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VIOLENT FEMMES Blister In The Sun Nach all der Punkrock-Wut, dem Disco-Hedonismus, der New- Wave-Neurotik, nach all dem Um-die-Ecke-Denken, den Attitüden, Dresscodes und Identitätsspielen kommen plötzlich drei junge Typen aus der US-Biermetropole Milwaukee daher und machen unaufwändige Straßenmusik zum großen neuen Ding. Kein Zweifel: Die Violent Femmes sind die richtige Band zur richtigen Zeit. Die Popwelt braucht mal wieder einen Reset, eine Bewegung zurück zur Basis.Und Gordon Gano,Brian Ritchie und Victor DeLorenzo spielen ja nicht nur akustische Instrumente und ein winziges Standschlagzeug,sie singen auch über jene Teenager- Befindlichkeiten, die das erste und ursprüngliche Thema des Rock'n'Roll waren: »Body and beats, I stain my sheets« (»Körper und Beats, ich beflecke meine Laken«), heißt es in »Blister In The Sun« und die Fachleute streiten sich noch immer darüber, ob es in dem Song nun um Masturbation, das Problem frühzeitigen Samenergusses oder gar um ein sexuelles Abenteuer mit einem Transvestiten (den man an seinen »big hands« erkennt) geht ? oder um all das zusammen. Letztlich ist das auch nicht so wichtig,der Hormondruck des Textes und die energiegeladene musikalische Performance ergeben ein klares Bild.
In den folgenden Jahren entwickelte sich »Blister In The Sun« zu einem Underground-Klassiker und einem Standard auf US-College-Radiostationen. Das Stück leistete einen nicht geringen Beitrag dazu, dass das Debütalbum der Violent Femmes schließlich mit Platin für eine Million verkaufte Exemplare ausgezeichnet wurde ? übrigens ohne ein einziges Mal in den Billboard-Top-200 aufzutauchen; es ist das einzige Album,dem dieses Kunststück gelang.
Die Violent Femmes wurden 1980 von Bassist Ritchie und Schlagzeuger DeLorenzo gegründet. Beide kamen aus der Jazz- und Avantgarde-Szene, und erst als sie ein Jahr später den Sänger und Songschreiber Gano dazunahmen, begannen sie, so etwas wie Popmusik zu machen. Die enge Musikszene Milwaukees hatte zunächst keine rechte Verwendung für das seltsame Trio. Auftrittsmöglichkeiten waren rar,also gingen die Violent Femmes auf die Straße. Einmal spielten sie für die Menschenmenge, die auf Einlass zu einem Pretenders-Konzert wartete ? und wurden von den Pretenders spontan zur Vorgruppe für den Abend gemacht. »Als wir auf die Bühne kamen, buhte uns das gesamte Publikum aus«, erinnerte sich Gano. »Als wir fertig waren, hatten wir immerhin die Hälfte auf unsere Seite gezogen.« DeLorenzo beschrieb das Konzept seiner Band folgendermaßen: »Romantizismus mitten ins Gesicht, ohne Schnickschnack und 500-Dollar-Kostüme, rohe, ursprüngliche Emotion ? und die Frage ist nur: Hältst du das aus? Kannst du dich dafür erwärmen oder stößt es dich ab? Mit beiden Reaktionen kann ich gut leben.« NENA 99 Luftballons Es klingt immer noch surreal: das Lied einer 23-jährigen Deutschen aus dem westfälischen Hagen ganz oben in den US-Charts. Etwas Ähnliches hat es nie zuvor und nie wieder danach gegeben. Wie konnte das passieren? Natürlich ist »99 Luftballons« ein extrem eingängiges Lied.Aber deshalb muss es ja kein Amerikaner gut finden.Es ist wohl vielmehr die Mischung aus Exotik und apokalyptischem Textinhalt, der auch in der englischsprachigen Version unverändert bleibt. Tatsächlich trifft dieser große Popsong den Zeitgeist Anfang der Achtziger perfekt: »Heute zieh ich meine Runden, seh die Welt in Trümmern liegen...« ? das ist The Day After in Liedform, der Song zur Angst vor dem Atomkrieg. Zugleich markiert »99 Luftballons« einen pophistorischen Wendepunkt: Hier adaptiert eine Szenefremde den »No Future«-Gedanken des deutschen Punk ? und macht daraus einen Welthit.Um sich davon zu erholen, brauchte der deutschsprachige Pop ein ganzes Jahrzehnt. DEPECHE MODE Everything Counts Am 18.Juni 1988 gaben Depeche Mode das hundertste und damit letzte Konzert ihrer Music For The Masses-Welttournee.70000 Fans waren in die Rose Bowl im kalifornischen Pasadena gekommen und zum großen Finale spielten die englischen Synthiepopper ihren Song »Everything Counts« in einer Version mit extra langem Mitsingteil.Man kann das sehen in D.A.Pennebakers Tourdokumentarfilm 101,der natürlich auf den Rose-Bowl-Auftritt zuläuft: Da steht Depeche-Mode-Sänger Dave Gahan,der ehemalige böse Bube,und kämpft mit den Tränen,als 70000 Menschen mit den Armen winken und »everything counts in large amounts« singen. »Ich stand einfach da auf diesem Podest«,erinnerte sich Gahan später,»und die Leute sahen aus wie ein riesiges Maisfeld,das sich im Wind wiegt.Ich brauchte nicht mehr zu singen,alles passierte von selbst.« Das Konzert in Pasadena war wohl der Höhepunkt von Depeche Modes Karriere: Die Provinzjungs aus der englischen Satellitenstadt Basildon füllten in den USA Stadien, zugleich wurden sie von den Technopionieren aus Detroit bewundert und zu Hause in England begann die kritische Öffentlichkeit sie endlich ernst zu nehmen.Sie hatten es geschafft. Fünf Jahre zuvor erscheint »Everything Counts« zum ersten Mal.
1983 gelten Depeche Mode in ihrer Heimat jedoch als leicht gewichtige Teeniepopper,denen zu allem Überfluss der Hauptsongwriter abhanden gekommen ist ? Vince Clarke hatte die Band nach dem ersten Album verlassen und mit Alison Moyet Yazoo gegründet.Seither hätten sie auch noch ihren jugendlichen Charme verloren und gäben sich naiver Melancholie hin.Abgesehen davon,dass diese Einschätzungen nicht immer fair sind ? »See You« oder »The Sun&The Rainfall« sind beispielsweise reizende Popsongs ?,feuern sie Depeche Mode an,etwas an ihrer Musik zu ändern. Zum einen arbeitet Alan Wilder,der Vince Clarke ursprünglich nur als Livekeyboarder ersetzen sollte,nun im Studio als viertes Bandmitglied mit.Zum anderen entdecken Depeche Mode die gerade neue Samplingtechnologie für sich.In der Nähe ihres OstLondoner Studios hauen sie auf Stahl und Steinen herum, nehmen die Klänge auf und setzen sie als Percussion ein.Der zum Hauptsongwriter aufgestiegene Martin Gore schreibt ambitioniertere Texte,die als Kapitalismuskritik interpretierbar sind ? wenn auch als etwas holzschnittartige.Aber es reicht,um den linksradikalen Kritiker des Musikblattes NMEzu überzeugen,dass Depeche Mode auf der richtigen Seite stehen.
Das Album Construction Time Again,das »Everything Counts« enthält,spielt also mit Industrial Sounds und einer sozialistischen Coverästhetik und verleiht Depeche Mode so ein härteres Image. Doch weil sie noch immer eingängige Popmelodien spielen, schaffen sie damit den Durchbruch auf dem europäischen Festland,besonders in Deutschland,wo die Band bis heute ihre treuesten Fans hat.Und die Single »Everything Counts« fehlt ebenfalls bis heute bei keinem Stadionkonzert von Depeche Mode ? immer mit langem Mitsingteil. NEW ORDER Blue Monday 1983 wird »Blue Monday« zur bis dahin meistverkauften Maxisingle, aber die Plattenfirma ist darüber nicht besonders glücklich. In Erwartung moderater Umsätze haben sich nämlich das Label Factory und die Gruppe New Order eine in der Herstellung extrem teure Plattenhülle gegönnt,die zudem durch Kundenhand oft schon im Laden ramponiert wird und dann retour geht. So wird mit jeder verkauften Platte Verlust gemacht ? am Ende geht der Schaden in die Hunderttausende. Als Imagegewinn ist »Blue Monday« dagegen ein voller Erfolg.New Order, die Nachfolgeband der Depri-Waver Joy Division, hatten in England lediglich einige kleinere Hits, als sie auf die Idee kommen, ein bei ihren Konzerten bewährtes Instrumentalgedudel mit Donna-Summer- Beat durch eine gefällige Gesangsmelodie aufzupeppen. Das Ergebnis ist so simpel wie genial, die Single verkauft sich insgesamt über drei Millionen Mal.Für Sänger Bernard Sumner keine Überraschung: »Wir spielen sehr einfach.Gerade deshalb erreicht es die Leute. Das Einfache spricht sie an.« THE STYLE COUNCIL Speak Like A Child »Ende des Jahres werden sich The Jam auflösen. Für mich stehen The Jam für Ehrlichkeit,Leidenschaft,Energie und Jugend.So soll es bleiben.« Mit diesen Worten kommentierte der 24-jährige Paul Weller, als Anführer von The Jam eine Art Nationalheiliger der englischen Kids,im Oktober 1982 seinen Übertritt ins Erwachsenenleben. Im März 1983 erscheint »Speak Like A Child«, die erste Single seiner neuen Band The Style Council. Eine euphorische Hymne auf kindliche Arroganz, die beweist, dass Weller doch noch nicht mit der Jugendkultur abgeschlossen hat,auch wenn er sie nun aus der Erwachsenenperspektive glorifiziert.Falls er dabei wie ein Lüstling klinge ? so singt er im Text ?, nun gut, Hauptsache: nicht wie ein Pädagoge. Die Leute sagten zwar, die Zeiten änderten und zähmten einen,er aber werde immer versuchen,den alten Geist des Aufruhrs hochzuhalten. Mit dieser Botschaft kommt Weller auf Platz vier der englischen Hitparade, ein Teil der Jugend reagiert aber angefressen.Auf der Straße wird Weller von jungen Mods angemacht: »Alter,was soll der Scheiß mit dem Jazz?« Den Jazz haben The Style Council nämlich auch irgendwie im Programm,allerdings in einer lässigen Barund Cappuccino-Variante. Für die Jazzkeller-Atmosphäre hat sich Weller den Tastendrücker Mick Talbot dazugeholt, mit dem er neckische Videos im Hobbyfilmerstil dreht.Kurzzeitig kursiert das Gerücht, die beiden seien schwul, da sie sich im Video zu »Long Hot Summer«, der übernächsten Hitsingle, die im August erscheint, gegenseitig an den Ohrläppchen rumfummeln. Später gab Weller zu, er sei zu der Zeit etwas verwirrt gewesen, aber so verwirrt dann doch nicht.
Um der Jugend eine Stimme zu geben, gründet der Sozialist Weller eine Plattenfirma und einen Buchverlag und versenkt so einen beträchtlichen Teil seines Privatvermögens. Alles natürlich unter der Prämisse,dass es zu seinem persönlichen Stil passt.»Wir vertreiben kein Produkt, sondern eine Idee«, erklärt er im Frühjahr 1983 seine Geschäftsphilosophie, »die Leute glauben zu Recht, ich bin gegen Mode, denn mein Stil ist nicht vergänglich, sondern zeitlos und klassisch.« Außer französischem und italienischem Mod-Design fanden aber auch schräge Vögel wie Boy George ? »ein unterschätzter Soulsänger « ? Wellers Gnade.»Lächerliche Rebellenposeure wie diese U2« konnte er dagegen nicht leiden. Rock- und Funkposen gerieten allerdings auch Weller selber eher ungelenk,während ihm seine Popsoul-Hits weiterhin famos von der Hand gingen.Nur gab's davon im Lauf der Achtziger immer weniger.
Confessions Of A Pop Group, ein übergeschnapptes Großkitschwerk, kam 1988 nicht mal in die Album-Top-Ten ? für Weller fast eine Demütigung. Noch schlimmer: Im folgenden Jahr weigerte sich die Plattenfirma Polydor, sein Album mit House-Musik herauszubringen, »obwohl ich den Wichsern Millionen eingespielt habe«, wie sich Weller erboste.Die daraus gewonnene Demut ließ ihn in den Neunzigern zum soignierten Altrocker werden ? noch immer ehrlich und leidenschaftlich, nun aber wirklich alt. UDO LINDENBERG Sonderzug Nach Pankow Udo Lindenbergs erster Konflikt mit der DDR war amourösen Ursprungs. Kurz vor seinem Durchbruch verliebte er sich bei einem Ost-Berlin-Besuch in ein Mädchen mit einem »knallroten Plaste-Pullover« und fasste den Plan,seine Manuela in den Westen zu schmuggeln. Die Stasi bekam Wind davon und nahm ihn fest. 1973 schrieb Lindenberg über diese Affäre den Song »Wir Wollen Doch Einfach Nur Zusammen Sein«, der in der Vision eines »Rockfestivals auf dem Alexanderplatz« gipfelt. Klar, dass die von einem schweinösen Gitarrensolo beherrschte Ost-West-Ballade Lindenberg in der DDR ungemein populär machte; Ende der Siebziger war er der gesamtdeutsche Rockstar Nummer eins. Doch trotz vieler Anfragen gestatteten ihm die DDR-Behörden keine Tournee durch ihr Land. Zwar konnte Lindenberg mit seinem Engagement in der Friedensbewegung punkten, seine Rebellenattitüde und die flotten Sprüche waren im SED-Staat jedoch weniger wohl gelitten. Da half auch ein Interview in der FDJ-Postille Junge Welt nichts,mit dem sich Lindenberg 1982 dem DDR-Jugendverband anzudienen versuchte: »Unsere Politcontrolletis wollen dir blauäugig den größten Mist von einer heilen Welt ohne böse Rote schmackhaft machen ? das ist ein ganzes System der Desinformation.« Als auch dieser Schmusekurs nichts bringt,ändert Lindenberg seine Strategie und beschließt, sich direkt an den »Oberindianer« zu wenden: den SED-Chef Erich Honecker.
Von dieser Idee beflügelt, gelingt ihm mit »Sonderzug Nach Pankow« ein Meisterstück, das Pop und Politik auf einmalig unterhaltsame Weise zusammenbringt. Die Rockversion des Glenn-Miller-Hits »Chattanooga Choo Choo« ist nicht nur musikalisch eingängig; sie besticht vor allem durch den witzigen, von Lindenberg knochentrocken herausgeblökten Text: »Und ich sag ey Honni, ich sing für wenig Money,im Republikpalast,wenn ihr mich lasst.« Das gesamte Lied ist gespickt mit unterhaltsamen Details,so wenn Lindenberg sich direkt an Honecker wendet (»Hallo Erich, kannst' mich hörn?«), den er auf dem Klo vermutet, West-Radio hörend. Selbst in der Auslaufrille bringt der Panikrocker noch einen Gag unter; ein russischer Text wird deklamiert, der übersetzt heißt: »Genosse Erich, im Übrigen hat der Oberste Sowjet nichts gegen das Gastspiel von Herrn Lindenberg in der DDR.«
»Sonderzug Nach Pankow« wird in der DDR sofort zum Untergrundhit ? doch die Bonzen reagieren verschnupft.Trotzdem lädt das um einen Propaganda-Erfolg bemühte SED-Regime den Sänger im Oktober 1983 zum »Rock für den Frieden«-Konzert in den Palast der Republik ein.Lindenberg darf drei Stücke spielen und provoziert das linientreue Publikum mit einer Tirade gegen den »ganzen Raketenschrott« in Ost und West,während draußen seine wahren Fans an die Barrikaden der Volkspolizei drängen. Und wie um diese verschlungene Geschichte noch bizarrer zu machen, traf Lindenberg 1987 dann den »Oberindianer« persönlich. Bei Erich Honeckers Staatsbesuch im Westen lauerte Lindenberg »Honni« in Wuppertal auf, vor dem Geburtshaus von Friedrich Engels, und überreichte dem Ost-Potentaten eine E-Gitarre, auf der »Gitarren statt Knarren« stand. BILLY IDOL Rebel Yell Nichts sehnte sich der junge William Broad, 20, aus Middlesex, England, stärker herbei, als endlich Popstar zu werden. Er hatte alles,was es 1976 brauchte, er sah gut aus, hatte sich eine rotzige Attitüde zugelegt und konnte mit seinen Lippen Dinge anstellen, wie das vorher vielleicht nur Elvis Presley gelungen war. Also besorgte Broad sich eine Lederhose und ging nach London.Punk war überall und suchte Protagonisten. Bald schon gehörte Broad zu einer Gruppe junger Menschen, die sich um die Sex Pistols scharten und diese verehrten. Andere Mitglieder dieser lustigen Truppe wurden bald selbst berühmt, zum Beispiel ein Mädchen, das sich Siouxsie nannte und mit Siouxsie&The Banshees Karriere machte.Nur William Broad nicht. Vielleicht lag es ja am Namen.Aus seinem Nachnamen machte er Idol, aus William wurde Billy. Billy Idol also. Er schloss sich der Band Chelsea als Gitarrist an, verließ sie jedoch bald wieder und wenig später wurden seine ehemaligen Mitmusiker zu Stars, der eine bei The Clash, der andere bei The Damned, den beiden erfolgreichsten Punkbands nach den Sex Pistols.Nur aus Billy Idol ? es war wie verhext! ? wurde wieder nichts. Er bleichte sich die Haare mit Peroxid; er ließ das Gitarrespielen sein und gründete seine eigene Band,Generation X. Jetzt war er Sänger,beim Singen zog er die Oberlippe hoch.
Drei Alben brachten Generation X zwischen 1976 und 1981 heraus. Sie waren nicht übermäßig erfolgreich, doch irgendwie schwammen sie auf der Punkwelle mit, ohne richtig dazuzugehören. 1981 trennten sich Generation X, Idol hatte es zwar als einer der ersten Punkmusiker ins Fernsehen geschafft, doch mit dem Starruhm hatte es wieder nicht geklappt; frustriert floh er nach New York und nahm dort eine Soloplatte auf.Und nun passierte etwas, womit Idol nicht rechnen konnte, das aber seine Karriere rettete: Eine Firma namens Warner erfand das Musikfernsehen: MTV. Mit seiner rotzigen Präsenz und dem blonden Peroxidkamm auf dem Kopf war Idol wie geschaffen für MTV; der Sender liebte ihn und spielte die eilig angefertigten Videos zu den Stücken »White Wedding« und »Dancing With Myself« rauf und runter.Nur eine andere Band wurde ebenso häufig gespielt: Duran Duran.
Plötzlich wurde Idol das,was ihm in London nie geglückt war: ein Pionier.Die Videos machten sein Debütalbum 1982 zum Erfolg und nun wusste Billy auch, wie seine Musik klingen musste: rockiger als der alte Punksound, mit den breitwandigen Klangteppichen des Gitarristen Steve Stevens und schrillen Synthesizer- Einsprengseln. Und seine Stimme musste schnarren wie der Schlund einer Klapperschlange.Nirgendwo lässt sich das besser hören als auf »Rebel Yell«, Idols größtem Hit. Endlich benimmt er sich wie jener Rockstar, der er seit fast einem Jahrzehnt sein wollte: Er fletscht die Zähne beim Singen, kleidet sich in Leder, pinkelt ins Publikum,lässt sich nackt mit einem Mädchen in der Badewanne fotografieren.Die Amerikaner glauben ihm die Pose ? und bald ist sie keine mehr: Der neue Superstar verabschiedet sich in die Drogensucht. LOU REED Legendary Hearts Nach einem extrem erratischen Jahrzehnt entdeckt Lou Reed zu Beginn der Achtziger,was ihn wirklich am Musikmachen interessiert: die Rhythmusgitarre.»Die ungeheure Kraft,die ein simpler Akkordwechsel haben kann, etwa von A nach D, so etwas findet sich nur im Rock?n?Roll.« Nach Flirts mit etlichen Genres und Rollen,hat er ein Zuhause gefunden,genauer gesagt: einen neuen Glauben: »Mein Gott ist Rock?n?Roll.Es ist eine seltsame Kraft, die ein Leben verändern kann. Und der wichtigste Teil meiner Religion ist das Gitarrespielen.«
Legendary Heartsist nach The Blue Mask(1982) und vor New Sensations (1984) das mittlere von drei Alben, die relativ ähnlich angelegt sind und auf denen Reed seine neue Religion auslebt. Wie immer die Songs konstruiert sind,was immer die anderen Musiker spielen ? Reeds Rhythmusgitarre wird ganz vorn gemischt.Jegliche musikalischen Extravaganzen hat er bewusst über Bord geworfen: »Mir gefiel nie dieser Sumpf,in dem viele Künstler ihre Werke versenken.Ich mag es nicht,wenn die Wirklichkeit verschönert wird. Ich mag es nicht, wenn Make-up verwendet wird,damit Dinge netter aussehen.Wie kann jemand etwas von einem Kunstwerk lernen,wenn es nur die Eitelkeit des Künstlers spiegelt,nicht aber die Wirklichkeit?« Nachdem er schon auf The Blue Maskin erster Linie autobiografische Texte geschrieben hat,wird es auf Legendary Heartsnoch ein wenig intimer.Das Album ist Reeds Frau Sylvia gewidmet und im Titelsong geht der Sänger selbstkritisch mit seiner Beziehungsfähigkeit ins Gericht: »I can?t live up to this,I?m good for just a kiss,not legendary love« (»Ich kann dem nicht gerecht werden. Ich bin nur für einen Kuss gut,nicht für sagenhafte Liebe«).Überflüssig zu erwähnen,dass die Ehe nicht hält. Aber künstlerisch steht Lou Reed auf einmal für Beständigkeit. Das Bekenntnis zu simpel rockender Reduziertheit ist Basis aller seiner folgenden Platten ? mögen sie auch thematisch noch so anspruchsvoll sein.
Kontinuität beweist Reed auch bei der Wahl seiner Kollaborateure. Der Bassist Fernando Saunders, dessen bundloser Bass in dem Stück »Legendary Hearts« für die einzige klangliche Auffälligkeit sorgt,spielte auch noch zwei Jahrzehnte später in seiner Band. Die drei Platten der frühen Achtziger zeigen,dass Lou Reed mit Anfang vierzig beginnt,sich mit dem Erwachsensein zu arrangieren.In all den Rollen und unter all den Masken hat er womöglich sich selbst gefunden ? aber nicht alles, was er da entdeckt hat, gefällt ihm. Die Trilogie zeigt ihn im Stadium eines Kleinkindes,das sich zum ersten Mal im Spiegel erkennt.Neue Erkenntnisse,Zweifel,Wachstum.Und alles unter dem Diktat der Rhythmusgitarre. THE PALE FOUNTAINS Palm Of My Hand Der notorische Schulschwänzer Michael Head,der lieber Fußball spielte oder mit der Mutter in der Stube sang,ist von der Sechziger- US-Band Love besessen. Deren orchestralen Psychedelik-Rock versetzt er mit elegantem Eiscafé-Pop. Mit diesem Rezept scheint der 20-Jährige aus Liverpool 1983 vor dem Durchbruch zu stehen. Die Plattenfirma Virgin hat ein Jahr zuvor seine Gruppe The Pale Fountains für damals unerhörte 150000 Pfund eingekauft.»Thank You«, die erste Single auf Virgin, ist zwar gerade mal in die Top 50 gekommen,doch »Palm Of My Hand«, die Nachfolgeplatte, hört sich nun wie ein todsicherer Hit an ? wird aber keiner. Und das war's dann eigentlich schon. Ärger mit Produzenten, Tod im privaten Umfeld und Heroin warfen Head immer wieder aus der Spur. Ein kleines Erfolgserlebnis hatte er 1994, als er Arthur Lee, den Anführer von Love, bei einigen Konzerten begleiten durfte. Mit seiner Band Shack brachte Head gelegentlich noch Platten heraus und wurde von der Presse als »größter Songschreiber Englands « hofiert. So gut wie 1982/83 war er allerdings nie wieder. THE SMITHS This Charming Man Was denn The Smiths bitteschön für ein Bandname sei, fragt der Reporter vom Teeniemagazin Smash Hits den Sänger mit der leicht zerzausten Haartolle.Wenigstens sei er kurz,antwortet Morrissey, »nicht so wie Eyeless In Gaza oder Orchestral Manoeuvres In The Dark«. Als die Smiths 1983 auf der Popbühne Englands auftauchen, werden sie bestaunt wie ein seltsames Tier.Sie sind das komplette Gegenteil zu den Lippenstift-und-Haarspray-Bands der New-Romantic-Szene, die mit ihren in der Südsee gedrehten Videos die britische Popszene dominieren. Die Smiths verachten Synthesizer und spielen ihre Songs in der klassischen Gitarre-Bass- Schlagzeug-Besetzung; sie lehnen Musikvideos ab und treten in Jeans auf; ihr vornamenloser Sänger Morrissey legt Wert darauf, seine Texte in klaren, einfachen Worten abzufassen. The Smiths könnten also eine glamourfreie, richtig langweilige Band sein. Und doch werden sie von der englischen Musikpresse schon zum Erscheinen ihrer ersten Single »Hand In Glove« im Mai 1983 gefeiert. Das liegt nicht zuletzt an den Interviews, die Morrissey gibt. »Ich zittere,wenn ich an die Kraft denke, die wir als Band haben«, sagt er und nennt die Debütsingle »die wichtigste Platte der Welt«.
Hier ist einer, der sich nicht in ein Revival sortieren lassen will oder sich freut, eine kleine Nische gefunden zu haben ? für Morrissey ist Popmusik eine Frage von Leben und Tod. Er erzählt von seiner Kindheit und Jugend in Manchester als deprimierter Einzelgänger, der sich einschloss mit Büchern und Filmen und mit der Außenwelt allein über Leserbriefe kommunizierte, die er an die englischen Musikzeitschriften schickte.Dass eines Tages der Gitarrist Johnny Marr an seiner Tür klopfte ? er habe gehört, Morrissey schreibe Songtexte ? und mit ihm eine Band gründete, nennt er seine Wiedergeburt: »Ich wollte etwas ganz Besonderes schaffen, weil mein Leben vor den Smiths so unspektakulär war.« Ungewöhnlich ist auch Morrisseys »nicht existentes« Liebesleben: Er lebe im Zölibat, bekennt er, früher unfreiwillig, aber mittlerweile habe er sich daran gewöhnt. Morrissey lehnt klassische Geschlechterrollen ab und spricht vom Feminismus als dem Idealzustand. Der Text der zweiten Single der Smiths, »This Charming Man«, lässt sich als Beschreibung eines homosexuellen Erweckungserlebnisses lesen.
Über »This Charming Man« und dessen Chartplatzierung schrieb der Journalist Gary Mulholland später: »Es kam bis auf Platz 25, aber fühlte sich so viel größer an. Jesus, es fühlte sich an wie ein Erdbeben.« Dessen Auslöser ist ein Auftritt bei Top of the Pops im November 1983. Die Nation traut ihren Augen nicht, als dieser Morrissey in viel zu großem,halb offenem Hemd so ekstatisch wie ungelenk tanzt,mit einem Blumenstrauß in der Hand,den er wie eine Peitsche schwenkt. Der Auftritt etabliert Morrissey als den Pophelden aller, die sich als Außenseiter fühlen ? und als Hassfigur für jene, die sich vom offensiven Ausdruck hoffnungslos romantischer Gefühle verunsichern lassen. DIE ÄRZTE Grace Kelly Gerade sind drei Stücke von den Ärzten auf einem Sampler erschienen, nun steht der nächste Karriereschritt für die Berliner Nachwuchsband an: die erste eigene Platte! Das Kleinlabel Vielklang erklärt sich bereit, das Werk herauszubringen, hat jedoch kein Geld für die Pressung.Also pumpt die Mutter des Gitarristen Jan Vetter ihrem Sohn 2000 Mark. Vier Stücke sind schnell im Kasten; Vetter, der sich bald darauf Farin Urlaub nennt, steuert auch noch die Zeichnung fürs Cover bei. 500 Exemplare werden hergestellt, alles ganz normal für eine Amateurgruppe. Aber warum werden von den Dutzenden Bands, die Anfang der Achtziger allein in Berlin auf diese Weise Platten veröffentlichen, ausgerechnet die Ärzte reich und berühmt? Schon ihre erste EP gibt Aufschluss über die Erfolgsformel: Zum einen sind die schmissigen Popsongs der Ärzte, wie »Grace Kelly« beweist, ungewöhnlich witzig. Und zum anderen erschließen sie sich mit Songs wie »Teenager Liebe« eine Fanbasis in den unteren Altersregionen,die ihnen bis heute die Treue hält. BILLY BRAGG A New England Es ist schon etwas kurios, dass das wohl bekannteste Lied von Billy Bragg ein Liebeslied ? genauer: ein Trennungslied ? ist.Denn Bragg gilt seit mehr als zwanzig Jahren als eine der wichtigsten Stimmen der politischen Linken im britischen Pop. So wirkt es fast wie ein Widerspruch zu seinem restlichen Wirken,wenn er singt: »I don't want to change the world, I'm not looking for a new England ? I'm just looking for another girl« (»Ich will nicht die Welt verändern, ich suche nicht nach einem neuen England ? ich suche nur nach einem neuen Mädchen«). Anfangs versuchte sich der »Barde von Barking«, wie er nach seinem östlich von London gelegenen Heimatort genannt wird, relativ erfolglos in einer Punkband namens Riff Raff, bevor er 1981 in die Armee eintrat,um Panzer fahren zu dürfen.Doch nach wenigen Monaten kaufte er sich für 175 Pfund frei, trampte quer durch Großbritannien und begann,Lieder zu schreiben,die er allein zur elektrischen Gitarre sang.
Sein erster Auftritt fand in der Soziologendisco einer Londoner Universität statt; erste Ausstrahlungen im Radio verschaffte er sich, indem er John Peel ein Currygericht ins Studio brachte. 1983 veröffentlicht Bragg sein erstes Album Life's A Riot With Spy Vs Spy.Einflüsse von Punk und traditionellem Folk sind zu hören, die knapp an der Melodie vorbeigesungenen Lieder erzählen von den Alltagssorgen der einfachen Leute. Deutliche politische Aussagen gibt es nur in dem Song »To Have And To Have Not«, sonst geht es oft um Liebe; »A New England« ist der Hit der Platte.1985 gelangte das Lied in einer eingängigen, von Kirsty MacColl gesungenen Popversion in die britischen Top Ten. Der Songwriter Billy Bragg politisierte sich spätestens mit dem Bergarbeiterstreik von 1984. Sein Lied »Between The Wars«, ein Appell zur Solidarität, wurde zur inoffiziellen Hymne der Streikenden.Nach dem für die Bergarbeiter enttäuschenden Ende des Streiks engagierte sich Bragg weiter: Zusammen mit Paul Weller von The Style Council und Jimmy Somerville von den Communards organisierte er »Red Wedge«, eine Initiative, um junge Wähler für die Labour-Partei zu werben.Doch auch dieser Einsatz war vergeblich: Die Parlamentswahl von 1987 gewann erneut Margaret Thatcher.
Die Welt zu verändern gelang Bragg also nicht, aber für ein neues England setzt er sich weiterhin ein. Ausgehend von der Teilautonomie, die Wales und Schottland unlängst erlangten,möchte Bragg einen englischen Patriotismus von links fördern, der mit der Attitüde des Britischen Imperiums bricht und sich dem europäischen Einigungsprozess weiter öffnet. Musikalisch ist Billy Bragg in den letzten Jahren in den USA durch ein Projekt mit der Alternative-Country-Band Wilco bekannt geworden: Bragg vertonte dafür Songtexte aus dem Nachlass des Folksängers Woody Guthrie; zwei Alben namens Mermaid Avenue erschienen und wurden für den Grammy nominiert. PRINCE & THE REVOLUTION 1999 In der Popmusik kommt es vor, dass ein Sänger oder eine Band eine Serie hinlegt, wie man sie sonst nur aus dem Fußball von Mannschaften kennt, die sich von Sieg zu Sieg spielen. Led Zeppelin etwa gelang eine solche rauschhafte Serie zwischen 1969 und 1971: In diesen Jahren hatte die Hardrockgruppe den Zeitgeist im Griff und wurde mit jeder ihrer ersten vier Platten ein Stück besser. Ähnliches gelang dem Soulman Al Green zwischen 1971 und 1975,insgesamt sieben Alben lang. Eine der bislang letzten großen Serien im Pop setzt ein mit der Zeile »I was dreaming when I wrote this«. Mit ihr beginnt das Titellied des Albums 1999 von Prince Rogers Nelson, kurz: Prince, zu diesem Zeitpunkt 24 Jahre alt.
Der Musiker hatte bis dahin vier Alben veröffentlicht, deren Funkpop allerdings von den expliziten Texten überlagert wurde, in denen es etwa um Oralsex und Inzest ging. Der 1,60 Meter große Mann, Sohn einer Nachtclubsängerin und eines Tanzbandleaders, profilierte sich mit solchen Liedern eher als Skandalnudel denn als Popstar. Mit 1999 gelingt Prince, der angeblich 26 Instrumente spielt und keine Begleitmusiker nötig hätte,ein gewaltiger Schritt hinaus aus seinem Mikrokosmos. Auch wenn auf dem LP-Cover auf den ersten Blick nur sein Name prangt, kann man, in Spiegelschrift und sehr klein, »and the Revolution« lesen. Gemeint ist seine Band, deren Musiker auf den Innenhüllen des Doppelalbums nur mit ihren Vornamen aufgeführt werden, unter ihnen Lisa (Coleman),Wendy (Melvoin) und Dez (Dickerson). Sie alle bekommen von Prince, den das Magazin Time den »Fassbinder von Minneapolis« nennt, Nebenrollen zugewiesen. 1999 entsteht komplett am Synthesizer; selbst das Titelstück mit dem P-Funk- Groove ist Ergebnis dieser synthetischen Kompositionsweise. Auch wenn fast alle Instrumente von Prince selbst bedient werden, hört sich der Song »1999« an, als wollten sich verschiedene Musiker in ihrem Können gegenseitig überbieten.Nur die Schlagzeugmaschine scheint keinerlei Ambitionen zu besitzen.
Textlich dagegen bleibt Prince bescheiden: Er malt sich die Apokalypse aus ? der Himmel erscheint ihm purpurfarben ? und versteigt sich dann zu dem Bild vom Leben als einer Party, die so heftig wie möglich gefeiert werden muss, da sie irgendwann endet. Auch sonst will Prince kein Mann der Worte sein: Hartnäckig verweigert er sämtliche Interviews. Trotzdem verkauft sich das Album 1999 in Amerika drei Millionen Mal und ebnet den Weg zu einer Plattenserie, die sich von Purple Rain (1984) über Around The World In A Day (1985) sowie Parade (1986) bis zu dem großartigen Album Sign O' The Times (1987) erstreckt. Die glorreiche Reihe endet erst 1988, als Prince zunächst das Black Album ankündigt, dann aber wieder zurückzieht. MARY JANE GIRLS All Night Long Lange vor En Vogue, TLC oder Destiny's Child beherrschten die Mary Jane Girls die Welt des Girlgroup-Pop. Und wie bei so vielen singenden Mädchentruppen steckte ein männlicher Popstar hinter dem Coup: in diesem Fall der Streetfunk-Macho Rick James.Aus den vier ehemaligen Background-Sängerinnen seiner Stone City Band hatte er 1979 die Mary Jane Girls geformt. Jede von ihnen bekam von James einen eigenen Charakter verpasst: die Dame von Welt, das Straßenmädchen, die exotische Schönheit und die Lederdomina. Dann vermittelte James die Mary Jane Girls an Motown und übernahm das komplette Songwriting sowie die Produktion. Das Debüt Mary Jane Girls punktet vor allem dank des Hits »All Night Long«; mit seiner schwer rollenden Basslinie und den gut gelaunten Mädchenchören wurde er zu einem beliebten HipHop-Sample.Doch so wie ihr Stern mit Rick James gestiegen war, folgten die Mary Jane Girls nach ihrem zweiten Album ihrem Mastermind in die künstlerische Versenkung. STEVIE RAY VAUGHAN & DOUBLE TROUBLE Mary Had A Little Lamb Als Stevie Ray Vaughan im Sommer 1983 sein Debütalbum Texas Flood veröffentlicht, gibt es kaum eine Musikrichtung, die uncooler ist als Bluesrock.Doch das ist dem texanischen Gitarristen egal. Er vertraut auf den bewährten Sound einer Stratocaster, gepaart mit einem Röhrenverstärker,und macht Musik,die aus dem lyrischen Ton B.B. Kings und der Virtuosität von Jimi Hendrix geradezu schmerzhaft intensiven Achtzigerblues schmiedet. Als Erste sind andere Musiker begeistert: David Bowie engagiert Vaughan für die Gitarrenparts in seinem Hit »Let's Dance«, Jackson Browne stellt dem Newcomer sein Studio zur Verfügung, Eric Clapton ist einfach nur sprachlos. Als Vaughans erstes Video auf MTV läuft, fängt auch das Publikum Feuer. Genau wie sein Vorbild Hendrix verlor sich Vaughan nach seinem Anfangserfolg in Drogenexzessen. Er kam bei einem Hubschrauberabsturz im August 1990 ums Leben. MEAT PUPPETS Lake Of Fire Als Curt Kirkwood nach seinen wichtigsten Einflüssen gefragt wurde, fielen ihm vier Namen ein: die Countrylegende George Jones,Vincent van Gogh,William Shakespeare und Walt Disney. 1980 hatte er in seiner Heimatstadt Phoenix,Arizona,mit seinem Bruder Cris die Meat Puppets gegründet. Ein Journalist nannte ihre Musik »Weirdcore«, und da ist was dran: Während die Songs vergleichbarer amerikanischer Underground-Bands die soziale Kälte der Reagan-Ära in schmerzhafter Unmittelbarkeit abbilden, zeigen die Meat Puppets eine seltsam verzerrte und entrückte Welt. »Lake Of Fire« von ihrem ungestümen zweiten Album, hört sich an, als hätten ein paar zugedröhnte Wüstensöhne ein Gemälde von Hieronymus Bosch vertont. Der kommerzielle Durchbruch blieb den Meat Puppets lange verwehrt, bis ihr Verehrer Kurt Cobain sie ins Vorprogramm der letzten Nirvana- Tour nahm. Bei seinem legendären Auftritt für MTV Unplugged holte er die Kirkwood-Brüder sogar auf die Bühne und spielte drei ihrer frühen Songs nach. »Lake Of Fire« war einer davon. MARSHALL CRENSHAW Whenever You're On My Mind Er ist die große Hoffnung jener Kritiker, die der Idee anhängen, ein intelligent gemachter Popsong wie »Whenever You're On My Mind« müsse auch zum Hit werden. Egal was und in welcher Handschrift Crenshaw in dieser Zeit schreibt ? es scheint perfekter Pop dabei herauszukommen.Der Musiker aus Detroit, der im Musical Beatlemania die Rolle John Lennons, im Film La Bamba jene Buddy Hollys spielte, stellt auf seinen ersten beiden Alben den Spaß in den Vordergrund; allerdings unterfüttert mit subtiler Selbstironie.Man kann sich bei fast jeder Zeile Crenshaws listiges Augenzwinkern dazu vorstellen, ganz so, als enthalte jeder Song zugleich eine distanzierende Glosse über sich selbst.Im Rückblick waren es vielleicht diese intellektuellen Fallstricke, in denen sich das Publikum verhedderte, auf der Suche nach einem Funken authentischen Gefühls. Aber so weit unter das Niveau seines Popverständnisses wollte Crenshaw dann doch nicht gehen. Er blieb,was er nicht sein wollte: ein Popgott für die Kritiker. DIE ZIMMERMäNNER Anja Selbst aus den Absonderlichkeiten auf Zick Zack, dem Label des Hamburger New-Wave-Promoters Alfred Hilsberg, stach diese Band heraus. Die Sänger der Zimmermänner ? Timo Blunck, Sohn eines Chefarztes, und Detlef Diederichsen, Sohn eines Universitätsprofessors ? hatten sich auf einem Hamburger Elitegymnasium angefreundet. Ab 1980 spielten sie zuerst als Ede& Die Zimmermänner Ska, dann verschroben-feingeistigen Oberschülerpop, der sich nicht an englischen und amerikanischen Garagenrockern orientierte wie die Neue Deutsche Welle,sondern eher am orchestralen Pop von Sechzigerbands wie den Zombies oder The Association.Spätestens 1983 sind diese Referenzen aber der Sound der Stunde; ein Hit wird »Anja« dennoch nicht.Blunck versuchte es später noch mal mit der Popperkapelle Grace Kairos, Diederichsen produzierte verschiedene Bands und arbeitet außerdem als Musikjournalist,unter anderem für diese Reihe.Jetzt steht nach mehr als zwanzig Jahren sogar eine neue Zimmermänner- Platte an ? wieder bei Alfred Hilsberg. AZTEC CAMERA Walk Out To Winter Roddy Frame,ein arbeitsloser Schulabbrecher aus einer Satellitenstadt vor den Toren Glasgows,war gerade 17 geworden,als Anfang 1981 beim schottischen Postcard-Label seine erste Single erschien. Postcard tritt, so Frame, mit »rebellischer Arroganz« und Jüngelchen- Gitarrenpop gegen authentischen Muff-Rock an.Und Aztec Camera,Frames Band,ist noch etwas sensibler und romantischer als Labelkollegen wie Orange Juice. Frame entschuldigt sich fast für sein Werk: »Ich schreibe eigentlich ziemlich normale Lieder, Junge-trifft-Mädchen-Zeug.« Die bewegendsten und geschmackssichersten seiner Songs, darunter »Walk Out To Winter«,gelingen ihm gleich auf High Land, Hard Rain, der Debüt-LP von 1983. Kollegen wie Elvis Costello jubeln. Das folgende Aztec-Camera- Album Knife wurde dann von dem Dire-Straits-Schlappgniedler Mark Knopfler (Frame: »anstrengender Typ«) produziert. Von diesem Schlag gegen jugendliches Sentiment erholten sich Aztec Camera nie mehr. SPANDAU BALLET Gold Eigentlich bedürfte es einer noch ausstehenden Theorie der Ästhetik früher Musikvideos, um die volle Bedeutung von Spandau Ballets »Gold« zu erfassen.Neben »True« ist dies der zweite große Hit des 1979 gegründeten Londoner Quintetts. Das zugehörige Video, in dem Sänger Tony Hadley im weißen Anzug durch die Wüste stolpert, gehört visuell jedenfalls in eine Reihe mit den damals aufkommenden Yacht-und-Cluburlaub-Clips von Duran Duran und Wham.Tatsächlich wurden diese drei Gruppen vor allem wegen ihres Teenieappeals immer wieder miteinander assoziiert. Musikalisch jedoch sind sich nur Spandau Ballet und Duran Duran kurzzeitig ähnlich, als sie 1983 parallel den musikalischen Übergang vollziehen vom New Romanticism hin zum frühen hedonistischen Yuppietum. Spandau Ballet sind dabei in ihrer Stilsicherheit und dem Hang zum weißen Soul inklusive Saxofonsolo noch konsequenter: »Gold« ist mit seinem butterweichen Groove und dem leicht überkandidelten Gesang Hadleys eines der luxuriösesten Lieder der Popgeschichte.
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