskriecht und zum Welthit wird, zu einer Hymne über Jahre hinweg. Verliefe die Musikgeschichte immer so ? es gäbe keine Krise der Branche; das Prinzip Pop wäre intakt und makellos. Beck David Hansen sorgt mit »Loser« für einen solchen Moment, so unerhört klingt darin seine Mischung aus Deltablues, Psychedelia, Folk und Rap.
Doch das Stück zeigt auch, wie unsicher und unkalkulierbar diese Idealmomente sind, beinahe wäre es auch hier danebengegangen: »Loser« kam nämlich schon 1993 raus, und zwar, wie es sich gehört für einen Undergroundkünstler, in einer Auflage von 500 Stück; normalerweise wäre es das gewesen. Denn das Lied klingt zunächst komisch, es beginnt mit einer Slideguitar, die Beck beim Blues geklaut hat, dann setzt ein Drumcomputer ein und schließlich ist Becks leicht verzerrter Rapgesang samt Nonsenstext zu hören, der in die berühmte Zeile mündet: »I'm a loser, baby, so why don't you kill me.« (»Ich bin ein Verlierer, Baby,warum tötest du mich nicht.«) Aha, sagen die Musikkritiker und Marktforscher: Verzweiflung! Hier spricht die berüchtigte Generation X, die Slacker, jene Zwanzigjährigen in Cordhosen, die alle Chancen ablehnen, welche ihnen ihre Herkunft, Bildung sowie der allgemeine Wohlstand bieten; die es vorziehen, zu Menschen zu werden, die die Gesellschaft als »Loser« ausschließt. Als Beck nach Erscheinen des Stücks von diesen Zusammenhängen erfährt, gibt er nahezu panisch in jedem Interview bekannt, er habe nie Zeit gehabt, ein Slacker zu sein: »Vergesst es! Ich hatte einen Vier-Dollar-Job und musste irgendwie sehen, dass ich mich durchschlug.«
Mit dem Slacker hat er lediglich die Unbekümmertheit gemein; mit dem Typus des weltabgewandten Verlierers verbindet ihn jedoch gar nichts, auch wenn er mit seinem Milchgesicht irgendwie so aussieht. Sein Vater arrangierte klassische und populäre Musik und wurde mit mehr als dreihundert Platinschallplatten ausgezeichnet, seine Mutter gehörte zu Andy Warhols Factory, der Großvater war der Fluxus-Künstler und Joseph-Beuys-Freund Al Hansen: Beck zerbirst fast vor angesammeltem Wissen und aufgesaugten Einflüssen. Das verbindet ihn 1994 auf frappierende Weise mit dem anderen Superstar des Jahres, dem Regisseur Quentin Tarantino, dessen Film Pulp Fiction nach dem gleichen Prinzip funktioniert wie Becks Musik: als eine Ansammlung von Zitaten und Anspielungen, die in neue Zusammenhänge gestellt zuvor verdeckte Bedeutungen offenbart und dabei so gut gelaunt und unvorhersehbar daherkommt, wie Pop nur sein kann. ANDREAS DORAU Das Telefon Sagt Du Andreas Dorau ist der König der skurrilen Ohrwürmer.Bereits als Teenager sang er den Chartbreaker »Fred Vom Jupiter«; den Verfall der Neuen Deutschen Welle überlebte er mit der surrealen Fernsehoper Guten Morgen Hose,die er mit seinem Gitarrenlehrer verfasste, Holger Hiller von der NDW-Band Palais Schaumburg. Ende der Neunziger führte Dorau dann mit »Girls In Love« die Hitparaden in Belgien und Frankreich an. Seine Lieder sind tanzbar und sein etwas quäkender Gesang räkelt sich mit Vorliebe auf einem Bett aus Mädchenstimmen. 1994 geht er mit Tommi Eckart und Inga Humpe (die beiden werden später 2raumwohnung gründen) ins Studio und bittet seinen Freund Matthias »Tex« Strzoda, sich des Keyboards anzunehmen.»Das Telefon Sagt Du« beginnt mit einem Freizeichen und bringt dann ein unwiderstehliches House-Pianoriff mit liebenswerten Reimpaaren wie »Ton« ? »Telefon« und »schlau« ? »Frau« zusammen. Jeder Käufer von Doraus aktuellem Album Ich Bin Der Eine Von Uns Beiden bekommt das Stück als Handy- Klingelton geschenkt. TORI AMOS Cornflake Girl Natürlich ist es nicht ganz unproblematisch, wenn man eine Lebensgeschichte von hinten, von der jüngsten Gegenwart her denkt. Vor allem, wenn sich deren Lauf so logisch zu fügen scheint, wie das bei Tori Amos der Fall ist.War es aber klar, dass das irgendwann so enden musste? Rein biografisch auf dem Land, in Cornwall, mit Mann und Kind, im Familienglück? Und künstlerisch mit Liedern, die sich auf der aktuellen Platte The Beekeeper zu Gartenarten gruppieren, Obst,Blumen,Kräuter und so weiter, was zusammen ein Sechseck in Form einer Bienenwabe ergibt? In Interviews zum Album davor forderte Amos die Leser auf, sich des spirituellen Erbes der indianischen Ureinwohner zu erinnern: »Die Menschen in Amerika müssen endlich lernen, wieder die Energie dieser Erde zu spüren, die sie so gewaltsam in Besitz genommen haben.« Man könnte das einen tragischen Fall von esoterischer Verirrung nennen. Oder war dieser Weg nicht schon immer vorgezeichnet, suchte diese Frau in ihrer Laufbahn nicht von Anfang an nach Erlösung, die sie irgendwann im spirituellen Leben mit der Natur finden würde, so wie es nun offenbar geschehen ist?
Angefangen hat die musikalische Karriere der 1963 geborenen Myra Ellen Amos, so ihr bürgerlicher Name, Ende der Achtziger, mit einer eher peinlichen Platte. Y Kant Tori Read hieß sie, genau wie die Band dazu, und die spielte schlimmen Metalpop. Das Album war zu Amos' Glück ein Flop, für ihre Plattenfirma aber dennoch kein Grund, die in Maryland aufgewachsene Tochter eines Methodisten-Predigers rauszuschmeißen.Eine gute Entscheidung, wie sich herausstellte: Im Jahr 1992 kam die erste Soloplatte namens Little Earthquakes heraus,darauf der Song »Me And A Gun«. Der begründete Amos' Ruf als Texterin, die sich schonungslos zu offenbaren verstand; sie schilderte in dem Lied, wie sie Opfer einer Vergewaltigung wurde. Später sollten Songs über ähnlich existenzielle Erfahrungen folgen, etwa über eine Fehlgeburt, und über ihre bis heute meistzitierte Aussage: Schmerz,das sei ihr bester Freund. Insofern stellte sich für Amos- Hörer stets eine Grundfrage: Erträgt man so viel unverstellt dargebotenes Leiden? Abgesehen davon waren die Alben Little Earthquakes und mehr noch Under The Pink, auf dem sich der Welthit »Cornflake Girl« befindet, von größter pophistorischer Bedeutung: Ohne diese beiden Platten (und ihren kommerziellen Erfolg) hätte es die weibliche Singer /Songwriter-Welle der Neunziger wohl nie gegeben.
So wurde Tori Amos als Musikerin und Texterin zum Verbindungsglied zwischen Kate Bush und Alanis Morissette. Auch wenn ihre Platten von schwankender musikalischer Qualität sind: Amos hat viel für die Position der Frau im Rock getan. Und ihren Weg hat sie konsequent beschritten, bis zum Rückzug aufs Land und zur Produktion musikalischer Bienenwaben. PAVEMENT Cut Your Hair Anfang der Neunziger taucht ein neuer Typus in den Medien auf: der Slacker.Was das genau ist, bleibt lange unklar. Sicher, es gibt Richard Linklaters Spielfilm Slacker, in dem sich texanische Twentysomethings über Gott, die Welt und Madonnas Schamhaare unterhalten. Es sind Leute, die voller Wissen stecken, klassischem wie popkulturellem, aber dieses Wissen nicht in Karrieren ummünzen können oder wollen. Also hängen sie herum,überqualifiziert und unterbeschäftigt.Sofort verständlich wird die Figur des Slackers, wenn man die amerikanische Band Pavement hört. Die Texte des Sängers Stephen Malkmus sind voll von geistreichen Anspielungen, die aber selten eine kohärente Geschichte erzählen. Und die Musik klingt stets hingeschludert, enthält aber so viele Einfälle und Melodien, dass man das Gefühl hat,Pavement könnten grandiose Rocksongs spielen,wenn sie nur wollten.Auf dem Album Crooked Rain Crooked Rain kommen sie dem so nah wie nie ? und »Cut Your Hair« wird sogar ein kleiner Hit, dank eines absurden Videoclips im Friseursalon. WARREN G Regulate Bruderliebe hat in der Geschichte der Popmusik für einige Großtaten gesorgt: Noel und Liam Gallagher machen das Fundament von Oasis aus; Angus und Malcolm Young gründeten AC/DC; Brian, Carl und Dennis Wilson waren die Beach Boys. Doch dass zwei Brüder eine ganze Ära prägen,kommt eher selten vor: André Young, der sich den Künstlernamen Dr.Dre gab, und Warren Griffin, kurz Warren G, sind Halbbrüder aus Long Beach bei Los Angeles.Der Ältere,Dr.Dre,veränderte 1992 den HipHop mit seinem Album The Chronic,indem er die rauen Rhythmen der Westküste so lange fein schliff, bis sich seine Lieder anfühlten wie eine Fahrt in einem sanft wippenden Automobil. Sein Bruder Warren trat bei The Chronic noch im Hintergrund auf.Er hatte Dre seinen besten Freund,einen Rapper namens Snoop Doggy Dogg, vorgestellt, und nahm während der Aufnahmen Platz am Mischpult, um genau zu studieren, was sein großer Bruder mit den Reglern anstellte.
Zwei Jahre später kann die Welt hören,was Warren G gelernt hat. Für den Soundtrack zum Basketball-Film Above The Rim nimmt er zusammen mit Nate Dogg, einem jungen R&B-Sänger, das Stück »Regulate« auf und verwischt die Grenze zwischen Rap und Soul. Eine gepfiffene Melodie eröffnet das Lied, dann setzt ein Bass ein, der an Wellenschlag erinnert, ein Fender-Rhodes-Piano grundiert die sich abwechselnden Rap- und Gesangsstrophen, in denen Warren G und Nate Dogg eine Geschichte von Rache und Vergeltung erzählen, die dank der Musik eher anmutet wie die Beschreibung eines Nachmittags auf einer Luftmatratze im windstillen Pazifik. »?Regulate? heißt bei uns im Viertel, dass wir die Dinge selbst in die Hand nehmen und klar machen.Wenn einem Unrecht geschieht, kümmern wir uns selbst darum«, erzählt Warren G in einem Interview.Die Hookline des Liedes hat Griffin sich von dem Mainstreamrocker Michael McDonald geborgt ? die Vorlage findet sich auf dessen Powerrock-Schnulze »I Keep Forgettin'«.
Auf die Single folgt das gleichnamige Album, das den Untertitel »G Funk Era« trägt. Wie sein Bruder Dre tritt Warren G als rappender Impresario auf, der das Mikrofon auch mal aus den Händen gibt,weil er weiß, dass seine Reimkünste limitiert sind. Ähnlich muss es um seinen Redefluss bestellt sein, denn die meisten Journalisten, die nach Los Angeles reisen,um den neuen Rapprinzen zu interviewen, kehren mit Bändern zurück, auf denen überwiegend Schweigen zu hören ist. Und wenn er doch mal etwas von sich gibt,dann Erkenntnisse wie diese: »Ich mache den Beat und je nachdem, wie sich der Beat anhört... ich meine, ich kann es nicht erklären.« Das Album, das ganz ohne die Hilfe des großen Bruders entsteht, verkauft sich in Amerika mehr als zwei Millionen Mal, ein Erfolg, den Warren G nicht wiederholen konnte ? trotz der späteren Anbiederung ans Hausfrauenradio durch eine Coverversion von Tina Turners »What's Love Got To Do With It«. ASIAN DUB FOUNDATION Jericho Huch, was ist denn das für ein neuer Sound? Indische Tablatrommeln, ein fetter Bass, sägende Gitarreneffekte und die Flöte eines Schlangenbeschwörers, darüber die Stimme eines Rappers, der recht jung zu sein scheint, aber schon deftige Politparolen kennt: Mit dieser ungewöhnlichen Mischung gelingt der Asian Dub Foundation eines der stärksten Debüts des Jahres 1994. Die Band entstand ein Jahr zuvor als Folge eines Workshops in Süd- London, bei dem die Kinder asiatischer Immigranten fürs Musikmachen begeistert werden sollten.Unter den Teilnehmern war der 15-jährige Rapper Deedar Zaman. Schwer beeindruckt, gründeten die beiden Lehrer mit Zaman alias Masta D eine neue Band für moderne Clubmusik mit indischen Einflüssen. Ihre Conscious E.P. ist der Startschuss für den so genannten Asian Underground, der sich in den folgenden Jahren in London entwickelte. Von anderen Musikern aus dieser Szene wie Nitin Sawhney oder Talvin Singh unterschieden sich Asian Dub Foundation allerdings durch den politischen Einschlag ihrer Texte. PAUL VAN DYK For An Angel Ein Gerücht besagt, bei der Millenniumsparty des Sheffielder Megaclubs Gatecrasher habe Paul van Dyk die höchste je gezahlte DJ-Gage eingestrichen,angeblich einen sechsstelligen Pfund-Betrag. Verbürgt ist allerdings nur,dass der in Eisenhüttenstadt geborene van Dyk in dieser Nacht um Punkt null Uhr seinen fabelhaften Remix von Robbie Williams'»Millennium« aufgelegt hat.Doch die Gagen- Episode passt gut in das Bild dieser sagenhaften DJ-Karriere: Für Technopuristen steht an ihrem Anfang ein Verrat am Underground ? Anfang der Neunziger spielte van Dyk noch in den Berliner Techno- Institutionen Tresor und E-Werk die harten Bretter,um sich bald mit kommerziellem Trance als Superstar-DJ in den britischen Riesendiscos zu etablieren. Pophistorisch bedeutsam wird gerade sein Hit »For An Angel«, lässt sich an ihm doch der ästhetische Bruch im Techno Mitte der Neunziger punktgenau nachvollziehen: Techno kann damals nur zur Massenbewegung werden,weil Leute wie van Dyk den Sound weicher,zugänglicher machen ? und damit letztlich demokratisieren.Oder ausverkaufen.Hängt von der Perspektive ab. SUEDE Stay Together Wie schön muss die Welt für Suede noch im Februar des Jahres sein,als »Stay Together« herauskommt: Brett Anderson,Sänger der Gruppe, wird zu diesem Zeitpunkt als der heißeste britische Star seit Morrissey gehandelt. Suede könnten sogar die Nachfolge der Smiths antreten, heißt es, schließlich hat die Band im Vorjahr die am rasantesten verkaufte Debütplatte der englischen Popgeschichte hingelegt. Nun erwarten alle, dass »Stay Together« zur ersten Hymne des neuen Britpop wird. Mit diesem, so heißt es,werden Suede endlich die englische Musik aus der Erstarrung der Spätachtziger lösen; und so sieht die Zukunft der Band durchaus rosig aus.Allerdings nur für ein paar Monate.Dann erscheinen die Alben von Blur und Oasis: Deren eingängige Popnummern überstrahlen sofort die komplexeren, mit mehr Referenzen spielenden Kompositionen von Suede. Und Anderson wird vom ersten Star des Britpop zu dessen tragischer Figur: Damon Albarn, der Sänger von Blur, stiehlt ihm in diesem Jahr nicht nur die Schau,sondern auch vor den Augen der Öffentlichkeit ? die Freundin. SOUNDGARDEN Black Hole Sun Auch wenn sie nie so berühmt waren wie Nirvana oder so erfolgreich wie Pearl Jam ? Soundgarden sind die wahre Mutterband des Phänomens Grunge. Dass sie mit »Black Hole Sun« in exakt dem Augenblick zu Stars werden, in dem Kurt Cobain durch einen Schuss aus der Schrotflinte die Bühne frei macht,ist nur die traurige Pointe einer bis dahin schon zehn Jahre dauernden Bandgeschichte: Soundgarden waren nach Mudhoney die zweite Band, die auf Sub Pop veröffentlichte ? dem Label, das zum Synonym für den Grungehype werden sollte und dessen Gründer Bruce Pavitt Teile von Soundgarden noch aus Schultagen im entfernten Illinois kannte. Die auf Sub Pop erschienenen Soundgarden-EPs nannte Kurt Cobain später als Grund, warum er das erste Nirvana-Album unbedingt ebenfalls dort unterbringen wollte. Soundgarden waren die erste Grungeband, die (nach einem Ausflug zum innovativen SST-Label) bei einer Majorfirma unterschrieb, was damals in der Grungeszene von Seattle für Empörung sorgte.
Die Musik der »Metalband für Leute, die Metal hassen« speiste sich aus großen Quellen: dem Siebziger-Hardrock von Led Zeppelin und Black Sabbath,Postpunk wie von den Meat Puppets,Killing Joke oder den Melvins sowie dem Detroit-Sound von Bands wie MC5 oder den Stooges. Ein dreckiges Amalgam, in dem sich heulender Gesang und ein stampfend-schleppendes Schlagzeug mit einer Gitarre verbanden,die mal dumpf vor sich hin bretterte, dann wieder wie eine Sitar klirrte. Den großen Durchbruch erwartete man bereits Ende 1991, als die Band ihr drittes Album Badmotorfinger vorlegte.Dummerweise erschien im selben Monat ein anderes Album, auf dessen Cover ein Baby einer Dollarnote nachschwamm. So wurden Nirvana, nicht Soundgarden, zu den Ikonen des Grunge. Ihre Stunde schlägt erst 1994,als Superunknown im März auf Platz eins in die US-Albumcharts einsteigt; nach Nirvana, Pearl Jam und Alice In Chains sind sie die vierte Band aus Seattle binnen fünf Monaten auf dieser Position. Als Kurt Cobain einen Monat später Selbstmord begeht, wird die Single »Black Hole Sun« zum Soundtrack eines Trauersommers für ihn und die Herointote Kristen Pfaff, Bassistin von Courtney Loves Band Hole.
So poppig und eingängig wie auf »Black Hole Sun« trifft man Soundgarden selten an, haben viele ihrer Songs doch nicht einmal einen klar erkennbaren Refrain. Sehr typisch für die Band ist jedoch die psychedelische Gitarre von Kim Thayil, einem der wenigen Grungemusiker, die in Gitarrenfachzeitschriften interviewt werden. Superunknown verkauft sich allein in den USA über drei Millionen Mal und gewinnt zwei Grammys. Soundgardens zwei Jahre später veröffentlichter Schwanengesang Down On The Upside litt bereits unter der sinkenden Popularität des Genres Grunge; im April 1997 löste sich die Band schließlich auf ? fast auf den Tag genau drei Jahre nach Kurt Cobains Tod. WEEN What Deaner Was Talkin'About Treffen sich die Eagles, Gram Parsons, Prince und Ennio Morricone... Wäre Chocolate And Cheese ein Witz, würde er vielleicht so anfangen.Tatsächlich ist das vierte Ween-Album vor allem auf textlicher Ebene vom derben Humor seiner Macher geprägt; doch zugleich ist die Musik des Duos aus dem Städtchen New Hope in Pennsylvania mit das Originellste und Aufregendste, was amerikanische Rockbands in den Neunzigern hervorgebracht haben. Mickey Melchiondo und Aaron Freeman gründeten ihre Band bereits 1984 ? als 14-Jährige.Sie gaben sich als die Brüder Gene und Dean Ween aus und nahmen mit minimalen technischen Mitteln einige tausend Songs auf,mit denen sie vom Stadionrock über Philly-Soul und Speedmetal bis zu Country jede erdenkliche Spielart der populären Musik verhackstückten.Die 16 Nummern auf Chocolate And Cheese hören sich dementsprechend an, als wären sie von 16 verschiedenen Bands eingespielt worden.»What Deaner Was Talkin'About« etwa klingt wie Al Stewart unter dem Einfluss von halluzinogenen Pilzen. YOUSSOU N'DOUR&NENEH CHERRY 7 Seconds Youssou N'Dours Duett mit Neneh Cherry ist einer der international erfolgreichsten Songs,die je ein afrikanischer Sänger eingespielt hat. Der Senegalese N'Dour gehörte zu den großen Hoffnungen des Weltmusik-Booms der Achtziger. Peter Gabriel bezeichnete ihn damals als schönste Stimme Afrikas und engagierte ihn fürs Vorprogramm seiner US-Tour. Die Plattenfirma Virgin setzte große Hoffnungen in seine beiden ersten internationalen Alben The Lion und Set. Die Verkaufszahlen blieben jedoch hinter den Erwartungen zurück und Virgin entließ ihn vorzeitig aus seinem Vertrag. N'Dour wechselte zu Sony und vom folgenden Album The Guide schafft es das Stück »7 Seconds« sensationell auf Platz drei der britischen Charts. Bei diesen sieben Sekunden weltweitem Ruhm bleibt es dann aber auch.
Anders als viele Künstler aus Afrika wusste Youssou N'Dour die Erlöse aus seinen internationalen Plattenproduktionen allerdings sinnvoll zu nutzen; in seiner Heimatstadt Dakar baute er über die Jahre ein kleines Imperium auf. Heute verfügt er über das beste Studio seines Landes, die Plattenfirma Jololi und ein großes Kassettenkopierwerk. Er gilt als einer der erfolgreichsten Geschäftsmänner des Senegal ? musikalisch ist er sowieso seit 25 Jahren die Nummer eins. Youssou N'Dour wurde 1959 geboren und stammt aus einfachen Verhältnissen. Sein Vater arbeitete als Automechaniker, seine Mutter verkündete als berühmte Griotsängerin die alten, überlieferten Lieder ihres Volkes. Schon früh kam Youssou über seine Mutter zur Musik ? wie alle traditionellen Sängerinnen trat sie auf Hochzeiten, Taufen oder bei anderen gesellschaftlichen Anlässen auf.Mit 16 Jahren tourte er bereits im benachbarten Gambia. 1976 wurde er Mitglied der legendären Star Band, der Hausband des Miami Clubs in Dakar, die heute als Urformation des modernen senegalesischen Pop gilt. Die Musik Westafrikas orientierte sich damals vor allem an kubanischer Musik und auch Youssou N'Dour sang in jungen Jahren noch in lautmalerischem Spanisch. Schon zwei Jahre später gründete er seine eigene Band Etoile de Dakar, aus der kurz darauf die Gruppe wurde, mit der er bis heute arbeitet: Super Etoiles de Dakar.
Youssou N'Dour verband Rhythmen der traditionellen senegalesischen Sprache Wolof mit elektrischen Instrumenten und erschuf das, was bis heute als die populäre Musik des Senegal gehandelt wird: Mbalax.Wer heute irgendjemanden in Dakar auf der Straße fragt, wo man diese Musik live erleben kann, wird mit ziemlicher Sicherheit in den Club Thiossane geschickt. Dort steht Youssou N'Dour weiterhin fast jedes Wochenende auf der Bühne. Wer ihn hier um zwei Uhr morgens erlebt, vergisst sämtliche Platten, die er für den internationalen Markt gemacht hat.Hier schlägt das Herz seiner Musik. INI KAMOZE Here Comes The Hotstepper Die Jugendzeitschrift Bravo hat sich auch um die Spracherziehung verdient gemacht, indem sie die Texte von Erfolgsliedern ins Deutsche überträgt.Wie hätte Bravo wohl den Titel des Reggaesängers Ini Kamoze übersetzt? Vielleicht: »Hier kommt der Mann mit den heißen Sohlen«? Tatsächlich bedeutet »Hotstepper« in der jamaikanischen Mundart Patois »der Mann, der vor dem Gesetz flüchtet«. Kamoze arbeitete in den Achtzigern mit den Produzenten Sly&Robbie zusammen; ab Ende des Jahrzehnts orientierte er sich am neuen Genre Dancehall-Reggae, bei dem harte elektronische Rhythmen mit zügig vorgetragenen Wortkaskaden kombiniert werden. Für den Soundtrack zum Robert- Altman-Film Prêt-à-Porter nimmt Kamoze das in den Achtzigern entstandene Stück »Here Comes The Hotstepper« neu auf und gibt ihm einen Drall in Richtung Pop. Die markante »Na na na«- Einleitung borgt er sich von einem alten Chris-Kenner-Song. »Here Comes The Hotstepper« wird ein großer Hit, bleibt aber ein einsamer kommerzieller Höhepunkt im Schaffen Kamozes. FUGEES Vocab Als im Februar 1994 das Album Blunted On Reality eines Trios erscheint, das sich lange nicht entscheiden konnte, ob es sich Tranzlator Crew,Refugee Camp oder schlicht Fugees nennen soll, ist nicht abzusehen, dass hier der Grundstein gelegt wird für einen der größten Verkaufserfolge in der Geschichte des HipHop: Zwei Jahre später wird das Fugees-Album The Score die Rapwelt auf den Kopf stellen ? eine Leistung, die man auf Blunted On Reality allenfalls erahnen kann. Die Fugees ? Wyclef Jean, Lauryn Hill und Prakazrel Michel ? kommen aus dem Nichts. Der Veröffentlichung ihres Debüts gehen keine Meldungen in den gut informierten HipHop- Magazinen voraus; ebenso wenig liegt eine Maxisingle vor,mit der Radio-DJs Aufmerksamkeit erzeugen können. Es hat den Anschein, als wisse die Plattenfirma nicht so recht, was sie mit dieser Band anfangen soll: Handelt es sich bei den Fugees um Hardcore-Rapper vom Schlage eines KRS-One? Oder um Protagonisten des Alternative-HipHop,der gerade mit Bands wie Arrested Development im Zenit steht?
Der Name der Gruppe verweist auf die Herkunft ihrer Mitglieder: Wyclef,Lauryn und Prakazrel (kurz: Pras) sind Flüchtlingskinder. Ihre Eltern stammen aus Haiti, einem heruntergewirtschafteten Land ? sie flohen vor der Armut in die USA und landeten in den Sozialsiedlungen New Jerseys,wo sie als Außenseiter lebten. Die Familie von Wyclef hauste zeitweise zu neunt in einer Einzimmerwohnung.Während Wyclef als Teenager mit Straßenmusik Geld verdiente,beendete Pras die Highschool mit so guten Noten, dass er nach Yale hätte gehen können.Trotzdem gründete er lieber mit Lauryn Hill eine HipHop-Gruppe, der sich später auch Wyclef anschloss. Das Pech der Fugees: In der Zeit, da sie Blunted On Reality einspielen, sind gerade Härte und Radau angesagt. Sie lassen sich von ihren Produzenten in eine ähnliche Richtung drängen, weswegen viele Stücke des Albums überhastet und aufdringlich klingen. Ganz anders aber das Lied »Vocab«: Zu synkopisch gesetzten Akustikgitarren tragen Wyclef, Lauryn und Pras ihre Reime vor; erst die Remixversion enthält einen Beat.Wobei die eigentliche Sensation diejenige Strophe darstellt,welche Lauryn Hill gehört. In ihr wird klar, dass die Stimme der 19-Jährigen zu viel mehr in der Lage ist als zu hastigen Raps.
Auf The Score von 1996,welches sich dank der Hits »Killing Me Softly« und »Ready Or Not« mehr als fünf Millionen Mal verkaufte, sowie auf ihrem Soloalbum The Miseducation Of Lauryn Hill von 1998 wird sie das Versprechen einlösen, das sie auf »Vocab« gibt. Seitdem hat man von ihr kaum noch etwas gehört.Wyclef Jean etablierte sich hingegen als Solokünstler sowie als Produzent für Whitney Houston,Mick Jagger,Michael Jackson und ? kein Witz! ? Sarah Connor; Pras lieferte Lieder für mehrere Soundtracks. Offiziell haben sich die Fugees nie getrennt und so hoffen viele Fans weiter auf ein neues Album. OUTKAST Player's Ball Auf einem Parkplatz in Atlanta fängt alles an. André Benjamin und Antwan Patton haben den Bus genommen,um Rico Wade zu treffen, ein Mitglied des erfolgreichen Produzentengespanns Organized Noize. Die beiden kennen sich aus der Highschool im ärmlichen Vorort East Point und sind gerade mal 16 Jahre alt. Rücken an Rücken rappen sie zu den Rhythmen, die aus den Boxen von Wades Chevrolet kommen.Der Produzent ist von der Vehemenz der Reime so beeindruckt, dass er die beiden auf der Stelle mit in sein Studio nimmt. Ihre ersten Aufnahmen sind ein paar Nonsensverse, mit denen sie einen Song der Girlgroup TLC aufmöbeln. Unter dem Namen OutKast veröffentlichen Benjamin und Patton wenig später ihre erste Single: ein virtuoses Silbengewitter auf einem dicken, schleppenden Beat, markiert von einem Falsettgesang, den Curtis Mayfield nicht besser hinbekommen hätte. »Player's Ball« erreicht die Spitze der US-Rapcharts und definiert HipHop aus der Sicht zweier hochbegabter Südstaatenjungs neu ? der Beginn einer beispiellosen Karriere. THE DUST BROTHERS My Mercury Mouth Ihr Sound war von Beginn an beeindruckend fett, doch ihre Bandnamen steigerten sie im Laufe der Zeit: Zuerst nannten sich Ed Simons und Tom Rowlands 237 Turbo Nutters ? eine ziemliche Pleite. Dann: The Dust Brothers ? erste Erfolge, dennoch eine dumme Wahl. Schließlich: The Chemical Brothers ? Welterfolg! Der Name The Dust Brothers stellte sich als keine besonders kluge Wahl heraus, denn den gab es nämlich schon: Er gehörte einem US-Produzententeam, Simons und Rowlands fanden ihn in den Danksagungen des Beastie-Boys-Albums Paul's Boutique ? und klauten ihn. Die beiden Geschichtsstudenten liebten die Beastie Boys und überhaupt den HipHop, doch dummerweise kam man damit im England der frühen Neunziger nicht weit: Musikalisch spielte sich das Geschehen in den Clubs ab ? an Orten wie dem Hacienda in Manchester fusionierte die Indie- mit der Danceszene: Bands wie die Happy Mondays oder The Farm sind ohne die Clubkultur praktisch undenkbar.
Ohne sich selbst wirklich als DJs zu bezeichnen,entwarfen Simons und Rowlands in der Clubnacht »Naked Under Leather« ihre erste ganz eigene Mischung aus HipHop, Rock und Techno. Nach einigen Wochen mit dem neuen, aber doch recht simplen Equipment entstand »Song To The Siren« und enthielt schon alles, was über Jahre hinweg ihren Sound prägen sollte: schleppend harte Breakbeats,dazu jedoch Melodie und Fläche,Stimme oder Sound als positives Gegengewicht. Eine der ersten 500 Platten landete auch im Koffer von Andrew Weatherall, der als DJ und Produzentenveteran damit angefangen hatte, die Unterschiede zwischen Indie- und Danceszene aufzuweichen.Weatherall spielte die Platte Terry Farley vor,der 1986 mit Freunden ein Fanzine über Fußball und Musik namens Boy's Own und wenig später auch ein Musiklabel gleichen Namens gestartet hatte.Nach dessen Bauchlandung unternahm er zusammen mit dem Produzenten Steve Hall einen zweiten Versuch unter dem Namen Junior Boy's Own und veröffentlichte gleich den ersten Track von Ed und Tom.
Zwei Platten später erscheint »My Mercury Mouth« und dieser Titel fällt selbst in Amerika auf ? mit seiner tiefen Basslinie, den Breaks und einer Melodie, die im richtigen Laserlicht wie ein Regenbogen aussehen kann. Mittlerweile haben die originalen Dust Brothers von diesem englischen Duo gehört und bestehen auf einer Namensänderung. So entstehen die Chemical Brothers, die gleich mit ihrem ersten Album ? sinnvollerweise mit dem Titel Exit Planet Dust ? in der Stilschublade »Big Beat« zur perfekten Band einer neuen Generation werden, die tanzen will und trotzdem nichts gegen Gitarrenriffs, Indieband-Sänger oder gesprengte Bassboxen hat. Bombastische Festivalauftritte und auffallend gute Videos tragen dazu bei, dass die Chemical Brothers elektronische Musik einem neuen Publikum erschlossen.Das wäre ihnen als 237 Turbo Nutters nie gelungen! MARMION Schöneberg Nach einer harten Nacht im Berliner Club Bunker zogen die beiden DJs und Produzenten Marcos Lopez und Mijk van Dijk noch weiter zu Marcos'Studio in seiner Schöneberger Wohnung. Stunden zuvor hatte Mijk »Blackout« von Lil' Louis gespielt, einen düsteren Chicago-House-Track mit einem monumentalen Textintro und den typisch trockenen Shuffledrums. Aus dieser Stimmung wurde nach zwölf Stunden am Mischpult ein Stück, das unter dem Projektnamen Marmion die Brücke zwischen Chicago House und Trance schlug und vielleicht gerade deswegen so viel Resonanz fand. Vielleicht lag es aber auch an diesem grandiosen Break, das für endlose 15 Sekunden nur eine Fläche und das Geräusch einer Strandwelle übrig lässt, um dann von treibenden Snaredrums und einer Melodienfolge abgelöst zu werden,die noch heute Endorphin-Ausschüttungen hervorruft; um jene Glückshormone geht es auch 1994 in den Clubs und »Schöneberg « wird eine weltweite Hymne.Auch wenn der Titel im Ausland so rätselhaft wie unaussprechlich bleibt. LIGHTNING SEEDS Perfect Ian Broudie hat das Charisma eines Bankangestellten. Es ist schwer, sich zu merken, wie er eigentlich aussieht. Mit den Lightning Seeds ? mehr ein Soloprojekt mit Begleitmusikern als eine echte Band ? macht er Pop für Menschen, die durchschnittliche Sorgen haben und durchschnittliche Autos fahren. Broudie lernte in einer Umschulungseinrichtung für Arbeitslose, mit einer Vierspurmaschine umzugehen. Mit zunehmendem Geschick produzierte er Gruppen wie Echo&The Bunnymen, The Fall und Teardrop Explodes und nahm seine eigenen Songs mit den Lightning Seeds auf. »Perfect«, das erste Stück auf seinem dritten Album Jollification, ist typisch für Broudies Musik: eine Verbindung von überwältigenden Melodien und einem gewissen Hang zur Opulenz. Unsterblich wurde der Mann aus Liverpool zwei Jahre später. Zur Fußball-Europameisterschaft in England sang er eine Hymne auf das Wappentier, das auf den englischen Nationaltrikots prangt: »Three Lions« ist der wohl mitreißendste Fußballsong, der jemals geschrieben wurde. JEFF BUCKLEY Grace Warum nur sterben Rockmusiker so selten eines natürlichen Todes? Jeff Buckley, der Sohn des Songwriters Tim Buckley, der sich 1975 mit Heroin aus dem Leben befördert hatte, stieg am 29. Mai 1997 in den Mississippi und kehrte nie zurück. Er hinterließ ein schmales Werk von einigen EPs und einem Album, Grace. Jeff Buckley hatte seinen berühmten Vater nur einmal gesehen,da war er sieben Jahre alt. Als Tim Buckley ein Jahr später starb, wurde der Sohn noch nicht einmal zur Beerdigung eingeladen. Aber in Jeff steckte wohl etwas, das auch Tim hatte, und das musste raus. 1991 zog er von Los Angeles nach New York. Der Anlass war ein Konzertabend, auf dem mehrere Künstler Tim Buckleys gedachten.»Zuerst wollte ich nicht auftreten.Dann aber sagte ich mir, ich könnte meinem Vater auf diesem Weg die letzte Ehre erweisen«, erzählte Buckley später. Er wählte »I Never Asked To Be Your Mountain«, ein Lied, in dem er selbst vorkommt ? Buckley hatte es kurz nach der Geburt seines Sohnes geschrieben, um sein rastloses Leben zu rechtfertigen.Zuschauer,die Jeffs Vater noch erlebt hatten, sahen in seinem Sohn einen Wiedergänger: die gleichen Gesichtszüge, die gleiche Stimme. Ähnlich wie Tim Buckley verstand Jeff es, sein Organ wie ein Instrument einzusetzen.Er übersprang mühelos mehrere Oktaven,wechselte wie ein Manisch-Depressiver zwischen Melancholie und Hysterie, dehnte einzelne Worte teilweise minutenlang. »Ich muss jeden kleinen Teil eines Textes körperlich bewohnen«,beschrieb er seinen Gesangsstil. »Andernfalls kann ich einen Song nicht rüberbringen ? dann klingen die Worte nur hohl.«
Jeff Buckley blieb in New York und zog durch die Nachtclubs von Greenwich Village. Seine Auftrittserfahrungen bündelt er 1994 auf Grace, in das Folk, Blues und Rock zu gleichen Anteilen einfließen. Im Titelstück schichtet Buckley Gitarrenakkord auf Akkord, jeder Liedteil ist von einer anderen Stimmung und Stimmlage geprägt ? um sich am Ende zu einem Gewebe aus Molltönen,Bluesgriffen und Led-Zeppelin-Gesang zu verdichten. Das Album gefällt Publikum wie auch Kritikern so gut, dass Buckley als große Songwriter-Hoffnung gehandelt wird. Doch der Sänger schien mit den Erwartungen nicht umgehen zu können, er zog sich in den Folgejahren zurück, kündigte seine Auftritte nur durch Mitteilungen im Internet an. 1996 nannte er seine Phantom-Touren »meinen Weg des Überlebens«. Im Januar 1997 bat er seine Anhänger auf seiner Website um Geduld: »Ich stecke in tiefer Scheiße.Aber bald werde ich mein Loch verlassen.« Tatsächlich begann er im Februar 1997 in Memphis mit Aufnahmen für sein zweites Album,das den Namen Sketches For My Sweetheart The Drunk tragen sollte.
Obwohl er sich mit dem Produzenten Tom Verlaine, dem früheren Gitarristen und Sänger der Band Television, überwarf, soll er gut vorangekommen sein mit der Arbeit. Bis zu jenem Abend im Mai, als er gut gelaunt beschloss, ein Bad im Mississippi zu nehmen. Angeblich sang er »Whole Lotta Love« von Led Zeppelin, bevor er ins Wasser ging. Jeff Buckley wurde dreißig ? zwei Jahre älter als sein Vater. TRICKY Ponderosa Den Künstler Tricky sollte man mit einer Selbstbeschreibung vorstellen: »Ich rauche viel Gras und es ist erwiesen, dass Menschen, die Gras rauchen, sich mal für den Teufel halten und mal für Jesus.« Wenn man dieses Zitat liest und dabei das Stück »Ponderosa« hört, dürfte deutlich werden, dass Tricky zu den großen Popirren zählt, in naher Verwandtschaft zu Syd Barrett, Brian Wilson, Sly Stone und Björk; mit Letzterer soll er gar eine Liebesbeziehung unterhalten haben ? was für eine Vorstellung! Leider haben Popirre die Eigenschaft,nach einem starken Karrierebeginn zunehmend unhörbaren Mist zu produzieren. Zum Zeitpunkt von »Ponderosa« aber befindet sich Tricky alias Adrian Thaws, obwohl bereits dreißig Jahre alt, noch am Anfang seiner Laufbahn. Aufgewachsen ist er in der Stadt Bristol,wo er sich schon früh mit Kleinkriminalität und weichen Drogen beschäftigte.Nach einem Aufenthalt in einer Besserungsanstalt traf er auf ein paar DJs, unter ihnen Nellee Hooper, der später Soul II Soul gründete, sowie Andrew »Mushroom« Vowles und Grant »Daddy G« Marshall,später bei Massive Attack.Zusammen bildeten sie das DJ-Kollektiv The Wild Bunch, das sich schnell einen Namen machte wegen seines Mutes, Punk mit Reggae, HipHop und Soul zu mischen. 1991 beteiligte Tricky sich an den Aufnahmen zum Album Blue Lines von Massive Attack, das zu Recht als eine der prägenden Platten der Neunziger gilt ? was nicht unbedingt als Trickys Verdienst zu werten ist; seine Stimme erklingt nur dreimal, etwa auf der Hitsingle »Daydreaming«.
Sein künstlerischer Durchbruch gelingt ihm mit dem Stück »Karmacoma« auf Protection, dem 94er-Album von Massive Attack. Seine Idee für das Stück »Aftermath« aber wird von der Band abgelehnt.Tricky beschließt, sich selbstständig zu machen. Seine zweite Solosingle nach »Aftermath« heißt wie die Ranch in der Westernserie Bonanza: »Ponderosa«. Der Rhythmus, der nach ein paar Eröffnungstönen einsetzt, erinnert entfernt an den von »Karmacoma«, auch wenn er sich zur Vorlage verhält wie ein Fieber- zu einem Tagtraum. Mit »Ponderosa« zieht Tricky den Hörer mit in die Untiefen seiner abgedunkelten Seele. Eine Zeile lautet dementsprechend: »I drink till I'm drunk and I smoke till I'm senseless« (»Ich trinke, bis ich betrunken bin, und rauche, bis ich das Bewusstsein verliere«). Die erste Stimme im Lied kommt von der Sängerin Martina Topley-Bird,welche das amerikanische Magazin Vibe als »die schwarze Marlene Dietrich des Soul« bezeichnet. Tricky murmelt im Hintergrund und steuert in den Breaks zwischen den Strophen ein frivoles Keuchen bei.
Der Wahnsinn schritt voran: Im Folgejahr erschien das Album Maxinquaye, auf dem Martina Topley-Bird das Public-Enemy- Stück »Black Steel« nachsang und Tricky eine musikalische Entsprechung zum Krankheitsbild Paranoia fand. Fast im Jahresrhythmus schlossen sich von da an Veröffentlichungen an, auf denen Tricky Erreichtes vertiefte und wiederholte. Doch was bei »Ponderosa« noch anziehend und verwirrend wirkte, verlor immer mehr an Kraft,bis es bald in düsterer Langeweile stagnierte.
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