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ROBERT PALMER Johnny And Mary Als Robert Palmer im Jahr 2003 an einem Herzinfarkt starb, ging den meisten, die die Nachricht erfuhren, vermutlich als Erstes das Video zu Palmers größtem Hit »Addicted To Love« durch den Kopf: Der Sänger, wie immer tadellos gekleidet, stolziert vor Models herum, die so tun, als spielten sie Instrumente. »Ich werde fast nie über meine Musik befragt«,beschwerte sich Palmer noch kurz vor seinem Tod,»aber fast täglich zu diesem Video und meinen Anzügen.« Dabei galt Robert Palmer zu Beginn seiner Solokarriere Mitte der Siebziger als cleverer Vermischer von Stilen wie Soul,Rock und Reggae. 1980 nimmt er einen weiteren Einfluss in seinen Sound auf: New Wave. Auf dem Album Clues arbeitet er mit Gary Numan zusammen und der Song »Johnny And Mary«, die Geschichte einer scheiternden Liebesbeziehung, wird ein Überraschungshit in Europa. In den Neunzigern riefen TV-Spots für eine Autofirma die einprägsame Synthesizer- Melodie wieder in Erinnerung. ELVIS COSTELLO & THE ATTRACTIONS I Can't Stand Up For Falling Down 1979 hatte Elvis Costello echt Mist gebaut. Gerade war Armed Forces, seine dritte und gefälligste LP, herausgekommen. Die Vorgängeralben hatten mehr Charme und Wucht und bessere Songs gehabt, aber Armed Forces war erfolgreicher. Und nun erwartete jeder,dass der ehemalige Computerprogrammierer mit dem skurrilen bürgerlichen Namen Declan Patrick Aloysius MacManus auch den kommerziellen Durchbruch in Amerika schaffen werde. Nur Costello, der das Image des verklemmten, von Schuld und Rache getriebenen Brillenträgers kultiviert hatte, war schlecht drauf. »Zum ersten Mal im Leben war ich angesagt und ich hasste alles um mich herum, mich selbst am meisten«, gestand er später. Da half nur Selbstsabotage.
Im Frühjahr 1979, während seiner Armed Forces-US-Tour, geriet Costello beim Frustsaufen mit dem Hippie-Altrocker Stephen Stills und dessen Roadcrew aneinander und ließ sich unter anderem zu rassistischen Bemerkungen über Ray Charles hinreißen.Nach einem Entrüstungssturm und Morddrohungen beschwichtigte Costello, er habe nur besonders ungeschickt provozieren wollen. Sein eigentliches Entschuldigungsschreiben wird dann aber im Jahr darauf das Album Get Happy!!, auf dem er mit viel Soulpop dem Erbe der schwarzen Musik huldigt. »Die Platte ist eine Reaktion auf die vielen Fehler, die ich 1978/79 gemacht habe«, bekennt er Anfang der Achtziger. »Obwohl Get Happy!! in einer extremen Gefühlskrise aufgenommen wurde, ist die Musik sehr lebensbejahend. Die Platte ist fünfmal besser als Armed Forces.« Die erste Singleauskopplung erscheint im Januar 1980: »I Can't Stand Up For Falling Down«, im Original eine weniger bekannte Südstaaten-Ballade des Soulduos Sam & Dave, wird bei Costello zum Uptempo-Knaller mit Booker-T-Orgel. Zur Inspiration und Gedächtnisauffrischung hatte sich der alte Fan schwarzer Tanzmusik nämlich vorher einen Haufen Singles der Plattenfirmen Motown, Stax und Atlantic gekauft. »Ich wollte aber nicht den Motown-Sound abkupfern,sondern wieder eintauchen in die Klarheit dieser Musik. Bei Armed Forces waren noch Abba und Bowie unsere Vorbilder; als wir einige Songs von Get Happy!! im gleichen Stil spielten, klang das nur nach ausgelutschten New-Wave-Klischees.« Die hatte Costello zwar nun endgültig überwunden.Dafür verlor sich der Vielschreiber fortan bisweilen in geschmäcklerischem Bildungsbürger-Pop.
Zusammen mit dem Komponisten Burt Bacharach gelang ihm aber 1998 mit Painted From Memory noch einmal eine schöne Liedersammlung ? das vollreife Alterswerk zweier Großmeister, die sich nichts mehr beweisen mussten und ihre lieb gewordenen Marotten und Schwächen ungeniert ausleben durften. DIANA ROSS I'm Coming Out Als Diana Ross Ende 1979 die Avantgarde-Disco-Produzenten von Chic engagiert, ist das einer der besten Schachzüge ihrer Karriere. Die Soulsängerin hat den Zenit ihres Starruhms nämlich bereits überschritten.Nach einem Jahrzehnt mit den Supremes war Ross zuletzt als Sängerin und Schauspielerin in Filmen wie Mahogany und Lady Sings The Blues aufgefallen.Nile Rodgers und Bernard Edwards von Chic sind nun genau die Richtigen,um den Superstar von der Penthouse-Party zurück auf die Straße zu bringen. Für das Album Diana stellen die beiden Chic-Musiker Ross' Image auf den Kopf: Sie lassen sie Texte singen, mit denen sich sowohl Schwule wie die »Black Power«-Fraktion identifizieren können, dazu knallt ein frischer Discobeat. Neben der Partyhymne »Upside Down« besticht vor allem die elegante Einfachheit von »I'm Coming Out«.Edwards'präzises Bassspiel,Rodgers' Funkgitarre und luftige Backgroundchöre lassen Diana Ross wie neu klingen. THE JAM That's Entertainment Manchmal entsteht Poesie allein aus einer Aneinanderreihung. Paul Wellers »That's Entertainment« ist ein herausragendes Beispiel für die schöne Kunst der Aufzählung. Geräusche, Gerüche, Bilder aus dem urbanen Alltag, die Beschreibung alltäglicher Zwänge und Unmöglichkeiten,hochfliegender Träume und ernüchternder Realitäten, »feeding ducks in the park and wishing you were far away« (»Enten füttern im Park und sich ganz weit weg wünschen«): Diese punktuellen Einblicke in unterschiedlichste Schicksale und Wirklichkeiten machen die Vielfältigkeit des Großstadtlebens für den Zuhörer geradezu sinnlich erfahrbar. Die entwaffnende Einfachheit der textlichen Konstruktion wird durch die musikalische Umsetzung noch unterstrichen. Auch hier wird kein unnötiger Aufwand betrieben; ein paar Akkorde auf der akustischen Gitarre und Wellers seelenvoller Gesang machen die Aufnahme perfekt. Der Rough Guide bezeichnete »That's Entertainment« nicht umsonst als »Wellers opus magnum«. JOY DIVISION Love Will Tear Us Apart »Love Will Tear Us Apart« ist das Lied, das Zyniker dazu bringt, vom Selbstmord als ultimativem Karriereschritt im Pop zu sprechen: Die Single wird der erste Charthit von Joy Division, wenige Wochen nach dem 18. Mai 1980, jenem Tag, an dem ihr Sänger Ian Curtis einen Film von Werner Herzog schaut, eine Platte von Iggy Pop hört und sich dann im Morgengrauen in seiner Wohnung in Macclesfield bei Manchester erhängt. Wenngleich wir es nie wissen werden: Wahrscheinlich hätte »Love Will Tear Us Apart« der Band auch den Durchbruch gebracht, wenn Ian Curtis am Leben geblieben wäre. Angetrieben von Peter Hooks melodischer Basslinie, ist es der zugänglichste Song, den Joy Division je aufgenommen haben. Zudem hat Ian Curtis die düstere Atmosphäre, die seine Texte vorher auch schon prägte, in diesem Fall in persönlichere, nachvollziehbare Worte umgesetzt; jene Atmosphäre, die so gut zum Großbritannien der späten Siebziger und frühen Achtziger, zu Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und Margaret Thatcher passt.
Joy Division waren hervorgegangen aus der etwas rumpeligen Punkband Warsaw und wurden 1978 bereits für ihre erste EP An Ideal For Living von der englischen Musikpresse gelobt. Das Debütalbum Unknown Pleasures erschien 1979 auf dem Label Factory, einer der wichtigsten Plattenfirmen der Postpunk-Ära. Es wurde praktisch sofort mit der Veröffentlichung stilprägend: Verglichen mit der Hektik der meisten Punkplatten, ließ dieses Album den Instrumenten viel Raum; dazwischen sang Ian Curtis mit tiefer Stimme seine dunklen Texte.Die Fans der Band wurden bald schon »Cult with no name« (»Der Kult ohne Namen«) genannt ? ernste junge Männer in langen dunklen Mänteln: ein Look, der sich bis heute bei den so genannten Wavern oder Grufties gehalten hat. Im Mai 1980 stehen Joy Division wichtige Karriereschritte bevor: Die Single »Love Will Tear Us Apart« und das zweite Album Closer sind im Kasten, der Termin der ersten US-Tour der Band wurde bereits festgelegt. Doch das Leben des Sängers hat sich verdüstert: Ian Curtis ist Epileptiker, er muss Medikamente nehmen, die offenbar Depressionen fördern. Seine Ehe steht vor dem Zusammenbruch, nicht zuletzt wegen einer Affäre, die Curtis mit einer Belgierin hat.Dazu der zunehmende Druck,den der Erfolg seiner Band mit sich brachte ? aus diesen Motiven mag der Entschluss zum Selbstmord entstanden sein.
Nach dem Tod des Sängers verhalten sich Ian Curtis' Bandkollegen konsequent.Sie hatten sich einst versprochen,dass es Joy Division nicht mehr geben solle, sobald einer von ihnen nicht mehr dabei wäre. Deshalb gründen sie nun eine neue Band: New Order. Ihre Debütsingle »Ceremony« ist eine der letzten Kompositionen von Ian Curtis ? doch auch mit eigenen Songs hatten New Order bekanntlich bald darauf Erfolg. DEVO Whip It Diese Karriere hätte gut auch schief gehen können: Wie ein Blick auf das oben abgebildete Cover auch heute noch verrät,verstanden Devo sich zunächst als ? inzwischen würde man sagen: multimediales ? Kunstprojekt, in dem der Musik nur eine Nebenrolle zugedacht war. Die Musikgeschichte jedoch hat gezeigt, dass Kunstprojekte und Rock'n'Roll oft in einem schwierigen,manchmal sogar gegensätzlichen Verhältnis zueinander stehen. Und so war auch von Devo, die sich bereits 1972 in Ohio gegründet hatten, zu Beginn nicht mehr zu erwarten als ein bisschen Kunststudenten-Ulk.Es fing schon damit an,dass die Bandgründer Gerald Casale und Mark Mothersbaugh,beide tatsächlich Kunststudenten, eine Theorie entwickelten, derzufolge die Menschheit von mutierten Affen abstammt und sich nun de-evolutionär ? daher der Bandname ? zu diesem Stadium zurückentwickelt. Als Indiz dafür führten Devo die amerikanische Gesellschaft an, die von ihren Mitgliedern verlange, sich klongleich immer mehr einander anzunähern.Um diese Entwicklung deutlich zu machen und zu kritisieren,trat die Band ausschließlich in selbst erdachten, futuristischen Uniformen auf, die heute allerdings wirken wie aus einer billigen Fernsehserie.
Aus damaliger Sicht hingegen müssen Devos Auftritte von einer fernen Zukunft berichtet haben ? vor allem wenn man bedenkt, dass eigentlich erst die New Wave Ende der Siebziger derartig pessimistische Zukunftsvisionen in ironisierter Form in die Popkultur einführte.Dies alles aber war zu diesem Zeitpunkt ein paar Jahre entfernt und so wurden Devo als Pubertätsspinner wahrgenommen und blieben erfolglos. Als die ersten Ausläufer der New Wave dann 1977 ankamen, sahen Brian Eno und David Bowie im New Yorker Club CBGB's ein Konzert von ein paar Typen, die in ihren Monteursanzügen aussahen wie ein Atommüllentsorgungsteam.
Eno und Bowie hielten Devos karge,plastikartige Arrangements,angetrieben vom Gegensatz zwischen stumpfem Bass und hysterischer Stimme, tatsächlich für die Zukunft ? und im Jahr darauf nahm Eno mit Devo in Köln ihr erstes Album auf. Das war der entscheidende Moment, zu dem das Kunstprojekt in den Rock'n'Roll übertrat, und für eine paar Monate zwischen 1977 und 1978 galten Devo als prägendste Vertreter der so genannten Postpunk-Ära. Der Gruppe gelang es nun, jenseits der reinen Kunstidee zu bestehen; Devo schufen großartige Wave-Nummern wie »Mongoloid« und »(I Can't Get No) Satisfaction«, bis heute die beste Coverversion dieses Songs. Als schließlich 1980 »Whip It« erscheint,eigentlich ein klassisches Devo-Stück,ist etwas Erstaunliches zu beobachten: Der Song fügt sich nahtlos in die New-Wave-Musik dieser Zeit ein; fast könnte er von jemand anderem sein.Das bedeutet zweierlei: Devo haben ihren ersten und einzigen Hit.Und: Offenbar hat sich der Konsenssound der New Wave inzwischen auf Devo zubewegt ? jenes Projekt, das zwei Jahre zuvor noch klang, als werde es niemals in der Gegenwart ankommen.Doch in diesem Moment verlieren sie die Zukunft: Obwohl Devo noch ein Jahrzehnt weitermachten, klangen sie nie wieder futuristisch. DEXYS MIDNIGHT RUNNERS Geno »Geno« ist Pop über Pop ? das Lied handelt von der Begeisterung, die ein Konzert des Soulsängers Geno Washington in einem jugendlichen Besucher auslöste.Washington war ein US-Soldat, der nach Ende seiner Dienstzeit in England geblieben war und den dortigen Northern-Soul-Fans einen Eindruck davon gab, wie sich die Musik, die sie nur von Platten kannten, auf der Bühne anhörte.In der US-Soulmusik spielte der Sänger keine Rolle,doch dem Jungen aus Birmingham, der von seinem älteren Bruder in den späten Sechzigern zu einem Geno-Washington-Konzert mitgenommen wurde, bescherte er ein prägendes Erlebnis. Der Junge hieß Kevin Rowland, wurde 1977 ein Punk und gründete eine Combo namens The Killjoys. Doch schon 1978 erinnerte er sich an seine Vorliebe für Soul und entwickelte die Vision einer Band, die die Energie von Punk mit dem Überschwang von Soul verbinden und dazu noch gut aussehen sollte: Rowland stylte die Gruppe nach dem Vorbild der jungen Italo- Amerikaner in Martin Scorseses Film Mean Streets. Der Bandname Dexys Midnight Runners hingegen spielte auf das bei Mods beliebte Aufputschmittel Dexedrin an.
Im Dezember 1979 veröffentlichten die Dexys ihre erste Single und schon die zweite, »Geno« eben, wird im Mai 1980 ihr erster Nummer-eins-Hit in England. Das Lied ist nicht bloß eine Hommage an Geno Washington,Rowland erhebt sich sogar über das alte Idol: »Now you're all over, your song is so tame« (»Jetzt bist du erledigt, dein Lied ist so lahm«). Doch ohne ein gewisses Maß an Hochmut hätte sich eine Platte wie Searching For The Young Soul Rebels wohl nicht schaffen lassen können. Es beginnt damit, dass im Radio Songs von Deep Purple, den Sex Pistols und den Specials kurz anklingen, dann weggedreht werden ? und Kevin Rowland sagt: »For god's sake, burn it down« (»Um Himmels willen,brennt es nieder«) ? was davor war,wird weggewischt. Dann folgt Soulpop mit schmetternden Bläsersätzen, der durch Rowlands überkandidelte Stimme und seine ebenso pathetischen wie cleveren Texten geadelt wird.
Searching For The Young Soul Rebels ist eines der besten Debütalben der Popgeschichte. Pop über Pop war auch »Come On Eileen«, das 1982 der einzige Welthit von Dexys Midnight Runners wurde; das Lied erinnerte an den R&B-Sänger Johnnie Ray.Nach dem geflopten, von der Kritik aber längst rehabilitierten Album Don't Stand Me Down von 1985 löste Rowland die Band auf und rutschte in Drogenprobleme ab. Die Lieder, die ihm wieder heraushalfen, coverte er 1999 auf dem Album My Beauty, doch die Qualität dieser Platte wurde übersehen,weil alle Welt sich über Rowlands Auftritt beim Rockfestival in Reading amüsierte: Er sang in Frauenkleidern »You'll Never Walk Alone« und wurde dafür mit Bierbechern beworfen. LINTON KWESI JOHNSON Inglan Is A Bitch Ein schleppender,vom Bass sanft angeschobener Beat; Fragmente von Bläsersätzen,die unvermittelt auftauchen,um dann im Nichts zu verhallen.Darüber spricht eine Stimme,deren Dynamik an die Monotonie des Psalmodierens erinnert: »Inglan Is A Bitch«, eine unverhohlene Kampfansage. »Für Schwarze in England hat sich einiges verändert«, sagt Linton Kwesi Johnson über den Rahmen, in dem sein Lied entsteht. »Wir haben die Ära des Widerstandes hinter uns gelassen und sind heute in der Ära des Aufstandes angelangt. Und das ist ein Fortschritt aus meiner Sicht.« Johnsons zweiter Gedichtband Dread Beat & Blood war 1978 Ausgangspunkt für eine neue Einheit aus Poesie und Musik, die der Poet und politische Aktivist in den folgenden Jahren auf mehreren Alben zu immer größerer Perfektion entwickelt. Zwar gibt es Parallelen zur Tradition des »Toasting«, aber Johnson hing am Wortlaut seiner ? geschriebenen ? Texte; bei ihm lag der Reggae- Rhythmus bereits in der Sprachmelodie. Er musste nur noch an die Oberfläche gehoben werden. TAANA GARDNER Heartbeat Der Basslauf von »Heartbeat« gehört zu den meistgesampelten der Popgeschichte ? Taana Gardners Clubhit von 1980 befeuerte später mehr als dreißig weitere Aufnahmen,darunter Ini Kamozes »Here Comes The Hotstepper«. Dabei ist es bemerkenswert, dass Taana Gardner sich ausgerechnet im Discometier einen Namen machte. Die Enkelin einer Opernsängerin trat bereits im Kindesalter mit professionellen Bühnentruppen auf und arbeitete an einer Karriere als Theaterschauspielerin. Sie schaffte es immerhin bis zum renommierten Dance Theatre of Harlem und dem National Black Theatre. Dann fiel bei einer Aufnahme für einen Discosong namens »Work That Body« überraschend die Sängerin aus und Produzent Kenton Nix fragte kurz entschlossen seine Bekannte aus New Jersey. Gardner machte ihre Sache so überzeugend, dass sie zwischen 1979 und 1981 eine Folge von Dancefloor-Klassikern für das Label West End einsang. »Heartbeat«, das sich bereits in den ersten Tagen nach seinem Erscheinen 100 000 Mal verkauft, ist der bekannteste von ihnen. DER PLAN Da Vorne Steht ?ne Ampel Möglicherweise fängt die Revolution mit einer Ordnungswidrigkeit an.Warum nicht einfach mal bei Rot über die Ampel gehen? Der erste Hit des Düsseldorfer Trios Der Plan ist eine Anleitung zum heiteren Verstoß gegen die Regeln. »Die Leute sollen nicht einfach symbolgesteuerte Roboter sein«, so der Künstler und Galerist Moritz Reichelt, der die Band Ende der Siebziger zusammen mit Frank Fenstermacher und Kurt Dahlke gründete. Ihre erste Single nahmen sie unter LSD-Einfluss mit einem Diktiergerät auf, auf den Plattencovern versteckten sie Hakenkreuze, bei ihren Auftritten trugen sie Styropormasken und verwendeten rot-weiß gestreifte Warnkegel als Dekorationselemente.Als Musiker verstanden sie sich nie.Warum auch: »Wir haben einfach angefangen rumzuspielen«, erinnerte sich Reichelt. Mit seinen Kinderliedern für Erwachsene ebnete das Trio den Weg für die Hirnlosigkeiten der Neuen Deutsche Welle ? vermutlich ohne es zu wollen. Doch als jene längst abgeebbt war, landeten Der Plan noch einmal einen Hit: »Tanz Den Gummitwist«. FEHLFARBEN Hier Und Jetzt Die Stadt Düsseldorf hat einen schlechten Ruf in Deutschland. Das mag den Bewohnern anzurechnen sein, die zwischen zwei Boutique-Besuchen auf der Königsallee noch Austern und Champagner schlürfen. Für die Entwicklung der deutschen Popmusik hat die Stadt allerdings eine ganze Menge geleistet. Kraftwerk arbeiten hier in ihrem Kling-Klang-Studio; und 1980 entsteht in Düsseldorf eine Platte, wie es sie vorher und lange nachher nicht gegeben hat. Ihr erstes Lied heißt »Hier Und Jetzt« und beginnt mit den fast deklamierten Zeilen »Die Schatten der Vergangenheit, wo ich auch geh, da sind sie nicht weit.« Hier singt jemand,als sei er auf der Flucht.Es ist Peter Hein,Frontmann der Band Fehlfarben, der so das Album Monarchie Und Alltag eröffnet. Man muss sich das einmal ausmalen: In der Hand hält der Hörer ein weiß umrandetes Plattencover, auf dem ein graues Mietshaus vor orangefarbenem Himmel zu sehen ist, ein Ford parkt am Gehsteig, ein Werbeplakat verkündet: »Zehn Millionen Fernseh-Zuschauer können sich nicht irren.« Auf das Knistern der Einlaufrille folgt ein überfallartiges Gitarrenriff, das gleichermaßen von New Wave wie von Ska hergeleitet ist, und dann kommen die Worte von Peter Hein, der sich atemlos durch den Text hechelt bis zum Refrain: »Die zweite Hälfte des Himmels könnt ihr haben. Das Hier und Jetzt, das behalt ich.«
Was ist das? Was will der Mann sagen? Hein stammt aus Düsseldorf, geht in die Punkkneipe Ratinger Hof, trinkt Altbier mit Andreas Frege, der sich Campino nennt; aber wenn die anderen Punks morgens ihren Rausch ausschlafen, erscheint er pünktlich zur Arbeit als Lehrling bei der Firma Rank Xerox.Nach Feierabend ist er dann Teil der Gruppe Fehlfarben. Woher sein Zorn und seine Bissigkeit kommen, ist auch seinen Bandkollegen schleierhaft. Der Saxofonist Frank Fenstermacher erinnerte sich Jahre später: »Peter hat sich ein Etagenbett mit seinem Bruder geteilt,überall lagen Modellflugzeuge herum und auf dem Boden stand eine Carrerabahn. Unglaublich, dass da solche Texte herkamen.«
Fehlfarben erhalten von den Kritikern Höchstwertungen, auch Campino schaut sich viel von deren Sänger ab.»Peter Hein hat nie verkraftet, dass Campino, der sein größter Fan war, so ein Superstar wurde«,erzählt Uwe Jahnke, der später zu Fehlfarben stieß,in Jürgen Teipels Buch Verschwende Deine Jugend. Andererseits ist Hein der Erfolg unheimlich. Die Hitsingle »Es Geht Voran« verachtete er zutiefst und kurz nach Erscheinen des Albums Monarchie Und Alltag verließ er die Band. Zweimal hat er mit Fehlfarben ein Comeback unternommen, unbeachtet 1991, viel beachtet 2002. Für die anschließende Tournee musste Hein sich Urlaub nehmen: Er arbeitet weiterhin bei der Firma, in der er 1980 in die Lehre ging. THE CURE A Forest Manchmal schafft es eine Band, einen Song zu schreiben, der alles, was sie darstellt, letztgültig zusammenfasst: ihren Sound, ihren Stil, ihre Haltung. Einen Song, den man immer mit der Band verbindet, egal, wie unkenntlich er durch Coverversionen oder Remixe gemacht wird. »Paranoid« von Black Sabbath wäre ein solcher Fall oder auch »Being Boring« von den Pet Shop Boys. Aber mit das beste Beispiel für diese Form von essenzieller Übereinstimmung sind The Cure und ihr Lied »A Forest«: Was die Band um Robert Smith jemals war und sein sollte, findet sich in diesen knapp sechs Minuten Musik,aufgenommen für das Album Seventeen Seconds. Technisch lässt sich »A Forest« leicht beschreiben: Ein simpler Gitarrenpattern um einen Synthesizer-Ton eröffnet das Lied, eine Rhythmusgitarre gesellt sich hinzu und spannt ein Netz aus einfachsten Akkorden (zum Nachspielen: Am/C/F/D); auch der Bass beschränkt sich auf eine monotone Grundierung und Robert Smith beginnt zu singen: »Come closer and see, see into the trees...« (»Komm näher und schau', schau' zwischen die Bäume«). Produziert ist das Lied, als wehte zwischen Aufnahmeraum und Mischpult ein frostiger Bodenwind, der die Töne in die Tiefe des besungenen Waldes bläst, bis sie einander verlieren. So klingt »A Forest« mit endlosen Stakkato-Basstönen aus,ein Effekt, den die Band gern auf der Bühne nutzt,um das Lied auf eine Länge von mindestens einer Viertelstunde auszudehnen.
»A Forest« ist ein Meisterstück musikalischer Hypnose und es fördert im Jahr seiner Entstehung eine neue Form des Musikfans zu Tage: den Gruftie ? ein Mensch, an dem alles schwarz ist, von den Haaren und dem Umhang bis zu den Fingernägeln. Schuld daran hat Robert Smith,ein unsicherer junger Mann,der sich zum Singen eine schwarze Perücke aufsetzt und die Lippen rot malt. 1976 gründete er mit seinen Schulfreunden Michael Dempsey,der später durch Simon Gallup ersetzt wurde,und Laurence Tolhurst die Band »The Easy Cure«, strich bald das »Easy« und schrieb hübsche Gitarrennummern wie »Fire In Cairo« und »Boys Don't Cry«.
1980 aber muss ein Schatten auf seine Seele gefallen sein: Sein Liebeskummer verwandelt sich in Weltzweifel, der in den Folgejahren immer bohrender wurde und 1982 in Pornography resultierte, einer der dunkelsten Platten der Popgeschichte. Danach vollzog Smith einen Richtungswechsel und komponierte verspielte Popnummern wie »The Lovecats« und »Just Like Heaven«. Die Grufties zeigten sich irritiert und bezichtigten die Band des Ausverkaufs, erwarteten sie von The Cure doch für immer Existenzschmerz und düstere Klangberge.Nicht zuletzt wegen »A Forest« ? ein Lied, das noch mehr wächst,wenn man es aus dem Düsterkittel-Kontext befreit. GEORGE JONES He Stopped Loving Her Today Natürlich ist es auch der reine Klang seiner Stimme, der George Jones zum größten Countrysänger macht, dieser zart-brüchige Schmelz, in dem selbst bei den ruppigsten Partysongs eine Prise Trauer und Vergänglichkeit mitschwingt.Noch entscheidender für die Klasse dieses Sängers ist allerdings, was Jones mit dieser Stimme gemacht hat. »Um einen Countrysong zu singen, muss man ihn selbst gelebt haben«, formulierte er einmal und schlug, diesem Motto folgend, einen Weg voller Katastrophen und emotionaler Exzesse ein; dabei lagerten sich sämtliche Wirrungen die er durchlebte, auf seiner Stimme ab wie Witterungsschäden auf einem knorrigen alten Baum. Im Vergleich zu George Jones sind die bösen Buben aus Rock und Rap Waisenknaben. Seine Hobbys: Alkohol, Kokain, Bedrohung mit Feuerwaffen, häusliche Gewalt. Bis 1975 war Jones mit der Countrysängerin Tammy Wynette verheiratet, die ein Lied von seinem rüden Temperament singen konnte ? und es auch tat. Nach der Scheidung geriet Jones' Leben zusehends außer Kontrolle. Wegen Unpässlichkeit ließ er so viele Konzerte ausfallen, dass man ihm den Spitznamen »No Show Jones« verpasste.
1979 war er schließlich so abgebrannt, dass er in seinem Auto schlafen musste; nach Jahren des Drogenmissbrauchs konnte er zudem kaum noch feste Nahrung zu sich nehmen. Im Dezember begab er sich freiwillig in die Psychiatrie, doch als er Anfang Januar wieder herauskam, kaufte er als Erstes einen Sechserträger Bier. Und bald darauf ein bisschen Koks. Trotzdem findet Jones sich Ende Januar im Studio ein, wo sein Produzent Billy Sherrill vorschlägt, einem Song eine zweite Chance zu geben, den die beiden im Jahr zuvor nicht richtig hinbekommen haben.»He Stopped Loving Her Today« erzählt in pointierten Worten vom Lebensdrama eines armen Teufels, den erst der Tod von der Liebe zu einer Frau erlöst, die ihn Jahrzehnte vorher verlassen hat.
Jones beginnt den Song verhalten, begleitet von klagenden Mundharmonika- und Steel-Guitar-Tönen. Fast zwei Minuten lang steigern er und Sherrill ganz behutsam die Intensität, bis sie schließlich zur Titelzeile gelangen ? und plötzlich eine emotionale Sprengladung zünden, die noch den gestandensten Hörer zu erschüttern vermag. Jones scheint die ganze Tristesse der eigenen Situation in seinen Gesang zu legen, Sherrill unterstützt diese Selbstentblößung mit einer simplen, aber effektiven Streicherpassage,die zu den Geniestreichen seiner langen Produzentenkarriere gezählt werden muss.Nach gut drei Minuten ist dann alles vorbei und das Leben geht weiter. Offensichtlich getrübten Blicks,wettet Jones mit Sherrill,dass »He Stopped Loving Her Today« kein Erfolg werden wird.Nun, die Wette verliert er: Der Song gelangt auf Platz eins der Countrycharts und bringt Jones einen Grammy ein. 1992 wurde der Titel dann in einer groß angelegten Umfrage zum populärsten Countrysong aller Zeiten gewählt, zehn Jahre später kürte eine Jury aus Musikjournalisten den Titel gar zur »herzerweichendsten« Platte der Geschichte. Möchte jemand widersprechen? ADONIRAN BARBOSA COM ELIS REGINA Tiro Ao Álvaro Seine erste Platte erschien bereits 1935, dennoch ist die Diskografie von Adoniran Barbosa überschaubar. Er zog es vor, als Radiokomiker Karriere zu machen,und gab seine Kompositionen meistens anderen Sängern. Mit den Jahren erwarb er sich dabei den Ruf, wichtigster Samba-Songschreiber São Paulos zu sein. 1980 wird er aus Anlass seines 70. Geburtstags für das Album Adoniran E Convidados mit allerlei prominenten Musikern zusammengebracht. Neben Sambastars wie Roberto Ribeiro, Clara Nunes oder Clementina de Jesus nimmt er auch Duette mit Brasilpop-Sängern wie Djavan und Gonzaguinha auf.»Tira Ao Álvaro « erweist sich als größter Erfolg des Albums ? womöglich weil Elis Regina zu diesem Zeitpunkt einer der größten Stars Brasiliens ist; womöglich auch wegen der speziellen Kombination von Barbosas Cachaça-gegerbtem Sprechgesang und der Klarheit von Reginas Stimme. PRETENDERS Brass In Pocket Patti Smith hat sich 1979 ins Privatleben zurückgezogen, doch schon ist eine Nachfolgerin in Sicht. Chrissie Hynde aus Akron, Ohio, lebt seit einigen Jahren in London und schlug sich anfangs sogar als Musikjournalistin durch; nun erscheint im Januar 1980 das Debüt ihrer Band, der Pretenders.Auf »Brass In Pocket« zeigt sie sich als starke,kompromisslose Frau,die einen Mann verführen will. Sie ist sich ihrer Sache absolut sicher, denn: »There's nobody else here, no one like me, I'm special, so special« (»Es ist niemand anderes hier, niemand wie ich, ich bin besonders, so besonders«). Ihr Selbstvertrauen wird von einem federnden Riff getragen, das ihre Schritte zum Ziel zu unterstreichen scheint: Eins,zwei, drei, vier ? und schon gehört er mir, sagt die Gitarre. »Brass In Pocket« ist eines der poppigeren Stücke auf Pretenders, das sich ansonsten zwischen Postpunk und New Wave bewegt. Und auch weil Chrissie Hyndes Selbstbewusstein die Musik mit Kraft auflädt, gelangt das Album in England auf Platz eins der Hitlisten. CHANGE The Glow Of Love Dieser Song verrät, wie die Musik von Luther Vandross hätte klingen können,wäre er an Produzenten wie Nile Rodgers und Bernard Edwards geraten.Zwar haben die nichts mit Change zu tun,doch ist der Sound des Studioprojekts deutlich an ihre Band Chic angelehnt. In »Glow Of Love« bekommt Vandross so die ideale Folie für seinen seidenweichen und dennoch kraftvollen Tenor. Der spätere Star ist damals nur Insidern bekannt: Nach einem Job als Backgroundsänger für David Bowie und zwei geflopten Soloalben Ende der Siebziger hatte er sich mit dem Einsingen von Werbejingles über Wasser gehalten. Das Gastspiel bei Change aber bedeutet für ihn den Durchbruch: Seine kristallklare Intonation kann sich in einem verträumten Song wie »The Glow Of Love« perfekt entfalten. Ein Jahr später stand Vandross dann bereits an der Spitze der R&B-Welt. Seine Nummer-eins-Single »Never Too Much« eröffnete eine Erfolgsserie, die dem am 1. Juli 2005 gestorbenen Vandross über zwei Jahrzehnte lang den Thron des romantischen Soulcrooners sicherte. THE TEARDROP EXPLODES Treason In der Liverpooler Punkszene der späten Siebziger galt Julian Cope zunächst als »völlig uncool«, wie sich David Balfe erinnert. »Er war viel zu enthusiastisch. Dabei musste man unnahbar und kühl sein. Julian aber war positiv und freundlich, umarmte jeden und redete wie ein Wasserfall.« 1980 gehören Balfe (Keyboards) und Cope (Gesang, Bass) zu The Teardrop Explodes, die sich mit Echo & The Bunnymen einen heißen Kampf um den Titel der coolsten Band der Stadt liefern. Echo & The Bunnymen wurden auf lange Sicht die erfolgreichere Gruppe.1980 jedoch liegen The Teardrop Explodes vorne, mit ihren wunderbar euphorischen, dunkel glitzernden Pop-Hymnen wie »Sleeping Gas«, »When I Dream« und vor allem »Treason«. »Wir waren bei Top of the Pops, tourten um die Welt und hatten jede Menge Frauen«, sagte Balfe später wehmütig. »Und einmal saßen wir in einer Limousine, die nicht losfahren konnte,weil sie von hysterischen Fans umgeben war. Es war fantastisch ? jedem Menschen sollte das mindestens einmal im Leben passieren.« ABWÄRTS Computerstaat 1980 sieht es nicht gut aus für Deutschland. In der Straßenbahn herrscht Paranoia, in der Kanalisation lauern feindliche Agenten. Die Apokalypse hat bereits begonnen.Sie wird begleitet von einem rumpelnden Schlagzeug, von klirrenden Gitarren und ausdruckslosem Gesang.»Du kannst die Blume auf dem Fensterbrett sehen oder den Scheißhaufen hinter dem Autoreifen«, sagte der Sänger und Gitarrist Frank Z.»Ich sehe lieber den Scheißhaufen.« Vehement singt seine Band Abwärts, aus der Hamburger Punkszene hervorgegangen, gegen ein Land an, das er verdächtigt, immer feinere Techniken der Überwachung und Kontrolle zu entwickeln. Der Song »Computerstaat« macht Abwärts bekannt.Nach einigen denkwürdigen Tourneen gingen Bassist Marc Chung und Geräuschemacher FM Einheit zu den Einstürzenden Neubauten, doch Frank Z. verbreitete noch jahrelang Weltuntergangsstimmung. Das wirkte irgendwann anachronistisch. Die Apokalypse fand nämlich doch nicht statt. Die Welt drehte sich einfach weiter. THE BEAT Mirror In The Bathroom Auch wenn Punk und New Wave im England der späten Siebziger oft politisch taten und es in Einzelfällen sogar waren: Die mit Abstand engagierteste Musik dieser Zeit stammt von den Vertretern des Ska-Revivals ? Bands wie The Specials,The Selecter oder The Beat, deren Stil nach dem gleichnamigen Label Two Tone genannt wurde. Als Versuch jamaikanischer Musiker, den R&BSound aus New Orleans zu kopieren, war Ska zwar schon in den frühern Sechzigern entstanden, größere Popularität erlangte diese Musik aber erst 1978, als junge Bands aus den englischen Sozialsiedlungen den jamaikanischen Originalska mit der Härte des Punk mischten. Die Besetzung dieser Gruppen bestand aus Einwanderern und Einheimischen zugleich ? angesichts der Rassenunruhen im England der späten Siebziger ein mutiges politisches Statement. 1980 lösen sich The Beat langsam von der Two-Tone-Vorlage,mixen Calypso und Blue Beat in ihre Musik und bewegen sich damit stärker in Richtung Pop.Das Publikum dankt: »Mirror In The Batroom« wird The Beats größter Hit. TOM WAITS Jersey Girl Irgendwann Ende der Siebziger wurde Tom Waits zur Touristenattraktion. Es war allgemein bekannt, dass er im Tropicana Motel in Hollywood wohnte,einer legendären Rock'n'Roll-Absteige,in der bereits Jim Morrison logiert hatte.Nun kamen immer öfter Fans und Schaulustige zum Motel und zum ebenso berüchtigten Duke's Coffee Shop, in der Hoffnung,Waits dort einsam in der Lobby oder rauchend am Tresen sitzen zu sehen ? ganz so wie eine der melancholischen Gossenexistenzen, von denen er in seinen Songs erzählte. Die gesamten Siebziger über hatte Waits eine künstlerische Persona kultiviert, die man sich nicht bei Tageslicht vorstellen konnte. Er war der Poet der verrauchten Bars, der schlecht geschminkten Kellnerinnen, der klapprigen Autos und angebrannten Hamburger.
Als Erbe von Beatautoren wie Jack Kerouac und Charles Bukowski zelebrierte er ein mythisch überhöhtes Kalifornien, das weit mehr mit den Filmen aus Hollywoods »Schwarzer Serie« zu tun hatte als mit der Glitzerwelt der Siebziger. Musikalisch zeigte er sich dabei durchaus wandlungsfähig, spielte Pianoballaden mit Orchesterbegleitung, Barjazz,R&B, rockigere Stücke ? oder eine Mischung aus alledem. Doch die Stimmung seiner Lieder blieb immer ähnlich,was natürlich auch an seiner unverkennbaren Schmirgelstimme lag,die stets automatisch nach Whisky und Zigaretten klang.Nach sechs LPs bestand deshalb die akute Gefahr, dass sein gesamter Auftritt zur Pose erstarren würde. »Im Musikgeschäft scheint es ein bisschen so ähnlich zu sein wie in der Politik«, sagte er später. »Um dort anzukommen, wo man hinwill, muss man sich von seinen Idealen trennen.Um den Wagen den Hügel hinaufzukriegen,wirft man unterwegs das Harmonium,das Hochzeitskleid und die Bowlingkugel herunter. Dann ist man endlich oben,aber der Wagen ist leichter,weil man unterwegs so viel verloren hat.«
Mit dem Album Heartattack And Vine, das im Sommer 1980 entsteht, nimmt Waits Abschied von seiner Nachtschwärmer-Figur ? allerdings nicht ohne ihr noch ein letztes grandioses Lebewohl hinterherzuschicken: die Ballade »Jersey Girl«, die wie die Quintessenz der langjährigen Zusammenarbeit zwischen Waits, dem Produzenten Bones Howe und dem Arrangeur Jerry Yester wirkt. Waits-typisch beginnt das Lied mit der Erwähnung der »whores on Eighth Avenue«, der Huren auf der Achten Avenue, um sich dann in Vorfreude auf den baldigen Kirmesbesuch in New Jersey zu ergehen; im »Sha la la«-Chorus wird das Stück geradezu euphorisch, die sparsame Begleitung unterstreicht hier Waits' leidenschaftliches Geknarze auf besonders effektive Weise. Bald darauf coverte Bruce Springsteen »Jersey Girl« und Tom Waits brach zu neuen Ufern auf.
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