






|
 |
ADEVA I Thank You Die Kirche war immer ein guter Trainingsplatz für den Tanzclub. Das gilt sowohl für Discodiven wie Gloria Gaynor und Loleatta Holloway als auch für die Housesängerin Adeva: Sie alle haben den Gospelgesang unter der Glitzerkugel verbreitet. Adeva, bürgerlich Patricia Daniels,wurde in New Jersey als Tochter eines schwarzen Predigers groß,der ihr verbot,säkulare Musik zu hören. Also sang Adeva Gospels im Kirchenchor, leitete ihn bald und gab Gesangsunterricht. Doch es dürstet sie nach Ruhm und sie nimmt an Gesangswettbewerben teil, von denen sie aber bald ausgeschlossen wird,weil sie immer gewinnt. 1988 singt sie zum ersten Mal zu einem Housetrack: »Bis zu diesem Tag war ich noch nie in einem Club gewesen«, erzählt Adeva später. Ihre ersten Singles, zu denen auch »I Thank You« gehört, fallen auf in den Clubs, denn Adeva interpretiert das Genre Deephouse wie eine Soulsängerin,indem sie die funktionalen Tracks mit ungewöhnlich viel Ausdruck auflädt.Trotzdem blieb in den folgenden Jahren der erwartete Durchbruch aus. 1992 ließ ihre Plattenfirma sie fallen. DE LA SOUL Me, Myself And I 1989 ist einer der Wendepunkte in der Geschichte des HipHop: Im Jahr 1979 waren die ersten HipHop-Maxis erschienen; die Pioniere der neuen Musik,allen voran Grandmaster Flash,kamen zu Ruhm,der sie rasch aufzehrte.Russell Simmons veröffentlichte 1984 die ersten New-School-Platten auf seinem Label Def Jam, unter anderem von LL Cool J, und schuf damit den Typus des egozentrischen Rappers, dem es um den schnellen sozialen Aufstieg ging. Nach wenigen Jahren ist auch diese Sensation verglüht und so treten im Jahr 1989 eine Reihe junger Rapper und DJs auf den Plan, die dem Genre HipHop eine neue Richtung geben: freundlicher, intellektueller ? und damit auch interessant für ein weißes,akademisch geprägtes Publikum. A Tribe Called Quest reichern Rap mit Philosophie an; das Duo Gang Starr benutzt Samples aus dem Jazz.Und drei Jungs aus dem New Yorker Vorort Amityville kleiden sich in Hemden mit Blumenmuster statt in extraweite Sweatshirts und tragen afrikanische Lederamulette statt Goldketten: Posdnuos,Trugoy The Dove und Pasemaster Mase sind De La Soul, die ersten Blumenkinder des HipHop. Sie künden vom Daisy Age, rasieren sich das Peace- Zeichen ins Haar ? und sind eingeschnappt, wenn man sie Hippies nennt. So eingeschnappt, dass sie einen Song darüber schreiben: »Me,Myself And I« handelt von der Identitätskrise dreier junger Männer, die sich missverstanden fühlen: »Hippies ? no we're not«, heißt es in einer Textzeile, »nein, wir sind keine Hippies«. Und auf der B-Seite der Maxi findet sich ein Stück mit dem Titel »Ain't Hip To Be Labelled A Hippie« ? »es ist nicht schick, als Hippie bezeichnet zu werden«.
Auch wenn namhafte Rapper wie Chuck D. von Public Enemy sowie KRS-One sich als Anhänger des Trios bezeichnen, bleiben De La Soul Außenseiter in der HipHop-Welt.Ihr Wohnort fern der Ghettos kennzeichnet sie als Bürgersöhne; ihre »Blumen statt Uzis«-Haltung kommt in der Stammhörerschaft des HipHop schlecht an; und auch musikalisch entfernen sich De La Soul von den Standards des Achtziger-Rap: Ihr Beat scheppert nicht wie auf den Def-Jam-Platten, er schlurft eher dahin.Verantwortlich dafür ist ihr Produzent Prince Paul, der als viertes Mitglied gilt und Samples sowohl von Steely Dan als auch von George Clinton in den Stücken unterbringt.Auf dem Album 3 Feet High And Rising erklingen außerdem Schnipsel von Johnny Cash, Otis Redding, Hall&Oates sowie Sly Stone.Kritiker nennen es aufgrund seiner Verfeinerungsstrategie das Pet Sounds des HipHop,in Anspielung auf das verspielt-visionäre Album der Beach Boys.
Richtig glücklich ist die Gruppe mit ihrem Image aber nie geworden; schon ihr zweites Album nannten sie De La Soul Is Dead. Später trennten sie sich von Prince Paul und verlegten sich auf die Produktion von Konzeptalben. Mit Mitte dreißig gehören Posdnuos, Trugoy The Dove und Pasemaster Mase heute zu den Senioren des HipHop.Auf Fotos tragen sie manchmal Latzhosen, die sie, wirklich wahr, ein bisschen wie Hippies aussehen lassen. HAPPY MONDAYS Hallelujah In Manchester bricht der so genannte »Winter of Love« an, nur noch ein paar Wochen, dann beginnen die Neunziger: Die Tänzer in den Clubs Hacienda oder Thunderdome nehmen noch einen klitzekleinen Tick mehr Ecstasy als schon im Londoner »Summer of Love« von 1988 und mittendrin liefern die Happy Mondays ? mit ihrer Mischung aus Housebeats,Northern Soul, Fußballchören und der psychedelischen Gitarrenmusik der Sechziger ? den Sound zu den Drogen. Es ist die Zeit, in der Manchester zu einem ausufernden Party-Eldorado verkommt,ein Magnet für die gelangweilte Jugend der Thatcher-Generation.
In diesem Winter nun, in dem angeblich sogar die Schlägereien in Manchesters Fußballstadien unter der Einwirkung von Ecstasy rückläufig sind, fordert Shaun Ryder, Sänger und ebenfalls durch Drogen verwirrter Kopf der Happy Mondays, einen Weihnachtssong: Die Band nimmt also die krank klingende Single »Hallelujah« auf und eröffnet mit ihr auch die EP Madchester, die die liederlichen Zustände der Stadt widerspiegeln soll, was ihr ? retrospektiv betrachtet ? uneingeschränkt gelingt: Der Acidhouse-Beat spült Ryder irgendwie durch die Songs, er lacht und zischt und nölt, die Texte sind inkohärent, oft sogar unverständlich ? was allerdings auch auf Ryders nordenglischen Asozialendialekt zurückzuführen ist.Was Madchester zusätzlich merkwürdig klingen lässt: Ausgerechnet Martin Hannett, Produzent der ehemals notorisch deprimierten Band Joy Division, sollte diese unbefangenen, fröhlichen »Hooligans auf Ecstasy« (Ryder über die Happy Mondays) abmischen ? eine bizarre Konstellation, doch auch dafür fand Ryder eine Lösung: »Wir gaben Martin zwei Ecstasy-Pillen pro Tag. Jede hat 25 Pfund gekostet! Aber es hat sich gelohnt, denn Martin bekräftigte in einem fort: Ich spüre nichts, aber ich bin in einem supertollen Bewusstseinszustand.«
In diesen Monaten, kurz vor Anbruch der Neunziger, ruft die Musikpresse eine neue »Power Generation« aus: Endlich ist sie da, nachdem die englische Szene seit Mitte der Achtziger vor sich hin dümpelte und sogar The Smiths sich aufgelöst hatten. In den Happy Mondays und ihren Kollegen von den Stone Roses ? ebenfalls aus Manchester und nur etwas weniger auf Ecstasy ? sehen die Kritiker »eine großartige düstere britische Pophoffnung für die gesamte neue Dekade« (The Face). Und tatsächlich: Schon im April 1990 schossen die Happy Mondays mit ihrem dritten Album Pills, Thrills And Bellyaches auf ihren Höhepunkt. Das Album war ein Knüller, bis heute gilt es als eines der wichtigsten der Neunziger und den Rest des Jahres 1990 verbrachten die Happy Mondays als Superstars ? bevor sich Shaun Ryder in ein jahrelanges Delirium verabschiedete. THE PASTELS Anne Boleyn Heinrich VIII.hatte sechs Frauen; seine zweite,Anne Boleyn,überließ er dem Scharfrichter, weil es ihr nicht gelungen war, einen Thronfolger zu gebären.Boleyn endete 1536 im Alter von 35 Jahren auf dem Schafott.Was hat eine solche Frau in einem Popsong zu suchen? Dem Sänger Stephen Pastel dient sie nur als Metapher: Jemand stolpert in den Raum wie Anne Boleyn,heißt es zu Beginn des Liedes, das sich auf Sittin' Pretty findet, dem zweiten Album der schottischen Band The Pastels. Gegründet 1982 in Glasgow, haben die Pastels auf eine sehr unscheinbare Weise die britische Popmusik der Achtziger geprägt: Ihr bewusst einfach gehaltener Gitarrenpop beflügelte eine Menge junger schottischer Bands, dem Songschreiber Stephen Pastel nachzueifern, unter ihnen Teenage Fanclub und Primal Scream. Dass viele ihrer Nachfolger erfolgreicher wurden, verdankten sie ihrer zum Programm erhobenen Lethargie. »Karrieregeilheit und nackte Ambitionen finde ich echt daneben«, sagte Stephen Pastel einmal. THE NEVILLE BROTHERS Yellow Moon Zu den Attraktionen des Karnevals in New Orleans ? des »Mardi Gras« ? gehören von jeher die farbenprächtigen Umzüge der »Indianer«-Stämme; die vermeintlichen Indianer sind allerdings gar keine, sondern Afroamerikaner, die sich für die Dauer der tollen Tage eine neue Identität borgen. Als Big Chief Jolley, Häuptling des Stammes der Wild Tchoupitoulas, 1975 einen Plattenvertrag erhielt,bat er kurzerhand drei seiner Neffen um Begleitung. Aaron, Charles und Cyril Neville machten sich mit ein paar Einkaufstaschen voller Tamburins,Cowbells und Congas auf den Weg ins Studio und unterlegten die Mardi-Gras-Gesänge ihres Onkels mit einem Percussion-Teppich ? die Blaupause des zwei Jahre später erscheinenden Debüts der Neville Brothers. Als die Brüder anschließend mit ihrem Onkel und seiner Band touren durften, bot ihnen der Job einen Ausweg aus einer künstlerisch und persönlich verfahrenen Situation: Aaron verdingte sich als Hafenarbeiter, Charles kam frisch aus dem Knast,wo er wegen Marihuanabesitzes drei Jahre abgesessen hatte, und der älteste Bruder Art, der noch dazustieß, haderte als Studiomusiker schon lange mit dem Discoboom.
Dabei hatten die Neville-Geschwister in ihrer Heimatstadt New Orleans schon für Aufsehen gesorgt: Art war bereits 1954 zu einer lokalen Popsensation aufgestiegen, nachdem seine Highschool- Band The Hawketts mit »Mardi Gras Mambo« die spätere inoffizielle Hymne des Karnevals einspielte. Bald schlossen sich Charles und Aaron der Band ihres Bruders an. Aaron, ein Muskelprotz und vorbestrafter Autoknacker, sang sich mit seiner hellen Stimme erstmals 1960 in die Charts: »Over You«. Sechs Jahre später folgte die Ballade »Tell It Like It Is«, ein Smash-Hit, der noch heute zum Repertoire jedes Neville-Brothers-Konzerts gehört. Auch Art hatte mit Songs wie »Cha Dooky-Doo« oder »Oo-Whee Baby« kleine Erfolge. 1968 heuerte der berühmte Produzent Allen Toussaint Art Neville And The Sounds als Hausband seiner Seasaint Recording Studios an. Sie begleiteten dort Künstler wie Betty Harris und Robert Palmer, bevor sie als The Meters mit laszivem Funk Furore machten.
Die Neville Brothers sollten all diese musikalischen Elemente neu zusammensetzen,den R&B mit den Black-Indian-Rhythmen von New Orleans aufmischen. In deren Gesängen finden sie auch das Rohmaterial für den Song »Yellow Moon«: Nach jahrelangem Schlingern zwischen Tradition und Mainstream liefert das gleichnamige Album ? nicht zuletzt dank der Kunst des Starproduzenten Daniel Lanois ? endlich eine glaubwürdige und hitverdächtige Verbindung von Rock, Soul und Voodoo-Atmosphärik. Der von Aaron Neville gesungene Titel beschwört mit karibischen Conga-Rhythmen, träumerischem Saxofon und delikat gesponnenen Soulharmonien ein New Orleans voller Ahnengeister und exotischer Mythen ? nicht die Touristenversion, sondern die Heimat von Big Chief Jolley. FINE YOUNG CANNIBALS I'm Not The Man I Used To Be Auf die Idee, Sänger zu werden, kam der junge Roland Gift, als ihm sein Nachbar drei Platten von Otis Redding auslieh. So wie Otis singen ? das wäre es, dachte er.Und tatsächlich erinnert ein gutes Jahrzehnt später der Tenor des Fine-Young-Cannibals- Sängers ein wenig an den des Soul-Großmeisters. So war Gifts Stimme immer der wertvollste Besitz des Trios aus Birmingham, obgleich manche sie auch als nervtötend empfanden. Ihr klarer, starker Ausdruck und das gelegentliche Falsett machten den mit Motown, Funk und R&B vermischten Pop der Fine Young Cannibals auf jeden Fall unverkennbar. In »I'm Not The Man I Used To Be« hört man sie zum ersten Mal nach vier Sekunden ? mit einem kleinen Schrei wie von einem aufgeschreckten Vogel. Den von der Melancholie des Blues getragenen Text singt Gift mit hadernder Nachdenklichkeit, die am Ende sogar in Verzweiflung umschlägt. Doch der nervöse Beat und die im zweiten Teil einsetzende Trompete sorgen dafür, dass der Song nicht ins Depressive driftet. ROCKO SCHAMONI Sex, Musik und Prügeleien In seinem autobiografischen Roman Dorfpunks beschreibt Rocko Schamoni eindringlich den Frust einer ziellosen Jugend in der schleswig-holsteinischen Provinz: Mit bunt gefärbten, bierverklebten Haaren versuchte er, gegen die ihn umgebende Spießigkeit zu rebellieren ? woraufhin ihn seine verständnisvollen Eltern zu einer Töpferlehre überredeten! Kein Wunder, dass diese gut gemeinte Tat eine extreme künstlerische Gegenreaktion provozierte.
Ab Mitte der Achtziger trat Rocko Schamoni mit einem Sombrero auf dem Kopf als Alleinunterhalter im Vorprogramm von Punkbands wie den Toten Hosen und den Goldenen Zitronen auf; wobei seine damaligen Shows zum gleichen Anteil aus Witzen bestanden wie aus Musik. Seine erste Single trug den programmatischen Titel »Hallo, Ich Bin Rocko Schamoni«, 1988 erschien die LP Vision, auf deren Cover er in einer Art Leopardendress posiert, dabei lasziv eine Banane streichelnd, in die das Wort »Sexy« eingekerbt ist. Die Platte klang müllig, enthielt aber viel Humor und genug starke Songs, um in den richtigen Kreisen Eindruck zu machen. Denn im Herbst 1988 geschah etwas völlig Unerwartetes: Das Dreier-Livealbum Nach Uns Die Sintflut von Die Ärzte wurde zum überraschenden Megaseller; die Berliner Band verdrängte damit sogar U2 von der Spitze der LP-Charts! Dummerweise hatten sich Die Ärzte gerade aufgelöst und so verfielen die deutschen Plattenfirmen in hektische Betriebsamkeit: Wer könnte nun an ihre Stelle treten? Die Polydor glaubt,in Rocko Schamoni den Nachfolger gefunden zu haben; schließlich ist er sogar mit den Ärzten befreundet. Deren ehemaliger Schlagzeuger Bela B. Felsenheimer wird angeheuert, um Schamonis Majordebüt Jeans Und Elektronik zu produzieren. Das Album soll ein Hit werden, zu diesem Zweck nimmt Schamoni sogar eine Coverversion des Michael-Holm- Heulers »Mendocino« auf.
Doch der vermeintlich radiotaugliche Poprock-Sound, den Bela B. seinem alten Kumpel verpasst, passt nicht wirklich zur Undergroundattitüde, die Schamoni trotz allen kommerziellen Kalküls weiterhin anhaftet. So sticht vor allem »Sex, Musik Und Prügeleien« heraus: Der mit einem dezenten Latinrhythmus und einem Mundharmonikasolo angereicherte Schlager über einen einsamen Nachtschwärmer ist das atmosphärischste Stück der Platte. Jeans Und Elektronik wird natürlich doch kein Hit, sondern prägt ein Muster, das sich bis heute durch Rocko Schamonis wechselhafte Karriere zieht: Er ist ein toller Entertainer, der sein Potenzial jedoch nie komplett realisieren konnte. STEPHAN EICHER Rien À Voir Vom Eisbären, der niemals weinen muss, handelte sein erster Hit und mit seiner Band Grauzone schwamm der Schweizer Stephan Eicher auf der Neuen Deutschen Welle. Als diese kaputtkommerzialisiert war, löste Eicher Grauzone auf und machte allein weiter. Dazu brauchte er nicht mehr als einen Synthesizer und ein Mikrofon ? und allmählich werden seine Kompositionen gefälliger: Sein ursprünglich zorniges Geschrei weicht einem zurückhaltenden Gesang voll unbestimmter Sehnsucht, dargeboten auf Englisch,Französisch,Deutsch oder Schweizerdeutsch. Die Begeisterung für Bob Dylan und Patti Smith ist seinen Liedern anzuhören, aber auch die Nähe zum Chanson und zu Schweizer Folklore. In Deutschland bleibt Eicher eine Randfigur, in Frankreich machen ihn seine Balladen zum Star. »Rien À Voir« ist ein trauriges Lied über das Scheitern einer Liebe: »Dies hat nichts mit dir und nichts mit mir zu tun. Es gibt Dinge, die sind einfach so.« Den Text hat ein Freund geschrieben: Philippe Djian,französischer Softpornoliterat und Autor von Betty Blue. PIXIES Debaser Die Popgeschichte kennt Bands, die zu früh kamen: Bands also, deren Ruhm zu ihrer aktiven Zeit in keinem Verhältnis zu dem Einfluss stand,den sie auf spätere Musiker hatten.Der bekannteste Fall sind wohl The Velvet Underground, doch man könnte auch die Pixies dazuzählen. Sagte doch Kurt Cobain über seine Grunge-Hymne »Smells Like Teen Spirit«: »Ich habe versucht,den ultimativen Popsong zu schreiben. Im Grunde habe ich versucht, die Pixies nachzumachen.« Nirvana wurden die Band, die den Alternative Rock in den Mainstream brachte. Doch eigentlich hätten es die Pixies sein müssen. Als 1989 das Album Doolittle erscheint,eröffnet vom mitreißenden »Debaser«, gelten die Pixies schon als sensationell erfolgreich. Dass eine Undergroundband in die US Top 100 oder gar in die britischen Top Ten einsteigt, ist zu jener Zeit absolut ungewöhnlich. Und in Interviews wird Sänger Black Francis gefragt, ob nun der Reichtum über ihn hereingebrochen sei ? immerhin: Für einen Cadillac und ein Haus in Los Angeles reicht es. Die Pixies haben es geschafft, glaubt man ? denn niemand kann sich zu diesem Zeitpunkt vorstellen,was Nirvana erreichen werden.
Die Pixies entstanden 1986, als Black Francis und Gitarrist Joey Santiago in Boston per Kleinanzeige (»Musiker gesucht, die Hüsker Dü und Peter,Paul&Mary mögen«) die Bassistin Kim Deal fanden,die wiederum den Schlagzeuger David Lovering vorschlug. Über eine andere Bostoner Band, die Throwing Muses, landeten sie beim englischen Independent-Label 4AD, das bis dahin hauptsächlich für die ätherischen Klänge der Cocteau Twins bekannt war.4AD veröffentlichte das Demoband der Pixies gleich als EP, Come On Pilgrim. Und schon das erste Album, Surfer Rosa von 1988, definierte den typischen Pixies-Sound: euphorischer Krach mit poppigen Melodien. Doolittle bringt die Laut-Leise-Dynamik noch besser auf den Punkt, dazu haben Songs wie »Here Comes Your Man« oder »Monkey Gone To Heaven« sehr eingängige Melodien ? das Album ist ihr Meisterwerk.
Dass es die Pixies nicht zu den Superstars macht,die Nirvana werden sollten,liegt wahrscheinlich daran, dass die Band nicht zur Identifikation einlädt.Ihre Songs handeln von Black Francis'Privatobsessionen,Ufos,Alttestamentarischem oder aber, im Falle von »Debaser«, von Luis Buñuels Film Ein andalusischer Hund. Und es sei eigentlich auch egal, worum es geht, sagt Black Francis gern. Vielleicht schwärmen deshalb so viele Musiker für die Pixies, von David Bowie über Bono Vox bis zu Radiohead: Die Bedeutung liegt in der Musik selbst. Nach Doolittle veröffentlichten die Pixies noch zwei Alben,beide gut, aber nicht grandios, dann löste Black Francis die Gruppe per Neujahrsfax 1993 auf.Kim Deal hatte da bereits ihre eigene Band,The Breeders.Black Francis machte als Frank Black Soloalben,die aber auf immer weniger Interesse stießen. Und 2004 wurde das Geld knapp: Die Pixies kamen wieder zusammen für triumphale Konzerte, angeblich sollen sogar neue Aufnahmen geplant sein. Werden sie nun endlich den ganz großen Ruhm ernten können? NENEH CHERRY Manchild Ein Auftritt bei Top of the Pops im englischen Fernsehen machte Neneh Cherry berühmt: Im achten Monat schwanger stand sie in hautengem Kleid auf der Bühne,um ihren Rap-Popsong »Buffalo Stance« vorzustellen.Auch die nächste Single wird ein großer Hit: Sie heißt »Manchild« und das neue Menschenkind, Neneh Cherrys zweite Tochter Tyson,ist natürlich im Video zu sehen.Der öffentliche Umgang mit ihrer Mutterrolle mag damit zu tun haben, dass Neneh Cherry selbst als Musikerkind aufwuchs: Ihr Stiefvater war der Jazztrompeter Don Cherry.Er nahm seine Tochter Ende der Siebziger mit nach London,wo sie im Postpunk-Milieu als Sängerin begann. Mit dem 89er-Album Raw Like Sushi schafft sie endgültig den Durchbruch. Bei »Manchild« ist ein gewisser Robert Del Naja Koautor ? später Mitglied bei Massive Attack. Seither veröffentlichte Cherry zwei weitere Alben und mit dem Senegalesen Youssou N'Dour ihren größten Hit: »7 Seconds«. Doch viel wichtiger: 2004 wurde Neneh Cherry Großmutter ? ein Lied hat sie darüber aber noch nicht geschrieben. MANO NEGRA King Kong Five Es war Manu Chao, der den Begriff »La Pachanka« erfand: ein tollkühnes Gemisch aus Flamenco, Zigeunermusik und nordafrikanischer Folklore, aus Rap,Punk und Reggae. »Pachanga war ursprünglich die Musik,die man in Spanien auf den Fiestas spielte«, erklärte Chao, der Sänger von Mano Negra. »Wir haben sie adaptiert und dann aus dem ?g? ein ?k? gemacht,um den heftigeren Charakter zu betonen.« Die Musik von Mano Negra klang in der Tat heftiger als alles, was bis dahin aus Frankreich gekommen war, und reflektierte die Wut, die in den Pariser Vororten gärte. Beeinflusst von The Clash, spanischen Revolutionsgesängen und kubanischem Son benannte Chao ? Sohn eines oppositionellen spanischen Journalisten ? seine Band Mano Negra nach einer andalusischen Anarchistenbande. Bald war Mano Negra die erfolgreichste Rockband Frankreichs und ein paar Jahre nach dem Ende der Multikulti-Truppe machte 1998 das Soloalbum Clandestino Manu Chao endgültig zum Weltstar. N.W.A. Gangsta Gangsta Im Jahr 1987 trat der Chef des Drogendezernats von Los Angeles vor die Staatsanwaltschaft und rechtfertigte das überharte Vorgehen der Polizei in schwarzen Vierteln der Stadt mit den Worten: »Das hier ist Vietnam.« Tatsächlich tobte in den späten Achtzigern in South Central, Los Angeles, ein Straßenkrieg zwischen Stadtguerilla- Armeen, die sich ihre Waffenarsenale durch den Verkauf von Crack finanzierten. Laut Statistik verzeichnete der Stadtteil Compton zu dieser Zeit eine höhere Mordquote als ganz Washington D.C. oder Detroit. Angeblich war so gut wie jeder 15- bis 25-jährige Mann Mitglied in einer Gang. Die Behörden reagierten auf diese Zustände, indem sie das Polizeibudget fast verdreifachten und die Mittel für Parks und Freizeitanlagen um 97 Prozent kürzten.Compton war Kriegsgebiet. In dieser Situation beschloss der Drogenhändler Eric Wright 1986, dass er keine Lust mehr auf seine nicht ganz ungefährlichen Geschäfte habe, und gründete mit einem Teil seiner Einnahmen das Plattenlabel Ruthless. Er nannte sich Eazy-E und tat sich mit dem DJ Dr. Dre zusammen. Die Gruppe gab sich den Namen Niggers With Attitude, abgekürzt: N.W.A. Später stießen als weitere Rapper MC Ren und Ice Cube hinzu.
Auf ihrem ersten Album Straight Outta Compton, das 1989 erscheint und auf dem sich auch das Lied »Gangsta Gangsta« findet, treten N.W. A. ? mit den Worten von Ice Cube ? als Kriegsreporter auf. Sie erzählen von Überfällen, Drive-by-Shootings, von Polizeiwillkür, Cracksucht und von Mädchen aus der Nachbarschaft, die meist als »bitches« beschimpftwerden,als Schlampen.Im Hintergrund heulen dazu Polizeisirenen, knallen Schüsse, ertönen Explosionen. Einige Lieder, so etwa »Gangsta Gangsta«,funktionieren wie eine Audioreportage: Der Hörer rückt sehr nah ans Geschehen. Eazy-E sagt in einem Interview (siehe Seite 34), dass niemand in Compton darauf hören würde,wenn er Anti-Gewalt-Botschaften verkünde. Man kann N.W. A. so interpretieren, dass sie die Gewalt nicht mit guten Worten beenden wollen,sondern dass sie den Fokus auf die Geschehnisse in ihrer Umgebung lenken, damit diese zum ersten Mal überhaupt wahrgenommen werden. Erst danach lässt sich handeln.Die Wut, die in »Gangsta Gangsta« erklingt, lässt sich für jeden nachvollziehen, selbst wenn er nie in die Nähe Comptons oder eines anderen Armenviertels gelangt ist.
Obwohl Radiosender sowie MTV sich weigern, die Musik von N.W. A. zu spielen, verkauft sich Straight Outta Compton in kurzer Zeit mehr als eine Million Mal und etabliert ein neues Genre: Gangsta-Rap. Zu einem seiner wichtigsten Produzenten sollte Dr. Dre werden. Nach dem Ende von N.W. A. förderte er Snoop Doggy Dogg und 2Pac; als Produzent von Eminem und 50 Cent sitzt er heute fester im Sattel denn je. Ice Cube machte Karriere als Solorapper und Hollywoodstar. Eazy-E starb 1995 an den Folgen von Aids. SOUL IISOUL Back To Life (However Do You Want Me) Das Haarwachs feiert seine Renaissance,Supermodels steigen für weniger als fünfstellige Summen gar nicht erst aus dem Bett und ohne Markenlogo ist Kleidung nahezu nutzlos: Als die Achtziger und damit das Jahrzehnt der Äußerlichkeiten zu Ende gehen, gründen die beiden englischen DJs und Produzenten Jazzie B. und Nellee Hooper sowie der Musiker Philip »Daddae« Harvey die Gruppe Soul II Soul.Ihre Idee: Das Projekt muss mehr sein als nur eine Band, ihnen schwebt ein Gesamtkonzept aus Mode, Grafik, Frisuren, Musik und so weiter vor. Die kreativen Einzelelemente denken sie als Einheit und die Band als »Sound-System-Kollektiv«, dessen Mitgliederzahl sich ständig ändern kann. Auch das musikalische Mischkonzept aus Soul, HipHop und afrikanischen Einflüssen geht auf: Im März 1989 steigt »Keep On Movin'«, die erste Hitsingle von Soul II Soul, schon bis auf Platz fünf der englischen Charts. Das folgende Stück »Back To Life« ? erneut mit der wunderbar divenhaften, souligen Stimme von Caron Wheeler ? prägt dann nicht nur den Clubsommer 1989, sondern gilt bis heute als einer der Schlüsseltracks der britischen Soul- und R&B-Szene.
Jazzy B. sagte später, genau das sei sein Ziel gewesen: die Clubmusik mit seinem Sound nachhaltig zu prägen und Klassiker zu schaffen ? ein Anspruch, den schon der Titel des Debütalbums formuliert: Club Classics Vol. 1. Jazzy B. hat nicht übertrieben. Im Vergleich zu den eher aseptisch klingenden Charthits aus der Hitfabrik von Produzententeams wie Stock Aitken Waterman wirkt »Back To Life« mit seiner verschleppten Snaredrum, den geschickt gesetzten Handclaps und dem gefühlsstarken Text tatsächlich wie eine Alternative mit mehr Substanz.Diese gründet sich vor allem auf den Background der beiden Produzenten: Nellee Hooper, ein Discjockey aus Bristol,war Mitglied des Wild Bunch, einer Gruppe von DJs, aus der später die Gruppe Massive Attack hervorging. Jazzie B., bürgerlich Beresford Romeo, wuchs als jüngstes von zehn Kindern im Süden Londons auf. Er moderierte bei Kiss FM, damals noch ein Piratensender, machte einen Plattenladen auf, verkaufte Mode und erfand das »Dunky Dred«-Logo der Gruppe, das bald den Aufstieg der Clubkultur in den späten Achtzigern versinnbildlichen sollte. Doch ausgerechnet die offene Struktur des Kollektivs wandte sich mit wachsendem Erfolg gegen seine Mitglieder.
Noch vor den Aufnahmen zu Soul II Souls zweitem Album verließ Caron Wheeler die Gruppe, während Nellee Hooper und Jazzie B. für Sinéad O'Connor den Superhit »Nothing Compares 2 U« produzierten ? für Hooper der Beginn einer außerordentlichen Karriere: So mischte er in den folgenden Jahren die Hits von Künstlern wie Tracy Chapman, Janet Jackson, Madonna und U2; mit den Björk-Alben Debut und Post machte er die Isländerin zur Dancequeen. Jazzie B. wohnt mittlerweile auf der Karibikinsel Antigua und veranstaltet dort einmal im Jahr ein riesiges Musikfest. Der Name der Veranstaltung? »Back 2 Life« natürlich. FRANKIE KNUCKLES PRESENTS SATOSHI TOMIIE Tears Das Stück »Tears« fiel in eine Zeit der Neubestimmung und Selbstfindung in der Housemusik.Wo wollte diese junge Musik hin? Noch trug sie vor allem den Soul in sich, wurde nun aber immer elektronischer. Gleichzeitig flaut die erste Welle des Interesses aus Europa ab und die beiden wichtigsten DJs,Frankie Knuckles und Ron Hardy, verlassen die Geburtsstadt des House, Chicago. Dort haben sie fast die gesamten Achtziger über Philadelphia-Soul und R&B mit live gespielten japanischen Drumcomputern bearbeitet und so extrem tanzbare Discomixe geschaffen. Diese liefen in ihren Stammclubs,dem genrestiftenden Warehouse oder später im Power Plant. Doch schließlich reicht es Knuckles und mit dem Plattenkoffer in der Hand bereist er die Welt, während Hardy unter anderem in Los Angeles mit den Folgen seines ausschweifenden Lebenswandels kämpft, bevor er 1991 daran stirbt.
In Japan steckt ein klassisch ausgebildeter Pianist namens Satoshi Tomiie Knuckles ein Instrumentalstück zu,für das der sich nur eine Stimme vorstellen kann: die von Robert Owens. Dessen Timbre begeisterte seit Jahren viele House-Anhänger, seit Owens auf Larry Heards »Fingers Inc.«-Produktionen gesungen hatte. Knuckles kennt Owens noch als Stammgast in seinem Warehouse und reist schnell zurück nach New York,wo Owens inzwischen lebt. Ein paar Tage später beginnen die Aufnahmen. Die Zutaten: das Instrumentalstück von Tomiie aus Japan, die Produzentenkunst von Knuckles und die Stimme von Owens.Zusätzlich sorgt der von Knuckles mit an Bord geholte Eric Kupper an den Keyboards für den treibenden Viervierteltakt.
Mit der Verwendung von Cowbells bezieht sich Knuckles auf den späten Discosound, während Tomiies sauber akzentuierte Bassline schon in die Neunziger weist und Labels wie NuGroove oder Warp den Weg bereitet. Auch Owens'Gesang trägt die Vergangenheit und die Zukunft in sich: Er schlägt einen Bogen vom aus dem Jazz entliehenen Scat- Gesang zu den hier schon angedeuteten zukünftigen Aufnahmetechniken moderner Housemusik: dem Auseinanderhacken der Stimmen im Sampler. Owens' Zeilen treiben nicht nur die Dancefloorqueens beim Tanzen an, sondern geben ihnen auch noch ein bisschen Melancholie für den Morgen mit auf den Weg: »When the curtain comes down and the circus is through, no one is left but me, you and all my tears« (»Wenn der Vorhang fällt und der Zirkus vorbei ist, ist niemand übrig außer mir, dir und all meinen Tränen«). Frankie Knuckles hatte in den Neunzigern keinen Grund für Tränen: 1996 bekam er als erster DJ einen Grammy und bis heute heißt er The Godfather Of House. ZIGGY MARLEY&THE MELODY MAKERS One Bright Day Anscheinend wollte Bob Marley ganz sicher gehen,sein Talent zu vererben: Er zeugte mindestens elf Kinder. Den Erstgeborenen David alias »Ziggy« nahm er schon in jungen Jahren mit auf Tour und ins Studio,und als der Reggaestar nach seinem Krebstod 1981 mit einem Staatsbegräbnis geehrt wurde, spielte der 13-jährige Ziggy mit seinen Geschwistern unter dem Namen The Melody Makers für die Trauergäste. Erste Alben folgten, als alle noch Teenager waren.Einige Jahre lang galt die Band als leichtgewichtig und man vermutete, dass Ziggy aus seiner phänomenalen Ähnlichkeit mit dem Vater Kapital schlagen wolle. Mit dem Album Conscious Party von 1988 und dem Nachfolger One Bright Day gelingt es den Marley-Kindern jedoch,sich als ernst zu nehmender Reggae-Act zu etablieren; an Bob erinnert nur noch die Botschaft, dass eines schönen Tages Frieden unter den Menschen herrschen müsse.Wer wollte da widersprechen? DINOSAUR JR. Just Like Heaven Es beginnt wie ein mittelmäßiger Witz: J Mascis,Kopf der Rockband Dinosaur Jr., spielt die Gitarre auf »Just Like Heaven« so,wie sie schon Robert Smith, Kopf der Waveband The Cure, bei der Originalaufnahme des Songs gespielt hat,zwei Jahre zuvor.Als der Gesang von Mascis einsetzt,beschleicht den Hörer das Gefühl, es hier mit einer recht begabten Schülerrockband zu tun zu haben. Warum nur diese Coverversion? Für Nachgespieltes gelten in der Rockwelt drei Voraussetzungen: Ein Künstler covert,weil er bekannt werden will und die Plattenfirma seinem eigenen Liedmaterial nicht traut ? Beispiel: Robbie Williams singt auf seiner ersten Solosingle »Freedom« von George Michael. Oder er covert,weil er einen Comebackversuch startet und die Plattenfirma dem neuen Liedmaterial nicht traut ? Beispiel: Billy Idol schreit sich durch »L.A.Woman« der Doors. Oder, drittens, er covert,weil er das Lied in ungeahnte Tiefen zu führen weiß ? nachzuhören beim späten Johnny Cash.
Keines dieser drei Dinge trifft auf Dinosaur Jr. zu, eine Band, die sich 1984 im Bundesstaat Massachusetts zusammenfand, um Musik zu machen,die anfangs von Black Sabbath und Hardcorepunk beeinflusst war. Außer Mascis gehören noch Lou Barlow, später bei Bands wie Sebadoh und Folk Implosion, und der Drummer Murph dazu. Auf ihren drei Alben entwickelte die Gruppe ein wiederkehrendes Wechselspiel von hübschen Melodien und infernalischem Getöse. J Mascis wuchs zu einer Art Phil Spector des amerikanischen Undergroundrock: Mit mehreren Gitarrenschichten,Verzerrern und Wah-Wah-Pedal türmte er einen Wall of Sound auf, der auf Konzerten mitunter bleibende Schäden hinterließ. Über die Jahre ließ er seine Haare bis tief in den Rücken wachsen und wirkte,wenn er im Solospiel begriffen war,wie ein riesiges Insekt.
1988 gelang Dinosaur Jr.mit der Single »Freak Scene« ein Indiehit.Sie hätten es eigentlich gar nicht nötig gehabt, eine Coverversion zu spielen. »Just Like Heaven«, erschienen als Maxisingle, baut sich auf wie ein Splatterfilm: In der ersten Strophe erscheint alles noch harmlos, doch schon in der zweiten kommt es zu einer kurzen Entgleisung: Wenn das Wort »head« mit einem Nachhall wie durch einen Abfluss gezogen klingt, scheint eine böse Fratze aufzublitzen. Dann das Massaker: Im Refrain verwandelt sich die Popnummer in Thrash-Metal-Gegrunze; im Horrorfilm wäre das der Moment, in dem die Dämonen ausbrechen. Die dritte Strophe wirkt wie der Tag danach, an dem sich alle fragen: »Ist das wirklich passiert?« Die Antwort könnte der zweite Refrain geben, hätte jemand im Studio nicht jäh das Band durchtrennt: »Just Like Heaven« endet wie ein Unfall. Robert Smith hat sich übrigens prächtig über diesen Witz amüsiert: 1992 traten Dinosaur Jr. in Los Angeles als Vorband zu The Cure auf. Bei »Just Like Heaven« soll das Publikum etwas verstört reagiert haben. QUEEN LATIFAH FEAT.MONIE LOVE Ladies First Nicht, dass sich vor Queen Latifah keine Rapperin ans Mikrofon gewagt hätte.Doch einen bis dato nahezu hundertprozentig männlichen Musikstil dermaßen aufzumischen ? das ist schon eine Leistung. Anstatt sich auf eine Imitation maskuliner Machoposen zu beschränken, gibt Queen Latifah mit ihrem Debütalbum 1989 dem HipHop nämlich eine dezidiert feministische Note ? Ladies first! 1970 in Newark als Dana Owens geboren, schloss Queen Latifah sich früh dem HipHop-Pionier Afrika Bambaataa an und übernahm dessen Idee einer positiven,afrozentrischen Variante von HipHop. Dieser Einfluss lässt sich auch auf ihrer ersten Top-Ten- Single »Ladies First« hören ? die Queen bereitet hier im Duett mit Kollegin Monie Love über einem kargen, von Saxofonriffs und Scratches akzentuierten Beat den Weg für spätere Schwestern im Geiste wie Lauryn Hill oder Missy Elliott. LAURIE ANDERSON Strange Angels Seltsam, dass die Künstlerin Laurie Anderson noch nie in einem Film von Woody Allen aufgetreten ist: Denn mehr New York als diese Frau kann man eigentlich nicht sein. Bei Allen könnte sie eine Nervensäge spielen, die alles kann und alles weiß ? eine Art Susan Sontag der Popmusik also. In den Siebzigern trat Anderson, 1947 in Chicago geboren und im Alter von zwanzig nach New York gezogen,erstmalig als Performancekünstlerin auf; ihre ersten Platten sprach sie mit ihrer eiskühlen Stimme voll. Obwohl ihr Intellektuellenpop sich oft an der Grenze des Hörbaren bewegt, gelang es Anderson stets,Konzerthallen zu füllen. 1989 nimmt sie mit Strange Angels ihre eingängigste Platte auf,auf der sie ? einmalig in ihrer Laufbahn ? es bei einigen Liedern mit Gesang versucht. Wie eindrucksvoll es klingen kann,wenn Anderson den Künstlerinnenpanzer ablegt, zeigt das Titelstück. Sie muss über sich selbst erschrocken sein ? in den Jahren danach wurde ihre Musik wieder schroffer. Inzwischen lebt sie mit einer anderen Figur zusammen, die aus einem Woody-Allen-Film stammen könnte: Lou Reed. REMMY ONGALA&ORCHESTRE SUPER MATIMILA Kipenda Roho 1978 kam der gebürtige Kongolese Remmy Ongala nach Tansania; bis heute ist er einer der populärsten Musiker des Landes. Auch deshalb,weil er beherrscht,was gute Popmusik in Afrika leisten muss: seine Songs mit griffigen Lebensweisheiten zu spicken. Ende der Achtziger nimmt Ongala zwei Alben für Peter Gabriels Weltmusik-Label Realworld auf; so gelangt auch der Song »Kipenda Roho« nach Europa. Mit dem Geld, das er als einer der ersten afrikanischen Stars verdient, kann er für seine Band Instrumente und Verstärker kaufen und sich so aus der Abhängigkeit von Barbesitzern befreien.Ein paar Jahre später nützte das alles nichts mehr: In den Neunzigern bekam Remmy Ongala den Siegeszug elektronischer Musik zu spüren; das Bedürfnis nach Konzerten großer Tanzbands ließ immer mehr nach. F.S.K. »M« Wie München Ein Schriftsteller, eine Künstlerin, ein Kurator und ein Fotograf ? was sollen solche Leute bloß für eine Band gründen? Natürlich eine schlaue Band! Die Mitglieder von F. S.K. trafen sich 1980 beim Intellektuellenmagazin Mode und Verzweiflung. Anfangs spielten sie noch wavig-krachige Musik,um sich relativ schnell der musikalischen Grundlagenforschung zu widmen und etwa die Musik böhmischer Auswanderer in Texas zu rekonstruieren.In den Achtzigern veröffentlichten sie einige Platten, die verschiedenste Folklorestile,Pop und Elektronik zu einer raffinierten Kunstmusik verbanden, der dennoch nichts Artifizielles anhaftete. »?M? Wie München« entstammt ihrem fünften Album Original Gasman Band.Ein freundliches Miteinander von Hawaiigitarre und Drumcomputer gibt den Ton an; ein Schlagzeuger sollte erst 1991 zur Band stoßen. Jüngst widmeten sich F.S.K. in erster Linie der Aufgabe, Technostücke nachzuspielen.Wie Sänger Thomas Meinecke schon 1981 in Mode und Verzweiflung schrieb: »Heute Disco, morgen Umsturz, übermorgen Landpartie.«
|