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THE STRANGLERS Always The Sun Die Stranglers wurden 1977 durch den Punk mit nach oben gespült.Doch während die Punks durch verwegene Maskerade nur kaschierten,wie grün sie noch hinter den Ohren waren,kamen die Stranglers daher wie hartgesottene,vom Leben gezeichnete Übeltäter aus einem alten Gruselfilm. Der Basswummerer Jean-Jacques Burnel, Sohn französischer Restaurantbetreiber,hatte zwar auch ein Bubigesicht,veredelte es aber mit der missmutigen Miene des störrischen Taugenichts.Den kindischen Hang zu männerbündischen Wehrsportgruppen hatte sich der ehemalige Hell's Angel und Karate-Experte von dem japanischen Schriftsteller Yukio Mishima abgeschaut.Der Biochemiker und Lehrer Hugh Cornwell sang mit der misanthropischen Stimme eines verlebten zynischen Akademikers,der schon zu lange den Genussgiften zuspricht.Dave Greenfield wiederum sah mit seiner Musketier-Matte und dem passenden Bart aus wie der devote Scherge eines intriganten Kardinals und orgelte gnadenlos über die Stranglers-Songs rüber.Das wurde ihm als Doors-Verwandtschaft ausgelegt,dabei hatte der Progrock-Liebhaber dem manischen Tastenquäler Keith Emerson ebenso viel zu verdanken. Unten drunter hämmerte Jet Black,Typ Leichendieb,unerschütterlich den Amboss.Er hatte schon in den Fünfzigern bei Jazzgruppen getrommelt und war später als Eisverkäufer unterwegs. In der Punkszene wurden die Stranglers als Hippies und Sexisten verachtet,aber 1977 verkauften sie mehr Platten als alle Punkbands zusammen.Nach einigen mächtigen Alben mit gotischem Bärbeiß-Geboller ging ihnen der Dampf aus.Rocken konnten sie nun zwar nicht mehr überzeugend,dafür besannen sie sich auf ihre Anfänge als Softrockband und spielten schmeichelnden Schunkelpop mit Altmänner-Melancholie. Der Heroinwalzer »Golden Brown« und das versponnene »Strange Little Girl«,ein Stück aus ihrer Gründungszeit,sind ihre Meisterwerke. Mit Aural Sculpturegelang ihnen 1984 ihre letzte gute Platte.Die Stranglers verkauften sich darauf als Bildhauer fürs Ohr ? wieder ein für sie typischer Konzeptquatsch,der aber gegen die zeitlosen Songs nicht anstinken konnte. Auf dem Nachfolgealbum Dreamtime haben sie 1986 den letzten Biss verloren.Burnel,nun zum Öko- und Ethno-Aktivisten bekehrt: »Wenn ich heute jemanden treffe,den ich vor zehn Jahren abgrundtief gehasst habe,gehe ich mit dem Vorsatz auf ihn zu, ihn zu mögen.« Entsprechend windelweich enttäuscht das Album ? obwohl bei vielen Stranglers-Fans noch hoch im Kurs ? mit uninspirierten Kompositionen und abgeschmackten Sounds. Einzig der Song »Always The Sun« beschwört noch einmal die einstige Größe herauf.Hugh Cornwell wollte was über Atomenergie schreiben,der Song hört sich aber an wie eine Hymne auf die Selbstbehauptung gegen die Widerwärtigkeiten des Lebens. Band und Plattenfirma erwarten deshalb einen Welthit.Es reicht in England nur für Chartposition 30,in Deutschland schaffen sie allerdings mit Platz acht ihren größten Erfolg. PRINCE&THE REVOLUTION Kiss Erst wusste Prince gar nicht,was er mit diesem Lied anfangen sollte,das ursprünglich für eine lokale Funkband namens Mazarati vorgesehen war: »Ich hatte den Song schon lange und habe ihn andauernd wieder verändert«,sagte er und so schaffte es »Kiss« in dieser Version nur im letzten Moment auf Parade,das Soundtrackalbum zu seinem Film Under The Cherry Moon.Richtig zufrieden war Prince mit dem Arrangement nie ? dabei macht gerade dieser ausgedünnte,von allem Überflüssigen befreite Sound den Song auf irritierende Weise originell.Den Geniestreich,auf den Bass zu verzichten,hatte er bereits zwei Jahre zuvor bei »When Doves Cry« ausprobiert,aber »Kiss« klingt noch minimalistischer, purer ? die Essenz des Funk.Das Arrangement besteht fast ausschließlich aus elektronischen Drums,selbst die Keyboards sind eher perkussiv eingesetzt und nicht dem harmonischen Gerüst verpflichtet.Erst die das Trommelfell durchstechende Funkgitarre erdet die spitzen Brunftschreie von Prince,dem mit »Kiss« zum dritten Mal ein Nummer-eins-Hit in den USA gelingt. RUN DMC FEAT.AEROSMITH Walk This Way Eine sonderbare Paarung: hier ein in schwarzes Leder gehülltes Raptrio auf dem Weg nach oben,dort eine operettenhaft kostümierte Hardrock-Kapelle,die ihre besten Zeiten längst hinter sich hat.Zustande kommt sie so: Jam Master Jay,als DJ von Run DMC für eine möglichst druckvolle Rhythmik verantwortlich,tüftelt mit den Beats alter Rockscheiben herum,als der Produzent Rick Rubin eine Hymne seiner Teenagerzeit wiedererkennt: »Walk This Way« von Aerosmith,ein anzüglicher Song über die Sexerlebnisse eines Highschool-Jungen mit einem attraktiven CheerleaderMädchen. Rubin schlägt eine Coverversion vor ? die Zusammenarbeit mit Aerosmith erreicht Platz vier der US-Charts,das dazugehörige Album Raising Hellverkauft sich als ersteRapplatte mehr als eine Million Mal.Run DMC erobern den weißen Mainstream und machen den Weg frei für Gruppen wie Public Enemy und Eric B.& Rakim.Ganz nebenbei verhelfen sie Aerosmith,die die erste Hälfteder Achtziger hauptsächlich in Entzugskliniken verbracht haben,zu einem fulminanten Comeback. TIMBUK3 The Future's So Bright, I Gotta Wear Shades Yuppies gehören 1986 zum Mainstream. Inzwischen ist selbst die tiefste Provinz voll von diesen jungen Menschen,die sich Karriere,Pragmatismus,Vermögensbildung und Designerkleidung verschrieben haben.Langsam ist es nicht mehr witzig und umso willkommener ist ein Song,der mit dem ungeliebten LifestylePhänomen abrechnet: »I'm doing alright,getting good grades,the future's so bright,I gotta wear shades« (»Mir geht es gut,ich kriege gute Noten,die Zukunft ist so strahlend,dass ich eine Sonnenbrille tragen muss«). Beim ersten Hören von »The Future's So Bright,I Gotta Wear Shades« dachten nicht wenige,dass sich hier eine neue Generation genervt zu Wort meldet.Kids,deren ältere Geschwister Yuppies sind und denen das so auf die Nerven geht, dass sie mit beißender Ironie darüber herziehen.Die deren ewigen seelenlosen Achtziger-Powerrock-Sound nicht mehr hören können und sich lieber mit Mundharmonika und Akustikgitarre artikulieren. Die aber auch mit HipHop aufgewachsen sind und kein Problem haben,fette Beats aus der Maschine ballern zu lassen.Es soll ja auch nicht nach Großvater Dylan klingen. Aber von wegen Kids: Zwei texanische Eheleute stecken hinter Timbuk3.Pat MacDonald ist bereits 34,seine Frau Barbara 29,als sie mit dem Song ihr Debütalbum Greetings From Timbuk3eröffnen.Pat schreibt seit zwanzig Jahren erfolglos Songs und man wundert sich,dass seine Texte so frisch und amüsiert,so wenig verbittert oder frustriert klingen: »Ich hatte eigentlich nie richtig Grund,frustriert zu sein«,sagte er.»Höchstens,was das Geld angeht.Aber meine Musik befriedigte mich immer.Außerdem hatte ich Barbara und seit dreieinhalb Jahren haben wir einen Sohn ? man lernt,dass es wichtigere Dinge gibt.« Aber war »The Future's So Bright...« tatsächlich als Anti-YuppieHymne geplant? »Nein«,so Pat.»Das Lied wurde schon vor dem Auftauchen der Yuppies geschrieben.Wir dachten eher an die große Menge der Reagan-Wähler.Leute,die alles gut finden,was der Wirtschaft dient. Man muss sich die Wirtschaft als fetten Koloss vorstellen,dem man ständig Methedrin injiziert,weil er Stimulanz braucht,um bei Laune zu bleiben und weiter Witze zu reißen.Hört man irgendwann mal auf,ihn zu stimulieren,wendet er sich gegen dich und fährt mit deinem Auto und deiner Freundin weg.« NICK CAVE&THE BAD SEEDS Something's Gotten Hold Of My Heart »Ich konnte nie die Realität des Todes erfassen«,sagte der Brite Dennis Nilsen ? nachdem er fünfzehn Morde gestanden hatte.Da selbst auf diesen Experten offenbar kein erkenntnistheoretischer Verlass ist,bleibt es der Kunst überlassen,uns eine Ahnung dieses Geheimnisses zu enthüllen. Kaum ein anderer Musiker hat das Thema Tod so obsessiv eingekreist,die Verästelungen von Gewalt,Schuld und Verzweiflung so detailfreudig inszeniert wie Nick Cave.Seine Karriere begann Ende der Siebziger in Australien in einer Band,die auf eigene Weise auf die Nachwehen des britischen Punk reagierte: Birthday Party übernahmen zwar dessen Energieschübe,fanden aber die Drei-Akkord-Ästhetik zu dürftig. Bereits damals schwelgte Cave in Bildern existenzieller Grenzerfahrungen,schilderte in seinen Texten Szenen in fast kryptischer Sprachverdichtung. Deren Höhepunkt wurde sein Roman And the Ass Saw the Angel, den er Mitte der Achtziger in einem kleinen Zimmer in Berlin schrieb,wo er inzwischen lebte; ein Schild mit der Aufschrift »Genius at work« hing an seiner Stubentür. Seine neue Band The Bad Seeds hatte bereits auf zwei Alben das Terrain zwischen Postpunk und Blues vermessen,in seinen Songs schien jegliche Form der Existenz ausweglos,hier herrschten Gewalt und Verzweiflung.Als nun das dritte Album der Bad Seeds ansteht,hat Cave jedoch keine neuen Lieder vorzuweisen,so sehr hatte ihn sein Roman in Anspruch genommen.Kicking Against The Pricks wird daher ein Album mit Coverversionen ? für Cave eine Art hintersinniger Selbstvergewisserung.Er legt die Wurzeln seines Schaffens offen,verbeugt sich vor Helden wie The Velvet Underground,Johnny Cash,Leadbelly,John Lee Hooker oder Alex Harvey ? und stößt damit viele New-Wave-Fans vor den Kopf,deren Horizont kaum weiter zurückreicht als bis ins Jahr 1977. Besonders kontrovers ist sicherlich Caves Entscheidung,Gene Pitneys Powerballade »Something's Gotten Hold Of My Heart« zu covern.Doch Cave verdankt dem Meister des Melodramas eine Menge,nämlich das Wissen um die exakte Dramaturgie eines Songs,um die perfide Verführungskraft des Pathos.Mag diese streicherversüßte Version für die Cave-Fans auch aus der Zeit fallen,so definiert sie doch in schönster Weise einen anderen Aspekt eines Künstlers,der früher als viele andere New-Wave-Musiker den Song als dramatische Erzählung wiederentdeckte. THE SMITHS There Is A Light That Never Goes Out Zu den herrlichsten Versen in der Popmusik gehören diese: »And if a ten-ton truck kills the both of us,to die by your side the pleasure and the privilege is mine« (etwa: »Würde uns jetzt ein Zehntonner überrollen,blieben mir die Freude und das Privileg,an deiner Seite zu scheiden«).Man will sie jedes Mal,da sie erklingen, laut mitsingen,einstimmen in den (inszenierten) Kummer des Sängers Morrissey, der nun sogar dazu bereit ist zu sterben ? Hauptsache,er muss nicht heimkehren an den Ort,den er nicht länger sein Zuhause nennt.Würde dieses Lied das Album The Queen Is Deadbeenden,fühlte sich der Hörer selbst so,als sei er einem Zehntonner um Haaresbreite ausgewichen; da aber noch das beschwingte Stück »Some Girls Are Bigger Than Others« folgt, stellen The Smiths eher die Theatralik ihrer morbiden Pose heraus: Der Held will gar nicht sterben,es ist alles nur ein Traum. STAN RIDGWAY Camouflage Bei dieser Minioper lohnt es sich, auf den Text zu achten. »Camouflage« ist eine Geistergeschichte,die im Vietnamkrieg spielt.Ein junger Soldat wird von seiner Einheit getrennt und gerät in einen Hinterhalt des Vietcong.Wie aus dem Nichts taucht ein Hüne namens »Camouflage« auf,reißt Bäume aus und fängt Kugeln mit bloßen Händen.Als der Soldat schließlich unversehrt zu seinem Stützpunkt zurückkehrt,erfährt er,dass der Gefreite Camouflage in der Nacht zuvor in seinem Feldbett gestorben ist: Offensichtlich hat er auf dem Weg ins Jenseits einen Zwischenstopp eingelegt,um einen Kameraden zu retten.Stan Ridgway behauptet von sich,dass er seine Karriere als Bauchredner begann. Seine quäkende Stimme scheint das zu bestätigen.Mit seinem Solodebüt gelingt dem ehemaligen Frontmann der Wave-Band Wall of Voodoo ein Überraschungshit.Auch auf späteren Aufnahmen zeigte er sich als Geschichtenerzähler mit einem Hang zum Monumentalen; die erzählerische Dichte von »Camouflage« erreichte er allerdings nie wieder. BANANARAMA Venus 1988 schockten Bananarama sämtliche Musikliebhaber: »Noch ein Hit,und wir sind die erfolgreichste Girlgroup aller Zeiten«, erzählten sie dem New Musical Express.»Wir überholen die Supremes, ist das nicht traurig?« 24 Singles in den britischen Top 40 hatten Bananarama in ihrer Karriere ? nicht schlecht für drei Freundinnen,die eigentlich nur aus Spaß anfingen zu singen, Anfang der Achtziger im Proberaum des ehemaligen Sex-PistolsSchlagzeugers Paul Cook.Mit »He Was Really Sayin'Something« hatten sie 1982 ihren ersten Erfolg,doch als ihre Karriere Mitte der Achtziger ins Stocken geriet,suchte sich das Trio ein neues Produzententeam: Stock-Aitken-Waterman.Mit ihnen entsteht »Venus«, ursprünglich von der holländischen Band Shocking Blue; der Titel wird nicht nur in Europa ein Hit,sondern steht im Juli eine Woche auf Platz eins der US-Billboard-Charts.Das Tolle an Bananarama war aber,dass sie auch als Superstars immer die giggelnden Freundinnen blieben,für die der ganze Popbetrieb nur ein Spaß ist. CAMEO Word Up Im schwarzen Großstadtslang ist »Word Up« ein Ausdruck enthusiastischer Zustimmung.Der gleichnamige Song von Cameo wird hingegen zum Inbegriff des Synthiefunk der Achtziger: Bandleader Larry Blackmon und sein bevorzugt in gewagten Lack- und Lederklamotten posierendes Trio trifft mit näselndem Sprechgesang und sinister pumpenden Keyboardriffs perfekt den Zeitgeist.1974 waren Cameo aus der Band The New York City Players hervorgegangen.Es folgten Tourneen mit George Clintons P-Funk-Kollektiv.Später experimentierte Blackmon,beeinflusst von den New-Wave-Bands der Zeit,mit kantigen Elektrosounds; 1984 hob er mit dem Hit »She's Strange« einen neuen Stil aus der Taufe.Zwei Jahre darauf macht der Erfolg von »Word Up« sein Trio zu Stars.Blackmons »Awe«-Rufe und gepfiffene Westernmelodien werden zu den Cameo-Markenzeichen.Die Nachfolgealben enthielten zwar nur mittelmäßige Hits,doch »Word Up« bleibt ein Klassiker ? selbst die Metalband Korn hat ein Cover der Funkhymne eingespielt. TALK TALK Life's What You Make It Punk lag darnieder,die Energie war verpufft,der Gestus eingeflossen in ein paar teure Modekonzepte.Die New Wave war im Mainstream verplätschert.Doch die Marketingexperten kreierten flugs ein Etikett,unter das sich die Musik eines neuen Schnöseltums subsumieren ließ: New Romantics.Ein krawattenlüsternes Schmachten adrett frisierter Yuppies,die wahlweise die Rolle von Coverboys oder Vertretern der Synthesizer-Industrie spielten.Mithin also der Inbegriff all dessen,was an den Achtzigern zutiefst fragwürdig war.Bands wie Duran Duran wurden dem Etikett gerecht,erfüllten das Klischee der geistlosen Hübschgesichtigkeit. Aus diesem Glitzersumpf leuchtete 1982 das Genie der Band Talk Talk auf,die sich mit einem programmatischen Abgesang einführte: The Party's Over,so der Titel ihres Debüts. Von heute aus betrachtet erscheinen die ersten beiden Alben von Talk Talk wie eine geniale Strategie,sich in einen Trend einzupassen,um ihn dann von innen heraus zu boykottieren ? eine klassische Guerillastrategie des Pop.Nach zwei Alben und etlichen Singlehits können Mark Hollis,Tim Friese-Greene,Lee Harris und Paul Webb sich endlich dazu bekennen,dass sie eigentlich keine Beziehung zu Synthesizern und Elektronik haben.Ein Jahr und zwei Tage nehmen sie sich Zeit für die Produktion ihres Albums The Colour Of Spring,das in großen Teilen das Popformat noch erfüllt,aber schon an dessen Erweiterung,wenn nicht sogar Abschaffung arbeitet. Ein Zwischenstadium also, nur einen Schritt von der Radikalität des Albums Spirit Of Edenvon 1988 entfernt. »Life's What You Make It« ist dabei so etwas wie die durchlässige Membran zwischen den Welten von Pop und Abstraktion.Das Spiel mit den Klängen ist auf The Colour Of Springvon einer Subtilität und Raffinesse,die Arrangements so clever,dass sich das alte Etikett der New Romantics von selbst auflöst.Unter den zahlreichen Gastmusikern sind Steve Winwood,Danny Thompson, David Rhodes und Robbie McIntosh ? allesamt keine Verfechter des allzu Groben und Einfachen.Dabei bezieht gerade »Life's What You Make It« seine ganze Faszination aus einer einfachen Pianofigur, die als Bandschleife konsequent von Anfang bis Ende durchläuft: ein minimalistisches Gerüst,zwischen das sich Melodiekürzel und Solofragmente wie wild wuchernder Efeu winden.Mal schieben sie sich davor,mal verschwinden sie dahinter.So bleiben Vorder- und Hintergrund in einer andauernden Bewegung: der Song als hypnotisches Vexierbild. NEW ORDER Bizarre Love Triangle Wer New Order nur von der Maxisammlung Substancekennt, ist selbst schuld: Zwar war die Zwölf-Inch-Single in den Achtzigern das Hauptmedium der Band aus Manchester,doch in den aufgemotzten Langversionen der Lieder gingen manchmal einige ihrer einnehmenden Momente unter.Ein Beispiel dafür ist »Bizarre Love Triangle«,das Substance-Besitzer nur als Remix von Shep Pettibone kennen.Für sie mag es einer Entdeckung nahe kommen,die ursprüngliche Singleversion zu hören,wie sie auch auf dem Album Brotherhoodenthalten ist.Statt der synthetischen Basslinie erklingt hier der handgespielte Bass Peter Hooks,der Song erscheint dadurch tiefer ? und entspricht damit musikalisch eher dem Text Bernard Sumners,der eine heillos zerrüttete Beziehung besingt.Es bedarf,so legt es der Refrain nahe,eines tiefen Falls, um der Beziehung eine Wendung zu geben.New Order selbst brauchen diese Wendung nicht: »Bizarre Love Triangle« ist stabiles Bindeglied einer langen Kette von Hits,die erst in den Neunzigern vorübergehend abriss. RIO REISER Junimond Am 26.April 1986 schmilzt der Reaktorkern im Atomkraftwerk von Tschernobyl.Eine radioaktive Wolke weht über Mitteleuropa, es herrscht Angst.Im bayerischen Wackersdorf ist eine atomare Wiederaufbereitungsanlage geplant,seit Jahren protestieren lokale Bürgerinitiativen dagegen ? nach Tschernobyl wird der Kampf gegen Wackersdorf zur Sache der gesamten westdeutschen Protestkultur. Am 26. und 27. Juli kommen mehr als 100000 Menschen zum »Anti-WAAhnsinnsfestival« nach Burglengenfeld ? das bis dahin größte Rockkonzert in Deutschland. Auf dem Festival finden die neuen sozialen Bewegungen in der Bundesrepublik und die internationale Kultur des Benefizrockens zusammen.Das Line-up ist ein Verzeichnis des deutschen Rockestablishments der Zeit: BAP,Die Toten Hosen,Herbert Grönemeyer,Udo Lindenberg.Auch Rio Reiser ist dabei.Er habe gehört,dass die Kollegen bereits fleißig an ihren Bleistiften knabbern,um ein gemeinsames Schlusslied zu komponieren,spottet Reiser kurz vor dem Konzert: »Warum soll ich unbedingt was Neues schreiben,um ausgerechnet das Wort Wackersdorf drin zu haben? Das interessiert mich nicht.« In dem Zitat kommt eine Menge Distanz zu all den Konsensrockern zum Ausdruck,die nun auf der Bühne das Anti-Atomkraft-Banner schwenken.Kein Wunder,denn natürlich hat Reiser mit seiner früheren Band Ton Steine Scherben schon scharfen systemkritischen Rock gespielt, als all die jetzigen Rebellen noch nicht mal wussten,wie man »Bullenschwein« buchstabiert.Für Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten waren Ton Steine Scherben »die einzige Band,der es gelang,die Idee von Rockmusik eins zu eins ins Deutsche zu übertragen«. Doch für einen Teenager,der Rio Reiser 1986 mit seinem witzigen Charthit »König Von Deutschland« zum ersten Mal im Radio hört,erschließt sich der Unterschied zum sonstigen DeutschrockElend nicht so recht. Die alten Fans der Scherben halten es hingegen für einen Skandal,dass »ihr« Rio einen Vertrag bei der Plattenfirma CBS unterschrieben hat und offensichtlich auf die Hitparaden schielt.Reiser hat allerdings schon lange versucht,sich solchen Vereinnahmungen zu entziehen,und anlässlich der Veröffentlichung von Rio I., seinem ersten Soloalbum, betont er: »Klar ? Pop mag ich.« Außerdem ist er bei der Auflösung von Ton Steine Scherben 1985 auf einem Haufen Schulden sitzen geblieben; er braucht also kommerziellen Erfolg. Doch es gibt ein Lied auf Rio I.,das den Teenager in seinem ersten Liebeskummer ebenso anrührt,wie es die alten Scherben-Fans besänftigt, die sich an die großen Balladen der Band erinnert fühlen dürfen: »Junimond«.1986 steht der Song noch im Schatten des Hits »König Von Deutschland«,doch im Lauf der Jahre wurde »Junimond« zu Reisers nachhaltigster musikalischer Hinterlassenschaft. ANITA BAKER Sweet Love Anita Bakers Beginn im Musikgeschäft war alles andere als ermutigend.Nach der Highschool hatte sich die Detroiter Sängerin einer erfolglosen lokalen Band namens Chapter8 angeschlossen. Ihr Label stufte Baker jedoch als mittelmäßige Sängerin ein und ließ sie fallen.Frustriert nahm die verkannte Souldiva einen Job als Rechtsanwaltsgehilfin an ? bis ihr 1983er Album The Songstress alle überraschte: Bakers wunderbar rauchige,tiefe Stimme war das ideale Organ für Liebesballaden und transportierte eine Sinnlichkeit, die an Jazzgrößen wie Sarah Vaughan und Billie Holiday erinnerte.Zusammen mit ihrem ehemaligen Chapter8Kollegen Michael Powell wird Baker von Elektra für Rapture unter Vertrag genommen: ein jazzig arrangiertes Soulalbum,das bei aller Gediegenheit einen Ausweg aus den Post-Disco-Klischees aufzeigt.Das sanft schaukelnde,getragene »Sweet Love« beschert Baker 1986 gar einen Grammy als beste R&B-Vokalistin ? und etabliert beinahe im Alleingang ein neues Musikradioformat,das bald die sinnige Bezeichnung »Quiet Storm« erhält. JAN HAMMER Crockett's Theme In den Achtzigern trat ein neuer Typ von Musiker auf den Plan: der Keyboarder,der sich sein Instrument umschnallte wie eine Gitarre.Auch Jan Hammer ist ein solcher Keyboardschwinger ? dabei verfügt der 1948 in Prag geborene und 1968 nach Amerika ausgewanderte Musiker über hervorragende Zeugnisse aus den Bereichen Jazzrock und Fusion. Bevor Hammer den Auftrag erhielt,den Soundtrack für die Fernsehserie Miami Vicezu komponieren,zu dem auch »Crockett's Theme« gehört,spielte er unter anderem mit John McLaughlin und Al DiMeola zusammen, aber auch mit dem Bluesgitarristen Jeff Beck.Der Crossover zur kommerziellen Auftragsmusik scheint ihm nicht schwer zu fallen: Für das Titelstück »Miami Vice Theme« bedient er sich beim Rock,für die Erkennungsmelodie des Polizisten Sonny Crockett (dargestellt von Don Johnson) vermischt er Elemente des Fusionjazz mit New-Age-Spielereien,erzeugt mit dem »Harp Sound« des Yamaha-Synthesizers DX7.Der Miami Vice-Soundtrack beschert Hammer Millionenverkäufe und zwei Grammys. BANGLES Manic Monday Immer diese Montagslieder.Man kann sich den Moderator vorstellen,wie er im Radio über das Wetter plappert und den Verkehr, es ist 6.43 Uhr,und dann spielt er »Monday,Monday« der Mamas & Papas,»I Don't Like Mondays« der Boomtown Rats ? oder »Manic Monday« von den Bangles,einem Frauenquartett,bestehend aus den Schwestern Debbi und Vicki Peterson (Schlagzeug bzw. Gitarre) sowie Susanna Hoffs (Gesang) und Michael Steele (Bass). Trotz der sonnigen Harmonien handelt es sich bei dem von Prince unter dem Pseudonym »Christopher« komponierten Lied um ein Dokument der persönlichen und nationalen Depression: Das Mädchen,das verschlafen der Bahn nachhastet,hat Angst,zu spät zur Arbeit zu erscheinen.Ihren Job darf sie nicht verlieren,sie muss schon ihren arbeitslosen Freund durchfüttern ? »employment's down« in Reagans Amerika,niemand wird mehr eingestellt.Die Bangles dagegen müssen sich keine Sorgen machen: »Manic Monday« erreicht in Amerika Platz zwei der Charts,es folgten die Superhits »Walk Like An Egyptian« und »Eternal Flame«. ERASURE Sometimes Die Achtziger waren eine gute Zeit für schwule Popstars.Schließlich lagen die Wurzeln des englischen »New Pop« in Londoner Nachtclubs,die von der Schwulenszene dominiert wurden.Dort kleidete man sich so exaltiert,wie es Boy George auch als Popstar tat.Frankie Goes To Hollywood sangen in Leder.Und eine Band wie Bronski Beat thematisierte ausdrücklich die Diskriminierung Homosexueller.Dass sich andere Stars der Epoche wie George Michael oder die Pet Shop Boys erst Jahre später outeten,überrascht im Rückblick. Doch selbst in diesem Kontext waren die Bühnenkostüme des Erasure-Sängers Andy Bell extravagant: Von Raumfahreranzügen über knappe Gummioutfits bis zu Engelsflügeln war Bell in seiner Garderobe nichts zu gewagt.Damit habe er jungen Schwulen einen großen Gefallen getan,sagte er einmal: »So konnten deren Mütter aufatmen: Wenigstens ist mein Sohn nicht so schlimm wie dieser Typ.« Dass Erasure in Mütterkreisen überhaupt bekannt wurden,lag weniger an Andy Bells Kleidergeschmack als vielmehr an den zuckersüßen,fast schlagerhaften Synthesizermelodien von Vince Clarke.Clarke zählt zu den wenigen Musikern,die mit vier verschiedenen Bands und Projekten Hits hatten.In Basildon,einem Pendlerstädtchen östlich von London,gründete er mit zwei Schulfreunden eine Band namens Depeche Mode ? deren frühe Singles »New Life« und »Just Can't Get Enough« sind Vince-Clarke-Kompositionen. Doch den schüchternen Musiker erschreckte der schnelle Ruhm; er stieg nach einem Album aus,nicht ohne seinen Ex-Bandkollegen noch ein Lied anzubieten: die Ballade »Only You«.Doch Depeche Mode lehnten ab. Stattdessen nahm Clarke den Song mit der Sängerin Alison Moyet auf, die in einer Kleinanzeige eigentlich nach »erdigen Bluesmusikern« gesucht hatte,aber klug genug war,mit Vince Clarke zusammen das Synthiepop-Duo Yazoo zu gründen.»Only You« wurde 1982 ein Nummer-zwei-Hit.Yazoo veröffentlichten zwei Alben,bevor Moyet eine Solokarriere startete und Clarke den Plan fasste,seine Lieder unter dem Namen The Assembly mit wechselnden Sängern zu produzieren.Heraus kam allerdings nur »Never Never«,eine Ballade mit dem früheren Undertones-Sänger Feargal Sharkey. 1986 ist der erfolgsverwöhnte Vince Clarke etwas ungeduldig.Zusammen mit Andy Bell,der der 42.Vorsänger bei einem Casting gewesen war,hatte er Erasure gegründet,doch ein Album und drei Singles des neuen Projekts sind schon mehr oder weniger gefloppt.Im Video zu »Sometimes« tanzt Bell euphorisch auf einem Dach ? ungewöhnlich züchtig in T-Shirt und Jeans gekleidet. »Sometimes« steigt bis auf Platz zwei der Charts,die erste von bislang 29 britischen Top-20-Hitsingles von Erasure.Die Rockkritik konnte allerdings nie viel mit der Band anfangen.Doch das juckte die beiden Musiker wenig. XTC Dear God Als Relikte von New Wave befinden sich XTC 1986 irgendwie auf verlorenem Posten.Die filigrane Mischung aus Pop und Postmoderne,Melancholie und Ironie,Exzentrik und Detailverliebtheit,für die die Gruppe mittlerweile steht,passt nicht so recht in eine Umgebung von Donnerrock und Powerkeyboards.So sieht es auch die Plattenfirma: »Sie wollten von uns ein glattes,hartes Album«,erinnerte sich XTC-Sänger,Gitarrist und Hauptsongschreiber Andy Partridge.»Die Maßgabe war: irgendwo zwischen ZZ Top und The Police.« Gitarrist und Keyboarder Dave Gregory fügt hinzu: »Sie fanden uns zu englisch.Deswegen gaben sie uns eine Liste mit amerikanischen Produzenten.Wir kannten keinen von denen,bis auf Todd Rundgren.« Rundgren hat zu diesem Zeitpunkt schon eine ausgesprochen wechselhafte Karriere hinter sich.Bereits Ende der Sechziger war er mit der PsychedelicbandNazz und danach mit der ArtrockGruppe Utopia aktiv, veröffentlichte stilprägende GlamrockPlatten wie A Wizard,A True Starund produzierte eine große Zahl höchst unterschiedlicher Acts, darunter die New York Dolls, Grand Funk Railroad,Patti Smith und sogar Meat Loaf,dessen bombastische Rockoper Bat Out Of Hell Rundgrens größter kommerzieller Erfolg wurde. Sehr zum Missfallen des Kontrollfreaks Andy Partridge hat Rundgren ganz präzise Vorstellungen von der Zusammenarbeit.Aus den 35 Songs,die ihm Partridge und XTC-Bassist Colin Moulding als Demos zuschicken,wählt er 14 aus,die seiner Auffassung nach zusammenpassen.Im Studio wird gestritten,geschrien und geschmollt,aber dabei entsteht das sanft-verträumte,leicht psychedelische Konzeptalbum Skylarking,mit der Atmosphäre eines endlosen,etwas bittersüßen Spätsommers. »Dear God« passt da nicht hinein.Der Song erscheint zunächst nur als Single-B-Seite.Nicht zuletzt dank des für amerikanische Verhältnisse extrem provokanten Textes (»Dear God, I can't believe in you,you're always letting us humans down« ? »Lieber Gott,ich kann nicht an dich glauben,immer lässt du uns Menschen im Stich«) wurden Anfang 1987 jedoch die aufstrebenden US-College-Radiostationen auf den Titel aufmerksam und spielten ihn mit großer Regelmäßigkeit.Schließlich erschien die Single noch einmal,diesmal war allerdings »Dear God« die A-Seite und auch auf den nächsten Pressungen von Skylarkingwar der Titel nun mit drauf. Am Ende wurde das Album in den USA mit Gold ausgezeichnet sowie zum größten Erfolg im XTC-Katalog. Es bescherte der Gruppe eine neue Generation von Fans und eine Verlängerung ihres Plattenvertrages.Gott sei's gedankt. THE FALL Hey! Luciani Mark E.Smith,Sänger und Herrscher bei The Fall,wurde nach einem Sturz von der Bühne mit gebrochener Hüfte in ein Krankenhaus eingeliefert,wo er feststellte,dass bei ihm Schmerzmittel nicht mehr wirken.Seine Erkenntnis: »Man muss mir Morphium geben,damit ich überhaupt etwas spüre.Die haben mich voll gepumpt mit Morphium ? damit hätte man ein Boot voller betrunkener Seeleute kentern lassen können.« 28 Jahre im Popgeschäft hinterlassen ihre Spuren; jede einzelne hat sich tief in das Gesicht von Smith gegraben,der mittlerweile aussieht wie ein magenkranker Faltenhund. Smith gründete The Fall 1977,um dem Industrieproletariat der Stadt Manchester eine Stimme zu geben,wie er einmal sagte.Diese Stimme erklingt seitdem unverändert,leicht nasal,ein wenig angewidert ? wie von jemandem,der schon lange aufgehört hat,sich über die Verhältnisse zu amüsieren.Er ergeht sich in gesungenen Litaneien über die Verkommenheit der Welt; die Band, deren Mitglieder Smith fast im Jahresrhythmus heuert und feuert,liefert dazu einen blechern-kaputten Sound; ihr Groove gleicht stets einem Scheppern.Smith selbst hat das Phänomen The Fall so beschrieben: »Wir haben uns niemals verändert.Da sind wir wie eine Reggaeband ? man kann uns nie mit etwas verwechseln.« Trotzdem kann man von so etwas wie dem Goldenen Zeitalter von The Fall sprechen: Es handelt sich um jene Zeitspanne,in der Brix Smith,Marks amerikanische Frau,die Gitarre bediente.Die Platten aus dieser Periode,die von 1984 bis 1989 währte,entstanden mit mehr Liebe zu Melodie und Detail. »Hey! Luciani« ist ein typisches Produkt dieser Zeit.Es entsteht als Titelsong eines von Smith erdachten und in Szene gesetzten Theaterstücks über Johannes Paul I.,jenen Papst,der nach nur 33 Tagen Amtszeit auf bis heute ungeklärte Weise verstarb.Smith vermutet ein Attentat hinter dem Ableben von Albino Luciani, so der Geburtsname des Pontifex,hinter dem die Mafia und eine Freimaurerloge stecken könnte. Das Theaterstück läuft zwei Wochen lang in London und erhält schlechte Kritiken,die sich unter anderem daran stoßen,dass die Handlung unterbrochen wird von dem Auftritt eines weiblichen Überfallkommandos, dessen Aufgabe darin besteht,die Nazi-Größe Martin Bormann aus den Händen südamerikanischer Terroristen zu befreien. Wesentlich geradliniger erklingt da das Lied »Hey! Luciani«,was auch daran liegen kann,dass Pop-Mastermind Ian Broudie,Chef der Lightning Seeds,für die Produktion verantwortlich zeichnet: Ein Cembalo eröffnet den Song,der Bass übernimmt die Melodiearbeit,Smith nölt seinen launigen Text,im schwungvollen Mittelteil fügt sich eine Gitarre ins Geschehen,dann nölt Smith weiter und kurz vor Schluss steigt die Stimme von Brix auf wie eine kleine Sonne.So nah am Pop wie mit diesem Lied haben sich The Fall nur selten bewegt. JULIAN COPE World Shut Your Mouth Die Doors waren schuld: 1968 hatten sie das Album Waiting For The Sunveröffentlicht,das aber keinen Song dieses Namens enthielt.Den gab es erst zwei Jahre später auf dem Album Morrison Hotel. Solche Details zu zitieren ist für einen versierten Pophistoriker wie Julian Cope ein besonderer Spaß.Wer also seinen Hit »World Shut Your Mouth« von 1986 sucht,findet ihn nicht auf dem Album World Shut Your Mouth(1984). Der Titel ist viel zu gut,um nur ein Album so zu nennen.Und er passt zu Julian Copes Befinden im Jahr 1986.Fünf Jahre zuvor war er mit seiner Band The Teardrop Explodes der erfolgreichste Newcomer im englischen Musikgeschäft; neunmal durfte die Gruppe in der Hitsendung Top of the Popsauftreten.Bald hatte Cope jedoch genug vom Dasein als Teeniestar,genug von seinen Bandkollegen und der Plattenindustrie und so löste er The Teardrop Explodes auf.Teil eins der Karriereselbstzerstörung. Bald nach dem Ende der Band begann Cope,halluzinogene Drogen zu nehmen ? täglich.Seine Zeit verbrachte er vorwiegend mit seiner Sammlung von Spielzeugautos.Entsprechend halbherzig geriet ihm das Solodebüt World Shut Your Mouth? trotz des großmäuligen Titels.Das einige Monate später nachgeschobene Album Friedenthielt zwar einige wunderschöne melancholische Songs,aber nichts Chartstaugliches.Hinzu kam das Cover,das Cope nackt zeigt, nur von einem großen Schildkrötenpanzer bedeckt,beim Spiel mit einem Miniatur-Lkw aus seiner Sammlung.Damit hatte er das Unternehmen Karriereselbstzerstörung erfolgreich abgeschlossen. 1985 kehrte Julian Cope ins Leben zurück.»Es war nicht nur das LSD ? es gibt diese Tendenz zur Introvertiertheit,zum Brüten in der Familie meiner Mutter«,sagte er später über seine Aussetzer. »Viele der Männer in ihrer Familie hatten Zeiten des Durchdrehens.« Er musste feststellen,dass er in der britischen Musikpresse mittlerweile so was wie eine Witzfigur geworden war.Und dass sich die Nachahmer von früher wie Echo&The Bunnymen und U2 hoher Popularität erfreuten.Mehr Motivation für ein Comeback war nicht nötig. Anfang 1986 unterschreibt er einen neuen Plattenvertrag und beginnt mit den Aufnahmen zu einem neuen Album,das 1987 unter dem Titel Saint Julianerschien und Cope als geradlinigen Rocker zeigt.Die neue stilistische Ausrichtung hatte zwei Ursachen ? die kreative Partnerschaft mit dem jungen Gitarristen Donald Ross Skinner und einen kleinen Trick der Plattenfirma: »Ursprünglich sollte Saint Julianein Doppelalbum werden«,sagte Cope.»Das heißt,dass sie später all die seltsamen und schwierigen Sachen aussortieren konnten.« »World Shut Your Mouth« erscheint als Vorbote des Albums im Herbst 1986 und bringt Cope in die britischen Top 20 zurück. Endlich hat er das Publikum wieder auf seiner Seite: »Ich las mal über mich,meine Haltung sei: Nehmt mich,wie ich bin,oder lasst es sein.Das stimmt nicht.Sie ist: Nehmt mich,wie ich bin,oder lasst es sein ? aber bitte,bitte nehmt mich.« DEPECHE MODE Stripped Es gibt viele Gründe für den seit einem Vierteljahrhundert andauernden Welterfolg von Depeche Mode.Dass sie es immer wieder geschafft haben,aus der glühenden Sehnsucht nach Nähe in einer kalten und unheimlichen Maschinenwelt Musik werden zu lassen,ist einer davon.»Stripped« gehört zu ihren kompromisslosesten Liebesliedern und markiert die endgültige Abkehr vom gefälligen Synthiepop der frühen Alben.Bei den Aufnahmen in den Berliner Hansa-Studios bringt das Quartett aus dem englischen Provinzstädtchen Basildon einen morbiden,industriellen Sound,den es sich von den Einstürzenden Neubauten abgeschaut hatte, zur Vollendung, ohne seinen unverwechselbaren Popappeal preiszugeben. »Die Worte kommen wohl aus meiner Seele«,hat Songschreiber Martin L.Gore einmal über seine Texte gesagt.Wenn man sich anhört,wie »Stripped« eine bedingungslose,bis an die Schmerzgrenze aufrichtige Beziehung einfordert ? und sei es auch nur für ein paar Stunden ?,glaubt man ihm das gern.
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