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WIRE Outdoor Miner Was wäre die Geschichte der britischen Popmusik nur ohne Kunststudenten? Immer wieder gründeten sie Bands und versuchten, gängige Standards durch avantgardistische Ansätze aufzubrechen. Bei Wire haben wir es mit vier Provinztypen aus Watford und Hornsey zu tun,die bereits Anfang 1976,im Vormärz des Punk, mit der Dekonstruktion begannen. Die bekennenden Dilettanten spielten auf der Bühne nicht nur Musik, sondern arbeiteten auch mit Geräuschen und Film.Ein weiterer optischer Störfaktor: die von Bruce Gilbert und Colin Newman verwendeten, eiförmigen Gitarren ? im Rockbetrieb nehmen sie eine Art Wankelmotor-Stellung ein.Kein Wunder also, dass Produzentenpapst Brian Eno Wire nach den ersten drei Alben für höhere Weihen in Augenschein nahm; standesgemäß löste sich die Band daraufhin Anfang der Achtziger auf.»Outdoor Miner« kommt als kleine melodische Fingerübung fast versöhnlich und mehrstimmig schwebend daher ? ein Ruhepol im zickig-zackigen New- Wave-Umfeld der LP Chairs Missing. CHIC I want your love Die Oberfläche trügt. Wer hinter den schlichten Lyrics und repetitiven Chören von »I Want Your Love« bloße Discofunktionalität vermutet, der ahnt nichts von den avantgardistischen Leistungen des Produzentenduos Nile Rodgers und Bernard Edwards: von der Schichtung von Stimmen, Bassläufen und Gitarren um raffinierte Mollakkord-Folgen, vom Aufbau maximaler Spannung mit minimalem Aufwand. Der typischen ChicÄsthetik eben. In der durchkommerzialisierten Variante mag Disco der Tod kreativer Freiheit gewesen sein.Doch wenn eine Platte den Funken des Genius auf die Tanzfläche zurückbrachte, dann zeichneten häufig die beiden Chic-Köpfe dafür verantwortlich: der Gitarrist Nile Rodgers und der Bassist Bernard Edwards.Zu ihren späteren Produktionen zählen unter anderem solche Dauerbrenner wie »Upside Down« von Diana Ross,David Bowies »Let's Dance« und Madonnas »Like A Virgin«. Rodgers hatte in der Hausband des Apollo Theatre in Harlem gespielt,bevor er mit Edwards die Gesangsgruppe New York City begleitete. Ihre eigene Band Chic manifestierte sich zuerst in einer Reihe gemeinsam aufgenommener Demobänder.
Später engagierten sie die Sängerinnen Norma Jean Wright,Luci Martin und Alfa Anderson und setzten deren Stimmen als gleichberechtigte Instrumente neben Tony Thompsons Schlagzeug und Raymond Jones'Keyboards ein.Luftige Melodien umspielten Bernards wuchtige Basslinien. Das Markenzeichen jedes Chic- Tracks aber bildete Rodgers' hackende Funkgitarre. Mit ihrem Debüt »Dance, Dance, Dance« brachten Chic 1977 neuen musikalischen Witz in das schlecht beleumundete Discogenre. Ein Jahr später wird die Single »Le Freak« mit sechs Millionen verkauften Exemplaren zu einer der erfolgreichsten Tanznummern aller Zeiten. Dabei ist der Song, glaubt man Edwards, in nicht einmal dreißig Minuten entstanden. Grace Jones hatte die beiden Chic-Gründer zu ihrer Party ins New Yorker Studio 54 geladen, doch der Türsteher lässt sie nicht hinein.Edwards und Rodgers legen anschließend ihre ganze Wut in ein improvisiertes Stück mit dem Refrain: »Aaaaaah ... fuck off!« Um das hitverdächtige Stück radiotauglich zu machen, veränderen sie später jedoch den Text zu: »Aaaaaah ... freak out!«
Das ebenfalls auf dem zweiten Album C'est Chic enthaltene »I Want Your Love« demonstriert dagegen die melodischere Seite des Kollektivs. 1979 lieferten Edwards und Rodgers dann mit »Good Times« unbeabsichtigt das Fundament für »Rapper's Delight« von der Sugar Hill Gang; damit bereiteten sie den Weg für den kommerziellen Durchbruch von HipHop. Ironie der Geschichte: Der Erfolg der Rapmusik trug mit dazu bei, dass Chic ihre Führungsposition in den Achtzigern verloren. THE JAM Down in the tube station at midnight Paul Weller ist Gott.Nicht nur als Stilikone ? vor allem als Sänger, Songschreiber und Gitarrist. Das Problem ist: Er weiß das. Jedenfalls verhält er sich so. Das zeigt sich zum Beispiel daran,welchen Umgang der Gründer von The Jam und The Style Council mit der Musikpresse pflegt: am besten gar keinen. Interviews gibt er kaum. Und fast schon legendär sind seine Wutanfälle über negative Kritiken.Angeblich soll er britischen Rezensenten sogar Prügel angedroht haben. Bis heute aber blieb eine Schlägerei, die sich Weller in Leeds mit Rugbyspielern lieferte, sein einzig öffentlich bekannt gewordener Faustkampf.
Auch bei Konzerten bekommt man oft einen Eindruck von seinem Temperament: Wenn dem Mann auf oder vor der Bühne etwas nicht passt, kann er ziemlich ausfallend werden. Da scheint sich ein Rest jener Aggression erhalten zu haben, die Wellers Musik vor allem zu Beginn geprägt hat, bei The Jam: Die 1972 als Schul-Duo gegründete Band war nicht die radikalste,aber eine der wütendsten des britischen Punk.1977,Weller war 18 Jahre alt, landeten The Jam gleich mit ihrer ersten Single »In The City « in den britischen Charts. Doch der eigentliche Durchbruch kommt erst Ende 1978, mit der Single »Down In The Tube Station At Midnight« und dem dritten Album All Mod Cons. Single wie LP zeigen den starken Einfluss, den Bands wie The Kinks und The Who auf Weller hatten: Sein britischer R&B, mit den Mitteln des Punkrock ultrahoch erhitzt, wurde zur Musik einer neuen Generation von Mods. Dringlicher hatte britischer Pop bis dahin selten geklungen. Es folgte eine ganze Reihe Singlehits in Großbritannien,darunter »Going Underground« und »Town Called Malice«.
Schließlich, nach sechs regulären Alben in fünf Jahren, erschien im November 1982 »Beat Surrender«, das Schlusswort der von Weller schon aufgelösten Band. Dessen musikalische Interessen hatten sich verändert, er schwärmte immer deutlicher für Soul: Zwar hatte er mit The Jam noch Coverversionen von Curtis Mayfields »Move On Up« und Edwin Starrs »War« aufgenommen, nun aber war er entschlossen, für seine neue musikalische Liebe eine andere Band zu gründen ? The Style Council. Eine von den Jam-Fans nie akzeptierte Lösung: Noch auf den letzten Style- Council-Konzerten Ende der Achtziger verlangte das Publikum ? zumindest in Deutschland ? immer verlässlich »Going Underground «.Weller hat nie reagiert. Er ist ja Gott. BLONDIE Denis Vielleicht war diese Band musikalisch einfach zu widersprüchlich, um in ihrer Zeit wirklich verstanden zu werden. Vielleicht war es aber auch so, dass es bei den 1975 gegründeten Blondie gar nicht so viel zu verstehen gab. Ihre drei großen Hits jedenfalls scheinen musikalisch nur die Stimme von Debbie Harry gemeinsam zu haben, heutzutage bei den meisten Menschen eher als irre szenig wirkender Star ohne nähere Funktion bekannt denn als Frontfrau von Blondie. »Denis«, der erste Hit, ist eine dezent punkige Coverversion des Stücks »Denise« (mit »e« hintendran) aus den Sechzigern.
Blondie entstammten ursprünglich jenem Teil der New Yorker Punkszene, der sich aus den Trümmern des Glamrock gebildet hatte.Was bedeutete,dass sie programmatisch wenig mit Iggy Pop oder den Ramones und rein gar nichts mit der britischen Punkbewegung um die Sex Pistols zu schaffen hatten; Punk war für sie eher ein kunsttheoretisch untermauertes Konzept als ein Vehikel für antibürgerliche Schocktaktiken. Blondies zweite große Single »Heart Of Glass« zitierte dann eindeutig Disco, den von echten Punks geschmähten »Plastikpop«, womit sie plötzlich als Verräter an der guten Sache dastanden. Mit ihrem letzten Singlehit, der Reggaenummer »The Tide Is High«,konnten Blondie sich wieder ein wenig rehabilitieren,nur um sich 1982 sang- und klanglos aufzulösen. Inwiefern die Trennung infolge des kommerziellen Flops ihres sechsten Albums The Hunter zustande kam, lässt sich heute nicht mehr sagen. Vielleicht war auch die Tatsache entscheidend, dass bei Gitarrist Chris Stein eine chronische Hautkrankheit diagnostiziert wurde.
Harry jedenfalls pflegte in den folgenden Jahren ihren damaligen Lebensgefährten Stein und blieb mit gelegentlichen Soloaufnahmen und Filmauftritten wie in John Waters'Hairspray leidlich präsent, während man von den restlichen Bandmitgliedern nichts wirklich Bedeutendes mehr hörte. Anfang 1999 starteten Blondie dann ein Comeback und erreichten mit der Single »Maria« zur Überraschung der Musikwelt die Nummer eins der englischen Charts. Das dazugehörige Album No Exit stellte sich allerdings nicht als besonders aufregend heraus und so können wir viele Jahre nach »Denis« mit gewisser Berechtigung konstatieren: Blondie waren eine gute »Singlesband« mit einer aufregenden Frontfrau. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger. GLORIA GAYNOR This love affair Wer Gloria Gaynor sagt,meint in der Regel »I Will Survive«. Die Sängerin aus New Jersey wird derart mit ihrer Discohymne aus dem Jahr 1979 identifiziert, dass es fast scheinen will, als hätte sie nur diesen Titel aufgenommen. Dabei veröffentlichte Gaynor ihre erste Platte bereits 1965 und ist auch heute noch gut im Geschäft, vor allem natürlich dank der anhaltenden Popularität von, genau, »I Will Survive«. »This Love Affair« erscheint 1978 auf ihrer LP Park Avenue Sounds und als ? mittlerweile gesuchte ? Maxi. In den Achtzigern und Neunzigern wurde der Song dann zu einem Favoriten der europäischen Modern- Soul-Szene. Die Aufnahme ist ein gutes Beispiel für eine Spätsiebziger- Produktion an der Schnittstelle von Disco und Soul: Die ausgesprochen lebhafte Basslinie macht den Rhythmus Dancefloor- tauglich,während Gaynors Gesang, die Einwürfe der Background- Sängerinnen und die stimmungsvollen Streicher auch von einem Mittsiebziger-Soultrack stammen könnten. THE ONLY ONES Another girl, another planet Die Only Ones hatten ein Problem: Sie beherrschten ihre Instrumente! Pfui ? so etwas war im Londoner Punk-Underground natürlich verpönt.Als sich dann noch herumsprach, dass alle vier Bandmitglieder schon seit Jahren Musik machten, dass der Schlagzeuger für den Teeniestar Peter Frampton getrommelt hatte, dass der Sänger sich gar damit brüstete,Fan von Bob Dylan zu sein ? da waren sie bei aufrechten Rotz- und Müllpunks endgültig unten durch. »Mit musikalischen Revolutionen ist es immer dasselbe«, kommentierte Schlagzeuger Mike Kellie einsichtig, »irgendwann haben die Angreifer mehr Regeln aufgestellt als das Establishment, gegen das sie vorgehen wollten.« Die Only Ones lassen sich davon zum Glück nicht beirren und nehmen mit »Another Girl, Another Planet« eine Hymne auf, die die Zeitläufte wesentlich besser überdauert hat als der meiste Lärm, den damals irgendwelche Anfänger auf Platte verewigen.Wie gut, dass die Only Ones spielen konnten. THE NORMAL Warm leatherette Das musikalische Vermächtnis von The Normal ist überschaubar: Sieht man von einem obskuren Konzertmitschnitt ab, so hat das Projekt des ehemaligen Filmstudenten Daniel Miller genau eine Single hinterlassen. Mit herkömmlichen Songs hat »Warm Leatherette« allerdings wenig zu tun: Monotoner Sprechgesang, schräge Synthie-Akkorde, ein stumpfer Rhythmus, und alles inspiriert von J. G. Ballards Roman Crash, in dem Menschen Autos zu Schrott fahren,weil es sie sexuell erregt. »Ich sah mich nie als Musiker«, hat Daniel Miller gesagt. »Es ging mir eher um eine Idee.« Um dieser Idee Gehör zu verschaffen, gründete er seine eigene Plattenfirma. Mit Künstlern wie Fad Gadget, Cabaret Voltaire und DAF wurde sein Label Mute schnell zur einflussreichsten Adresse für elektronische Musik zwischen Pop und Avantgarde. Und zur erfolgreichsten: 1980 nahm Miller eine junge Band namens Depeche Mode unter Vertrag. Sie sollte Mute Records auch dann noch treu bleiben, als sie längst Fußballstadien füllte. MAX BERLIN Elle Et moi Max Berlin schlug zu wie der Rächer in der Nacht.Plötzlich taucht er auf, schafft sechs Minuten erstaunliche Musik und verschwindet wieder in der Obskurität. Beinahe nichts ist über ihn bekannt, doch der Titel »Elle Et Moi«, der damals bei einem kleinen belgischen Label erscheint, gilt inzwischen als Sammlerstück und die Originalmaxi wird ab Beträgen von 100 Euro aufwärts gehandelt. Die einzigen harten Fakten: Max Berlin ist der Bruder von Jean- Marc Cerrone, einem französischen Discoproduzenten, der im Jahr 1976 mit »Love In C Minor« europaweit in die Charts kam. Außer »Elle Et Moi« hat Max Berlin zwei Alben namens Worldwide Party und Dream Disco veröffentlicht, die aber eher belanglos sein sollen. Schließlich kann man vermuten, dass sein Gesangsstil von Serge Gainsbourg inspiriert war. Aber sonst? Wie hat Max Berlin diesen wummernden Psychofunk-Sound hingekriegt, der noch heute taufrisch klingt? Wer hat ihn zum extrem schlüpfrigen Text inspiriert? Wo steckt er seit all den Jahren? Fragen über Fragen. Max ? bitte melde dich! ROSE ROYCE Love don't live here anymore Diese Ballade entstand unter der Ägide des Produzenten Norman Whitfield. Norman wer? Also gut, um den Mann näher vorzustellen, nennen wir zwei seiner Klassiker: »I Heard It Through The Grapevine« von Marvin Gaye. Und »Papa Was A Rollin' Stone« von den Temptations.Na, klingelt's? Whitfield war ein Visionär, der die Soulmusik um psychedelische Effekte und eine symphonische Dramaturgie erweiterte, zuerst bei Motown, später auf seinem Label Whitfield Records, bei dem Rose Royce unter Vertrag standen.Nachdem die zehnköpfige Combo 1976 mit »Car Wash« einen Hit landete, bringt sie jetzt etwas ganz Ungewöhnliches heraus: eine Discoballade! Denn »Love Don't Live Here Anymore« ist zwar langsam und gefühlvoll, hat aber den harten Sound einer schnellen Nummer.Das Synthiegefiepe am Anfang, der wuchtige Bass, die punktgenauen Streicher ? man wartet darauf, dass das Lied endlich abgeht! Doch die Erwartungen seiner Hörer hat Norman Whitfield immer gern gebrochen. ALCIONE Sufoco Alciones Vater war Leiter einer Marschmusikkapelle in Maranhão im Nordosten Brasiliens und kümmerte sich darum, dass seine Tochter umfassend musikalisch ausgebildet wurde. Ende der Sechziger ging die junge Sängerin nach Rio de Janeiro und fand dort eine Anstellung bei einem Fernsehsender, Anfang der Siebziger zog sie einige Zeit mit einer Sambatruppe durch Lateinamerika und Europa, bis sie 1975 ihr erstes Album veröffentlichte: A Voz Do Samba; sogleich gab es dafür eine Goldene Schallplatte. »Sufôco«, eine Komposition des Sängers Chico da Silva, erscheint 1978 auf ihrem vierten Album Alerta Geral und gehört bis heute zu ihren größten Hits. Die ganze Platte ist im traditionellen Samba verwurzelt, erhält aber auch ein paar modernere Farbtöne durch die Mitwirkung von Musikern aus anderen Stilen wie dem Bossa-nova-Gitarristen Roberto Menescal oder Perinho Albuquerque, einem Arrangeur aus dem Umfeld Gilberto Gils. NINA HAGEN BAND Unbeschreiblich weiblich Ist das jetzt Punk hier oder was? Für die bürgerliche Presse schon. Die FAZ schreibt im Herbst 1978 eine ganze Seite über Nina Hagens »Punk-Schau« und der Spiegel nennt sie »Deutschlands kesse Punk-Jule«,was immer das bedeuten soll. Im musikalischen Underground mag die zwei Jahre zuvor aus der DDR ausgebürgerte Sängerin jedoch kaum jemand. »Mit Nina Hagen wollten wir nichts zu tun haben«, erzählt Thomas Schwebel, später bei Fehlfarben, in Jürgen Teipels Buch Verschwende Deine Jugend. »Auch schon weil die Band von ihr so scheiße war.« Und der Punkpionier Jäki Eldorado sagt: »Plötzlich gab es jemanden, der Punkrock für die Spießer machte.«
Die instrumentale Begleitung von »Unbeschreiblich Weiblich« hat tatsächlich nichts mit Punk zu tun ? es ist auf modern gemachter, künstlich beschleunigter Deutschrock. Beim schweinösen Synthie-Riff sieht man förmlich vor sich, wie sich Keyboarder Reinhold Heil ekstatisch windet und den Oberkörper nach hinten biegt, berauscht von seiner geilen Abfahrt. Früher hatten die Musiker der Nina Hagen Band Rock gespielt und auch danach,als sie unter dem Namen Spliff weitermachten, hielten sie sich lieber an Synthie-lastigen Wave-Rock mit ungebrochener Muckerattitüde. Aber reicht das schon,um den Stab über die Nina Hagen Band zu brechen? Schließlich mischt da noch jemand anders mit ? Nina selbst. Geht man vorurteilsfrei an »Unbeschreiblich Weiblich« heran,so überzeugen schon die ersten Zeilen.»Ich war schwanger, ich fand's zum Kotzen! Wollt's nicht haben, musste gar nicht erst nach fragen« ? das haut rein, noch immer! Nicht nur weil auch heute kaum jemand gerne einen Popsong über eine Abtreibung hört. Vor allem kommt Nina Hagen ihre ausgebildete Stimme zugute. Auf späteren Produktionen nervt ihr Koloraturgesang häufig, doch in ihrer Punkphase setzte sie ihr stimmliches Volumen gekonnt ein, um den provokanten Texten zusätzlichen Nachdruck zu verleihen.
Während die Punks abseits der Öffentlichkeit vor sich hin lärmen, wird die LP Nina Hagen Band 1978 zum Hit und »Unbeschreiblich Weiblich« auf Jahre zum Fetenkracher.Doch schon bald danach löst Nina Hagen ihre Band auf und lässt die deutsche Punkszene hinter sich.Verständlich: Im Underground beginnen Jungpunks ein von vielen Stilcodes geprägtes Regelwerk aufzustellen. Und von doktrinärer Engstirnigkeit hatte Nina Hagen seit DDR-Zeiten die Schnauze voll. RAMONES I wanna be sedated Drei Akkorde, wahnwitziges Tempo, eingängige Refrains. Dazu Texte, die von Klebstoff, Gehirnwäsche und imaginären Nazi- Schatzis handelten ? und davon, wie langweilig es ist, ein Teenager zu sein. Die Ramones haben den Punkrock vielleicht nicht erfunden,aber sie haben ihn geprägt und populär gemacht wie keine zweite Band. Der Antrieb der Sex Pistols mag die Lust an der Provokation gewesen sein. Bei den Ramones war es eher der Überdruss an der Ziellosigkeit der eigenen Vorstadtadoleszenz im New Yorker Bezirk Queens,der ungestüme Energien freisetzte.
Im Januar 1974 legten sich Johnny Cummings,Douglas »Dee Dee« Colvin, Jeffrey »Joey« Hyman und Tommy Erdelyi den Nachnamen Ramone zu und gründeten eine Band. Uniformiert mit schwarzen Lederjacken, zerrissenen Röhrenjeans, ausgelatschten Billigturnschuhen und helmartigen Frisuren spielten sie regelmäßig im CBGB's an der Lower East Side, dem Zentrum der New Yorker Punkszene. Musikalisch und inhaltlich bedienten sie sich beim Bubblegum-Pop der Sechziger ? nur verzichteten sie auf jegliches Ornament und verdoppelten die Geschwindigkeit; den Sound prägte dabei Johnny Ramones kreissägenartig verzerrte Mosrite- Gitarre ? »Ich habe sie gekauft,weil sie die billigste im Laden war«.Der Titel des ersten Songs auf ihrer ersten Platte umschreibt die Vehemenz der frühen Ramones-Gigs wohl am treffendsten: »Blitzkrieg Bop«. Das Debüt erschien im Juli 1976 und verkaufte sich zunächst nur 7000-mal,doch 25 Jahre später sollte es die New York Times zu den einflussreichsten Platten des 20. Jahrhunderts zählen. Besonders in England entfaltete es eine nachhaltige Wirkung, wo viele der frühen Punkbands ihren Sound an das kompromisslose Geholze der vier »Bruddas« anlehnten. »I Wanna Be Sedated« stammt vom vierten Ramones-Album Road To Ruin.Leicht humoristisch verbrämt,erzählt der Song vom immensen Tourstress, unter dem die Band damals litt. Um die schwachen Plattenverkäufe anzukurbeln, wurden sie von ihrem Label verdonnert, so viele Konzerte wie möglich zu spielen,ohne Rücksicht auf Verluste: »Just put me in a wheelchair,get me to the show« (»Setz' mich einfach in einen Rollstuhl und bring mich zum Auftritt«).
Auch wenn die Ramones nie so etwas wie einen Hit hatten und einander spätestens seit 1978 persönlich nicht mehr ausstehen konnten, hielten sie über zwanzig Jahre lang stur an ihrem Stil fest. Als sie sich im Herbst 1996 auflösten, konnten sie auf 14 Studioalben und unglaubliche 2263 Konzerte zurückblicken. Jeder dieser Auftritte begann mit einem krude ins Mikro gebrüllten: »One ? two ? three ? four« und jeder präsentierte dem Publikum die Essenz des Rock'n'Roll. LEW KIRTON Heaven in the afternoon Obwohl »Heaven In The Afternoon« bei seiner Veröffentlichung nicht allzu viel Wirbel machte,wuchs der Song in den Achtzigern zu einer Hymne der englischen Soulszene heran. Und noch immer gibt es keine Modern-Soul-Party, auf der dieser zeitlose Favorit nicht Wunder bewirken würde. Die Eingeweihten eilen mit einem Lächeln auf die Tanzfläche, sobald die ersten Takte ertönen, Frauen ziehen ihre Männer fester an sich, selbst notorische Eckensteher klopfen mit der Bierflasche den Rhythmus. Kühle Eleganz paart sich hier mit Sexyness, wie auf den besten Tracks von Marvin Gaye.Diese Geschichte einer heißen Affäre ist das Meisterstück eines Mannes, der die Soulszene schon seit 1969 bereicherte. Damals spielte der aus Barbados stammende Lew Kirton Schlagzeug in der Band von Sam & Dave. 1972 schloss er sich den Invitations an und lieh seine Stimme solchen Soul- Pretiosen wie »They Say The Girl's Crazy« und »Love Has To Grow«. Und auch nach seinem Hit »Heaven In The Afternoon« nahm Kirton noch mehrere gute Alben auf. LINDA CLIFFORD You are you are Neben Gladys Knight und Aretha Franklin gehört auch Linda Clifford zu den großen schwarzen Sängerinnen,die Ende der Siebziger von Curtis Mayfields Produktionskünsten profitieren. Seit 1973 war sie bei dessen Label Curtom unter Vertrag, im selben Jahr ging daraus eine hervorragende Single hervor, die Sozialkritik und bodenständigen Soul verband: »March Across The Lands« mit der B-Seite »It's Gonna Be A Long Long Winter«,geschrieben und produziert von Leroy Hutson und seinem Mentor Curtis Mayfield. Letzterer sollte in der Folge für die besten Nummern Linda Cliffords verantwortlich zeichnen,darunter ihren Discohit »Runaway Love« und eben »You Are,You Are« aus dem Album If My Friends Could See Me Now. An die Eleganz dieser Nummer konnte Clifford danach allerdings nicht mehr anknüpfen: Ihre Discoversion von Simon&Garfunkels »Bridge Over Troubled Water «,nicht von Curtis Mayfield produziert,gehört eher zu den musikalischen Kuriositäten dieser Ära. SWEET TALKS Angelina Wie viele Bands in Afrika wurden auch die Sweet Talks nicht von einem Musiker, sondern von einem Hotelbesitzer gegründet. Jonathan Abraham eröffnete 1973 in der Hafenstadt Tema in Ghana eine Herberge mit dem schönen Namen »Talk of the Town Hotel« ? und brauchte dafür eine Tanzband. Die Jugend in den großen Städten Ghanas war zu dieser Zeit verrückt nach amerikanischer Soulmusik. 1971 waren US-Stars wie Wilson Pickett, die Staple Singers und Santana für ein Festival nach Ghana gekommen; ihre Auftritte hatten die einheimische Musikszene nachhaltig umgekrempelt.
So zeigte vor allem Santanas Musik, dass man Rock und Soul problemlos mit tropischen Sounds und Rhythmen verbinden konnte. Viele Musiker gründeten darauf Afro-Rockbands, die in den Clubs der Metropolen zum Teil mit psychedelischen Experimenten überraschten. Die Sweet Talks ließen es jedoch etwas traditioneller angehen. Zwar konnten auch ihre Auftritte recht funky werden, doch vor allem blieben sie dem beliebtesten Musikstil Ghanas treu und wurden Mitte der Siebziger zu Anführern eines massiven Highlife-Revivals.Schon seit den Dreißigern tanzten die Leute in Ghana und den umliegenden Ländern am liebsten zu Highlife-Musik, die sich durch ansteckende Rhythmen und lebhaft fließende Gitarren- und Basslinien auszeichnet; alles auf »Angelina« gut zu hören.
Unter der Führung des Bandleaders A.B. Crentsil wurden die Sweet Talks zu einer der populärsten Kapellen Ghanas und einige der bekanntesten Musiker des Landes kommen aus ihren Reihen, zum Beispiel die Sänger Jewel Ackah und Pat Thomas oder der Gitarrist Eric Agyeman. »Angelina« stammt von ihrem Klassiker Hollywood Highlife Party, den die Band nach einer USA-Tournee aufnimmt; 1978 und in den Folgejahren ist der Titel in ganz Westafrika ein Hit, allerdings der letzte der Sweet Talks, die sich kurz darauf auflösten. Früh genug, um den Niedergang der Plattenindustrie in Ghana nicht mehr miterleben zu müssen, denn Anfang der Achtziger erreichte ein neues Medium Westafrika: die Kassette. Ein neuer Wirtschaftszweig war geboren, allerdings ein illegaler: das Raubkopieren. X-RAY SPEX Identity So war das damals: Geistesblitz. Beschleunigung. Attacke. Zwei rasante Auftritte in den richtigen Clubs und schon gehörte man zum inneren Zirkel. Die Turbokarriere von X-Ray Spex begann mit der Compilation Live At The Roxy WC2, die eine ungeschminkte Momentaufnahme der damals in London herrschenden Aufbruchstimmung vermittelt. Alles scheint neu und schrill und aufregend,wenn Sängerin Marion Elliot alias Poly Styrene ihre Sirenenstimme erhebt und von der Identitätskrise singt, die sie beim Blick in den Spiegel befällt; Saxofonistin Laura Logic entlockt ihrem bis dato gänzlich unpunkigen Instrument dazu nie gehörte Nöl- und Quiektöne. Als frühe Frontfrauen in einer nihilistischen Mackerszene prägten die bunten Schrillnudeln Styrene und Logic auf Jahre hinaus den Stil Abertausender New- Wave-Mädchen. Ihre Abgrenzungscodes waren damals identitätsstiftend; eine Funktion, die heute furzende Klingeltöne übernommen haben. BUZZCOCKS Ever fallen in love (with someone you shouldn't've)? Die zweite, eingeklammerte Hälfte des Songtitels verrät,worum es in dieser kompakten Gitarrenabfahrt geht: 2:40 tragische Jungsliebe zwischen Selbstironie und Selbstmitleid, rausgeplärzt mit hymnischer Euphorie. Dies war der Klang der Spätsiebziger- Manchester-Musik, die bereits ein Jahrzehnt vor Rave und Acid House den Gegenpol zur Pophauptstadt London bildete. Die Buzzcocks mit ihren Masterminds Pete Shelley und Howard Devoto waren damals die erste echte Indieband. Ihre EP Spiral Scratch erschien 1977 auf dem bandeigenen Label. Statt Nietengürtel und Stachelfrisuren trugen sie schwarze Oberhemden und Flohmarktsakkos,was sie zu unfreiwilligen Stilikonen aller Oberschülerpunks werden ließ.Größere kommerzielle Erfolge blieben auch nach dem Wechsel zum Majorlabel EMI aus.1987 veröffentlichte die honorige Hamburger Kleinfirma Weird System eine Compilation ihrer größten »Hits« und legte damit den Grundstein für ein stetiges Buzzcocks-Revival in nachwachsenden Powerpop-Zirkeln. PATTI SMITH GROUP Because the night Es war ein denkwürdiger Abend, als Patti Smith anlässlich des Rockpalast-Festivals im Frühjahr 1979 via TV oder Radio durch deutsche Jugendzimmer spukte. Erst hatte die J. Geils Band die Essener Grugahalla mit sattem Powerrock in Ekstase versetzt. Dann kam die eher in Kennerkreisen verehrte New Yorker Poetin, Malerin und Songschreiberin auf die Bühne. »J. S.« und »T. G.« notierten seinerzeit in der Juni-Ausgabe des Musikmagazins Sounds: »Kult-Heroine Patti Smith war dagegen schlichtweg grauenhaft.
Wenn man mit so viel Dope voll geknallt ist wie sie an diesem Abend, dann lässt sich selbst bei mikroskopischer Beobachtungsgabe das viel gerühmte Charisma nicht entdecken.« Mit treffsicherem Instinkt verweigerte sich Smith der bierseligen »Meppen grüßt Rockpalast«-Atmosphäre jener Tage, in denen Punk- und Avantgardewissen noch das Eliteding einer Hand voll Großstadtkids war. So lag es an Blues-Gott Johnny Winter, die angeknackste Grugahallen-Feierlaune wieder zurückzugniedeln. Dabei hatte es die im Dezember 1946 geborene Multikünstlerin Smith mit ihrem dritten Album Easter durchaus krachen lassen. »Rock'n'Roll Nigger« wurde zum Anti-Establishment-Klassiker. Für »Because The Night«, den größten Pophit ihrer Karriere, verbündete sie sich gar mit Bruce Springsteen, der als musikali-scher Koautor des Songs geführt wird. Schon früh hatte Smith ihre Verehrung für ehrliche Typen aus dem Rock'n'Roll-Mainstream gepflegt und beispielsweise Texte für die Dröhnrocker Blue Oyster Cult verfasst. »Because The Night« erwies sich als Dauerbrenner und sorgte 1993 in einer Weichzeichner-Version der Indieband 10 000 Maniacs noch einmal für Begeisterung; bis heute bleibt der Song eines der beliebtesten Liebeslieder der Rockgeschichte. Doch bald zeigte sich,dass Bruce Springsteen ihr anscheinend auf raffinierte Weise eine Falle gestellt hatte: Patti Smith kam nämlich nicht damit klar, berühmt zu werden.
Im März 1979 führte der Schriftsteller William S. Burroughs ein Interview mit ihr, in dem sie deutliche Unzufriedenheit mit dem Verlauf ihrer Karriere verlauten ließ.»Seit ich einen Hit und ein gewisses Maß an Erfolg habe «, sagte sie, »schmeißen sich Typen an mich ran, die glauben, dass ich das Zeug zum Star hätte. Ich muss jetzt erst mal verstehen, was ich eigentlich genau tue.« Als sie das bald darauf kapiert hatte, hängte sie ihre Karriere für knapp zehn Jahre an den Nagel. Oder war es letzten Endes doch die Nacht in der Grugahalle, die ihr den Rock verleidete? WARREN ZEVON Accidentally like a martyr Los Angeles, die Softrock-Metropole: Bands wie Fleetwood Mac und die Eagles brechen Ende der Siebziger mit melodisch dahinfließenden Alben alle Verkaufsrekorde. Auch Warren Zevon arbeitet zu dieser Zeit in L. A., gehört zur selben Szene, bucht dieselben Studiomusiker. Doch obwohl musikalisch gefällig, ist seine Musik die Kehrseite des Plätscherrocks. Satirisch-düster blickt er auf die Welt, singt Lieder über mordende Teenager und Geheimdienstoperationen in tropischen Ländern oder Balladen von großer Ehrlichkeit und Sprachkraft, wie »Accidentally Like A Martyr«. Außerdem hat er Humor: Auf Excitable Boy ist auch »Werewolves Of London« enthalten, sein einziger Hit, und so verkauft sich die Platte 700 000-mal.Später hat er erzählt, wie ihn der Boss seiner Plattenfirma ins Büro rief und sagte: »Bis vor kurzem hätten wir einen solchen Erfolg gefeiert, jetzt bedeutet das gar nichts mehr ? wir haben gerade sieben Millionen von der letzten Eagles-Scheibe abgesetzt!« Muss man noch sagen, dass Zevons Karriere danach nicht allzu glücklich verlief? MARVIN GAYE Everybody needs love Gern wird die Popanekdote erzählt, dass Marvin Gaye vom Scheidungsrichter verdonnert worden sei,den Erlös seines nächsten Albums als Abfindung an seine Exfrau Anna zu zahlen.Was für ein skurriles Urteil! Doch wer über die Geschichte lächelt,hat das tatsächlich auf diese Weise entstandene Album Here, My Dear nicht gehört.Gayes Testament seiner Scheidung ist ohne Zweifel das ehrlichste,persönlichste Album,das ein namhafter Star je aufgenommen hat. Und da Gaye im Stande war, die Einblicke in seine verstörte Seele auf geniale Weise musikalisch umzusetzen, entstand ein Werk, wie es in der Geschichte der Popmusik ohne Beispiel ist.
Im Jahr 1977 befindet sich Marvin Gaye in der Krise. Das Finanzamt ist ihm wegen einer gewaltigen Steuerschuld auf den Fersen, er gibt ein Vermögen für Kokain und Prostituierte aus ? und nun hat sich auch seine Frau Anna nach 16 Ehejahren und einem erbitterten Rosenkrieg von ihm scheiden lassen. Verständlicherweise, muss man sagen, schließlich ist Gaye schon vor einigen Jahren mit seiner 17-jährigen Geliebten zusammengezogen. Vor diesem Hintergrund geht er ins Studio, um das vom Richter verfügte Album aufzunehmen. »Ich habe die Platte aus einer tiefen Leidenschaft heraus gemacht«, sagt er später seinem Biografen David Ritz. »Es wurde eine Obsession. Ich wollte mich auf diese Weise von Anna befreien. Das ganze Gerichtsverfahren, die Anschuldigungen und Lügen ? ich wusste, ich würde explodieren, wenn ich den ganzen Mist nicht aus mir rauskriegen würde.« So kehrt er sein Innerstes nach außen und erzählt den kompletten Verlauf der Beziehung nach ? aus seiner Sicht. Er singt von Wut, Liebe und Schmerz, verbreitet Selbstmitleid und verletzende Vorwürfe, beschreibt recht detailliert den Sex mit Anna und fügt sogar noch eine bizarre Sciencefiction- Episode ein, in der er seine Ex im Jahr 2084 trifft und mit ihr »space dope« raucht.
Das alles wäre schon erstaunlich genug, wird jedoch auf die Spitze getrieben durch Gayes Gesangsstil: auf lässigen Funkgrooves aufbauend, legt er bis zu vier Gesangsspuren übereinander, singt also vierfach mit sich selbst im Chor ? und findet so eine bestechende musikalische Umsetzung für die Zerrissenheit, die dem Album zugrunde liegt. »Everybody Needs Love« wirkt wie ein Ruhepunkt im Inferno von Here, My Dear, doch das Feuer lodert auch hier. Das Stück ist ein Appell an die Allmacht der Liebe,eine Bitte um Erlösung.Mit einem gespenstischen Dreh. »And my father, he needs love«, singt Marvin Gaye. Sieben Jahre später hat ihn sein Vater im Streit erschossen.
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