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THE CHANTAYS Pipeline Klar, Rock 'n'Roll ist Jugendmusik, doch dass einer so jungen Band wie den Chantays bereits ein solcher Streich gelingt ? außergewöhnlich. Denn die fünf Schüler aus dem südkalifornischen Santa Ana sind erst zwischen 13 und 17 Jahre alt, als sie den gespenstisch rollenden Titel »Pipeline« einspielen. Gitarrist Brian Carman erinnerte sich: »Wir hatten keine Ahnung,dass wir einen Hit produzieren würden. Aber als wir ?Pipeline? aufnahmen, fühlten wir uns, als würden wir jene ?perfekte Welle? reiten.« In der Tat stimmt alles an diesem Song, von den perlenden Gitarrenläufen über die stimmungsvollen Breaks bis zum treibenden Rhythmus.So wird die ursprüngliche B-Seite der Single »Move It« zu einem der erfolgreichsten Instrumentaltitel der Surf-Ära. In den USA erreicht die Band Platz vier der Charts; in Großbritannien wird »Pipeline«, benannt nach einem berühmten Surf-Spot in Hawaii, zum ersten Hit dieses Genres. Danach hat man von den Chantays nicht mehr viel gehört; vielleicht,weil sie zu alt geworden waren. THE KINGSMEN Louie Louie Wenn es einen Song gibt, der das Genre Garagenrock definiert, dann ist es »Louie Louie« in der Version der Kingsmen. Generationen von wilden Bands aus allen Ecken der Welt haben sich an den magischen drei Akkorden abgearbeitet und vermutlich wird sich an der Strahlkraft des Songs in absehbarer Zeit nichts ändern.Es gibt weit über tausend Aufnahmen von »Louie Louie«; angeblich ist nur der Beatles-Titel »Yesterday« häufiger gecovert worden. Dabei entstand der Song eher nebenbei. Der Doo-Wop- und R&B-Sänger Richard Berry verfasste ihn 1955, zu einer Zeit, als er sich für Latinpop begeisterte und gelegentlich mit einer Band namens Rick Rillera&The Rhythm Rockers auftrat. Den Text schrieb er angeblich in der Pause zwischen zwei Sets auf eine Serviette. In dem Song floss Berrys Latinneigung zusammen mit dem Wunsch, ein irgendwie karibisches Flair zu erzielen,wozu ihn vor allem Chuck Berrys Song »Havana Moon« inspirierte.
1957 veröffentlichte er »Louie Louie« als Single und erreichte mittlere Beliebtheit unter kalifornischen R&B-Hörern. Ohne dass es bis heute jemand erklären könnte, erlangte »Louie Louie« in den folgenden Jahren große Popularität in den USBundesstaaten Washington und Oregon. Anfang der Sechziger musste dort jede Barband, die etwas auf sich hielt, den Song im Repertoire haben. Mehrere Bands veröffentlichten ihn auch auf Platte, darunter die besonders harten, anarchischen Wailers, die einen prägenden Einfluss in der Region hatten.Im April 1963 nehmen schließlich The Kingsmen aus Portland,Oregon, »Louie Louie« als Demo auf, um sich als Hausband auf einem Kreuzfahrtschiff zu bewerben.Statt auf große Fahrt geht es jedoch in die Popcharts: Mit »Louie Louie« kommen sie bis auf Platz zwei.
Richard Berry hatte eigentlich nur die Geschichte eines sehnsüchtigen Jamaikaners erzählen wollen, der zurück zu seinem Schatz nach Hause möchte. Unter US-Teenagern verbreitete sich jedo ch das Gerücht von Doppeldeutigkeiten und sexuellen Anspielungen, die womöglich erst beim Abspielen der Single auf einer anderen Geschwindigkeit zu verstehen wären. Schließlich leitete das FBI eine Untersuchung gegen »Louie Louie« ein,aufgrund des Verdachts auf »Transport von obszönem Material über eine Staatsgrenze « ? wobei das obszöne Material der Songtext war. Die Beamten unterzogen das Stück einer eingehenden Prüfung, klassifizierten den Text jedoch in ihrem Abschlussbericht ernüchtert als »unverständlich bei jeder Abspielgeschwindigkeit«. Kingsmen-Keyboarder Don Gallucci hatte später einigen Erfolg mit der biederen Teeniepopband Don&The Goodtimes. Als Produzent und Gast-Keyboarder der Stooges-Platte Fun House konnte er sich 1970 jedoch ein weiteres Mal um den Garagenrock verdient machen. Angeblich war der Stooges-Sänger Iggy Pop schwer begeistert,mit dem echten Keyboarder von »Louie Louie« zusammenzuarbeiten. Für die Platte Metallic K.O. nahmen die Stooges einige Jahre später ihre eigene Version von »Louie Louie« auf. BUCK OWENS & HIS BUCKAROOS Act Naturally Die musikalischen Geschicke des Countrysängers Buck Owens waren verknüpft mit Bakersfield, einer Stadt nördlich von Los Angeles. Zusammen mit seinem Partner Don Rich entwickelte Owens dort während langer erfolgloser Jahre in den Fünfzigern den Sound, der ihn später berühmt machen sollte: einen elektrifizierten, vom Rock'n'Roll beeinflussten Honky-Tonk-Stil, der erdiger wirkte als die mit Streichern überladenen Platten aus Nashville. Ende der Fünfziger nahm Owens erste Singles auf, der Durchbruch gelingt ihm jedoch erst 1963, mit einem Stück, das sein Backgroundsänger Voni Morrison zusammen mit dem Songwriter Johnny Russell komponierte.Owens zeigt zunächst wenig Interesse an dem Titel und ändert seine Meinung erst, als er Don Rich das Lied auf einer Autofahrt beiläufig singen hört. Zum Glück: »Act Naturally« wird Owens'erster Nummer-eins-Countryhit und fürs Help-Album sogar von den Beatles gecovert. JACKIE WILSON Baby Workout Als 1987 ein Video mit einer animierten Knetfigur den Oldie »Reet Petite« an die Spitze der englischen Charts beförderte, konnte dessen Schöpfer Jackie Wilson davon nicht mehr profitieren: Seit drei Jahren lag er in einem Armengrab auf dem Friedhof seiner Heimatstadt Detroit ? ohne Grabstein und Namensplakette. Als hätte sein von Alkohol- und Kokainsucht geprägter Lebensabend all seine Verdienste um die schwarze Popmusik der Fünfziger und Sechziger ausgelöscht. Eigentlich wollte Jackie Wilson Profiboxer werden; Talent dazu hatte er offensichtlich genug.Der notorische Schulschwänzer war in einer Jugendstrafanstalt erstmals in den Ring gestiegen. Auf Druck seiner Eltern aber tauschte er die Boxhandschuhe gegen das Gesangsmikrofon und tourte als Teenager mit den Ever Ready Gospel Singers durch die Kirchen von Detroit.Zwar war er nicht sonderlich religiös ? seine Gage legte er oft in billigen Wein an ?, aber dank seines honigsüßen Tenorfalsetts wurde er zur lokalen Attraktion.
1953 holte ihn Billy Ward als Leadsänger zu seinen Dominoes, einer renommierten R&B-Gruppe, und Wilson machte sich nun auch als Showman und Tänzer einen Namen; später gehörten Elvis Presley und Michael Jackson zu seinen Fans. 1957 landete er mit »Reet Petite« den ersten Hit unter eigenem Namen, ein Jahr später gelangte »Lonely Teardrops« bis auf Platz sieben der Popcharts.Wilson trat nun regelmäßig im Fernsehen und in den besten Clubs von Las Vegas auf; er war einer der wenigen afroamerikanischen Entertainer,die weiße und schwarze Fans gleichermaßen ansprachen. Dafür nahmen seine Manager auch süßliche, ins operettenhafte abgleitende Arrangements in Kauf. Nicht so bei »Baby Workout«, einer schweißgetränkten Gospelnummer; bei Konzerten sprang der Frauenheld Wilson ? 1961 hatte ihn eine eifersüchtige Freundin angeschossen ? zu solchen Titeln gern zwischen die hysterischen Mädchen vor der Bühne und ließ sich von ihnen den Anzug in Fetzen reißen.
Von 1966 an erlebte Jackie Wilsons Karriere einen späten Aufschwung: Unter der Ägide des Chicagoer Produzenten Carl Davis nahm er raffiniert arrangierte Soulhymnen wie »Whispers (Gettin' Louder)«, »(Your Love Keeps Lifting Me) Higher And Higher« und »I Get The Sweetest Feeling« auf. 1975 erlitt er auf der Bühne einen Schlaganfall und verstummte für immer.Schon drei Jahre zuvor hatte ihm Van Morrison mit dem Titel »Jackie Wilson Said (I'm In Heaven When You Smile)« eine besonders schöne Referenz erwiesen. DUSTY SPRINGFIELD I Only Want To Be With You Mary O'Brian hat 1963 genug vom Folktrio The Springfields, in dem sie seit drei Jahren zusammen mit ihrem Bruder und einem Freund sang.Obwohl nicht nur in Großbritannien erfolgreich ? als erste britische Band schafften die Springfields es in die US-Charts ?, ist sie es leid, bloße Unterhaltungsmusik »für Leute, die Spaß haben und hopsen wollen« zu produzieren.Unter ihrem bei den Springfields kreierten Namen Dusty Springfield will sie ihrer Liebe zur schwarzen Musik und zu den Teenager- Sinfonien Phil Spectors nachgehen und nimmt als erste Solosingle die flotte Popsoul-Nummer »I Only Want To Be With You« auf, die auf Anhieb ein Erfolg wird: Der Titel gelangt bis auf Platz vier der britischen Charts und wird am 1. Januar 1964 in der allerersten Folge von Top of the Pops ausgestrahlt.Auftakt zu einer Karriere, in deren Verlauf sich Dusty Springfield so weit aufs Gebiet der Soulmusik vorwagen wird wie kaum eine andere weiße Sängerin. LESLEY GORE You Don't Own Me Als Lesley Gore im Frühling 1963 mit ihrer ersten Single »It's My Party« die Spitze der US-Hitparade erreicht,ist sie erst 17 und geht trotz des Erfolgs weiter brav zur Schule. Hinter dem Dramolett über eine missglückte Geburtstagsparty stehen zwei versierte Jazzmusiker: der Arrangeur Claus Ogerman, der 1959 aus Deutschland in die USA gekommen war; und der Produzent Quincy Jones, neben vielem anderen auch verantwortlich für Michael Jacksons Album Thriller.Diese beiden Profis arrangieren Lesley Gores Zeugnisse jugendlicher Verwirrung mit einer Raffinesse, die eher dem Erwachsenenpop zukäme, wie auf »You Don't Own Me« deutlich zu hören.Der Titel vomDezember 1963 ergänzt das thematische Spektrum der Sängerin um die Trotzkopfvariante; für Teenie-Verhältnisse ist der Text fast feministisch: » And don't tell me what to do, and don't tell me what to say?'Cause you don't own me.« (»Sag mir nicht,was ich tun soll, sag mir nicht,was ich sagen soll? Denn du besitzt mich nicht.«) THE BEACH BOYS In My Room Ein schöneres Gegenbild zur leicht proletarisch angeschmuddelten Beatwelle, die aus England herüberschwappte, hätte Amerika nicht zeichnen können: Fünf adrette Jungs in gestreiften Hemden, zusammengehalten von Familien- und Freundesbanden, beschworen vielstimmig die ewige Sonne Kaliforniens, das Strandleben, die Wonnen des eigenen Automobils. Die Erwachsenen konnten diese potenziellen Mittelklasse- Schwiegersöhne nur lieb haben. Kalifornien, das war eine problemfreie Zone des anhaltenden Glücks und weißzähnigen Dauerlächelns. Keine Verletzung, die die Sonne nicht heilen konnte.
Tatsächlich scheint die Welt der Beach Boys damals noch in Ordnung zu sein. Die Band feiert gerade ihren ersten großen Erfolg, selbst im meteorologisch arg gebeutelten Großbritannien erreicht »Surfin' U.S.A.« die oberen Ränge der Hitparade. Noch stören keine internen Reibereien die Balance der Band. Alles funktioniert so glatt und fließbandartig, dass die Beach Boys zwischen 1962 und 1964 unvorstellbare acht LPs veröffentlichen können. Da spielt es keine Rolle, dass Schlagzeuger Dennis Wilson als Einziger tatsächlich surfen kann; und dass der zur Fettleibigkeit neigende Sänger und Komponist Brian Wilson Sonne und Strand nur in seinen Träumen und Liedern genießen möchte.Noch sind seine psychischen Probleme mit kleinen Dosen an Beruhigungsmitteln zu überspielen.
Das Stück »In My Room« auf dem dritten Beach-Boys-Album Surfer Girl markiert den ersten Riss im Gefüge.Dahinter öffnet sich eine Sphäre von Exzentrik und Paranoia. Der Song stammt noch aus der Zeit, als die drei Wilson-Brüder im Haus der Eltern leben und proben: 3701 West 119th Street in Hawthorne,genannt »City of Good Neighbors«, ein Vorort von Los Angeles.Innerhalb einer Stunde schreibt Brian Wilson die Musik, Gary Usher den Text. Wie so oft bemäntelt die vordergründige Leichtigkeit der Beach- Boys-Songs auch hier nicht nur deren komplexe musikalische Ausarbeitung, sondern auch die von Ängsten und Depressionen geprägte Welt des Brian Wilson.So beschreibt »In My Room« zum einen die Sehnsucht vieler Teenager, die Eltern aus dem eigenen Leben auszusperren. Zum anderen ist der »Room« aber auch Brian Wilsons Fluchtpunkt vor seinem tyrannischen Vater Murry: ein Ort, an dem noch so etwas wie Unschuld zu finden ist, die Welt mit ihren Ansprüchen und Zwängen vorübergehend vergessen werden kann. HENRY MANCINI It Had Better Be Tonight Die Geschichte der Hollywoodfilm-Soundtracks kann in zwei Perioden eingeteilt werden: die Zeit vor Peter Gunn und die danach. Vorher lehnte sich Filmmusik vor allem an moderne, aber nicht zu moderne europäische E-Musik an. Komponisten wie Alfred Newman oder Hugo Friedhofer schrieben expressionistische Partituren, die von klassischen Sinfonieorchestern eingespielt wurden. Jahrzehntelang änderte sich wenig an diesem Muster ? bis Henry Mancini mit Peter Gunn Jazz und Pop in die Welt der Filmscores einführte.
Mancini begann seine Karriere als Pianist und Arrangeur in der Swingband von Tex Beneke. Anfang der Fünfziger ging er nach Hollywood, schrieb zunächst Musik für Hörspiele und bekam schließlich eine Anstellung als Hauskomponist bei den Universal Studios. Dort war ein ganzer Stab von Komponisten tätig und Mancini durfte selten mehr als eine oder zwei Szenen eines Films vertonen.Seine ersten Arbeiten zierten drittklassige Produktionen wie Francis The Talking Mule. Bevor er sich für höhere Aufgaben empfehlen konnte, beschloss Universal, die Komponistenabteilung aufzulösen ? und Mancini war arbeitslos. Just an diesem Tag traf er auf dem Studiogelände den Regisseur Blake Edwards, einen flüchtigen Bekannten. Spontan fragte ihn Edwards, ob er nicht die Musik für die TV-Serie komponieren wolle, an der er gerade arbeitete. Es gehe darin um einen Privatdetektiv namens Peter Gunn.
Die Krimiserie Peter Gunn wurde nicht nur ein gewaltiger TV-Erfolg. Das Titelthema mit seiner Rockgitarre und den Bigband- Bläsern, die scharf gegeneinander anspielten, und dem hart swingenden Backbeat setzte einen neuen Standard im Bereich Filmmusik. Das Soundtrack-Album hielt sich über zwei Jahre in den Billboard-Albumcharts und nahm zehn Wochen lang die Spitzenposition ein. Mancini war auf einmal ein Star. So war er auch erste Wahl, als Edwards seinen ersten Spielfilmauftrag erhielt: Frühstück bei Tiffany. Der Song »Moon River« brachte Mancini seinen sechsten Grammy und seinen zweiten Oscar ein. Er stellte außerdem Mancinis erste Zusammenarbeit mit dem Texter Johnny Mercer dar.Der Kollaboration entsprangen danach Songs wie »Days Of Wine And Roses« oder »Charade« ? und auch »It Had Better Be Tonight« aus dem Soundtrack zu The Pink Panther, wiederum ein Film von Blake Edwards. Akkordeon und Cymbalon sorgen hier für mediterrane Stimmung; die italienischen Zeilen selbst zu texten traute sich Mancini jedoch nicht, obwohl sein Vater aus einem Abruzzendorf stammte und zu Hause viel Italienisch gesprochen wurde. Auch dem Schauspieler Peter Sellers, der im Film Inspektor Clouseau spielt,war die italienische Passage nicht geheuer.Im Covertext der Original- LP schreibt er über »It Had Better Be Tonight«: »Ich spreche diese Sprache nicht und im Übrigen hört sie sich für mich recht ungezogen an.« THE SEARCHERS Sweets For MY Sweets Die Searchers waren so etwas wie die kleinen Beatles,mit weniger Charisma und weniger Talent.Auch sie fingen in den Fünfzigern mit Skiffle an und spielten in Hamburgs Rotlichtbezirk, bevor die Merseybeat-Welle, Englands erster großer Beitrag zur Popkultur, sie um die Welt trug. Fast hätte auch Brian Epstein, der Manager der Beatles,die Band unter Vertrag genommen.Doch ihr Bassist erschien angesoffen zum Vorspielen. So landen sie beim Konkurrenten Tony Hatch,der ihre Demo-Aufnahme von »Sweets For My Sweet«, 1961 ein US-Hit für die Drifters, nur noch geringfügig aufpolieren muss. Denn die Stärke der Searchers liegt weniger im Songschreiben als im Arrangieren fremder Nummern. Den Soul des Drifters-Originals ersetzen sie durch fröhliches Gitarrengeklingel,ihr Erkennungszeichen,und werden so bereits mit ihrer Debütsingle Nummer eins in England. Schlagzeuger Chris Curtis erklärte später das Erfolgsrezept der Band: »Du musst den Hörer gleich in den ersten Sekunden packen. Und wir schafften das.« BILLY J. KRAMER & THE DAKOTAS I'll Keep You Satisfied Über 350 Bands zählte der Journalist Bill Harry 1961 im Großraum Liverpool. Um seinen Lesern dieses musikalische Phänomen besser erklären zu können,erfand er den Genrebegriff »Merseybeat«, nach dem Fluss, der durch die Stadt fließt. Billy Julian Kramer, der das »J.« nach einem Vorschlag von Nachbarskumpel John Lennon in seinen Namen integrierte, genoss lange den Ruf, der »Milde« unter all den Musikern Liverpools zu sein. Und auch der Top-Five-Hit »I'll Keep You Satisfied«, übrigens eine Lennon /McCartney-Komposition, mit seinem hüpfenden Barpiano und der munter marschierenden Rhythmussektion ist sicherlich kein Rocker. Der Beatles-Manager Brian Epstein hatte dennoch große Pläne mit Kramer. Doch obwohl er mehrere Beatles-Nummern aufnehmen durfte, ließ der monumentale Erfolg der Fab Four ihn und seine Dakotas relativ schnell zur vergessenen Merseybeat-Hoffnung werden. SKEETER DAVIS The End Of The World Ihren Spitznamen bekam Mary Frances Penick von ihrem Großvater verpasst, weil sie ständig in Bewegung war und wie ein Moskito (»Skeeter«) durch die Gegend schwirrte. Mit ihrer Highschool-Freundin Betty Jack Davis tingelte sie Anfang der Fünfziger als Duo namens Davis Sisters durch die Clubs in Kentucky. 1953 ließen sich die beiden in Nashville nieder. Gleich ihre erste Single »I Forgot More Than You'll Ever Know« gelangte an die Spitze der Countrycharts und die B-Seite mit dem Titel »Rock-A-Bye Boogie« gab einen Vorgeschmack auf das,was kurze Zeit später Rockabilly genannt wurde.Nach dem Unfalltod von Betty Jack Davis wird Skeeter in den Sechzigern eine führende Countrysängerin und »The End Of The World« zu ihrem erfolgreichsten Song: Herzerweichender ist der Schmerz des Verlassenwerdens kaum je besungen worden. Bis heute findet sich das Lied auf zahlreichen Samplern zum Thema Trennung und Liebeskummer. SONNY BOY WILLIAMSON Help Me Vieles im Leben des Bluesmusikers Sonny Boy Williamson blieb ein Geheimnis.Sicher ist nur, dass »Sonny Boy Williamson« nicht sein richtiger Name war: Er übernahm diesen Spitznamen ? und vielleicht auch ein wenig Ruhm ? von John Lee Williamson, einem Sänger aus Chicago, der 1948 ermordet wurde. Der Mann, den man heute als Sonny Boy Williamson kennt, hieß eigentlich Aleck Miller, vielleicht Aleck Ford, und kam um die Jahrhundertwende in Glendora, Mississippi zur Welt.Um 1930 ging er auf Wanderschaft, spielte an verschiedenen Orten im Süden Mundharmonika, unter anderem mit Bluesmusikern wie Robert Johnson und Howlin'Wolf. Als er sich in Arkansas niederließ, hatte er bald eine eigene Radioshow namens King Biscuit Flour Time, täglich 15 Minuten zur Mittagszeit auf KFFA.Die Sendung machte ihn im gesamten Mississippidelta bekannt.
Sonny Boy Williamson fiel nicht nur durch seine Körpergröße von 1,83 Metern auf, sondern auch durch sein Ego, das nicht zuletzt dadurch angestachelt wurde, dass sein Konterfei bald sämtliche Packungen von »King Biscuit«-Mehl zierte.Nachdem er sein Karrierepotenzial als Radio-DJ ausgeschöpft hatte, kündigte er seinen Job,um von nun an mit seinem Freund Elmore James Platten zu machen. Die erste erschien 1951. Ein paar Jahre später zog er nach Norden und bekam einen Vertrag bei Chess Records,wo er vor allem als Mundharmonikaspieler brillierte: Er war nicht nur virtuoser, sondern holte auch mehr bluesige Schwere aus seinem Instrument heraus als die Konkurrenten.Bald war er in Chicago bekannt und heiratete die Schwester von Howlin'Wolf.
Doch Williamsons Erfolg in den USA ist nichts im Vergleich zu der Wirkung, die er bei seinem ersten Europa-Aufenthalt 1963 erzielt. In Maßanzug und Melone gewandet tritt er vor ein Publikum, das noch nie einen echten Bluessänger gesehen hat, und beeindruckt nicht nur durch seine direkte Verbindung zum Ursprung des Blues im Mississippidelta,sondern auch durch sein Talent als Showmann: So kann er zwei Mundharmonikas gleichzeitig spielen ? eine mit dem Mund, eine mit seinem prominenten Zinken.Unzählige Bluesbands nehmen umgehend Songs wie »Help Me« in ihr Repertoire auf, zwei der besten begleiten Williamson bei Konzerten, nämlich die Animals und die Yardbirds, mit Eric Clapton an der Gitarre. Sonny Boy Williamson stirbt im Mai 1965, bevor das ganz große Bluesrevival einsetzt. RUFUS THOMAS Walking The Dog Selbst im Greisenalter verteidigte Rufus Thomas auf der Bühne hartnäckig seinen Ruf als »Oldest Teenager Of The World«. Auf Plateaustiefeln und mit abgespreizten Ellenbogen legte er den »Funky Chicken«, die tiefschwarze Variante des Ententanzes, auf die Bretter. Auch den »Funky Penguin« und den »Funky Bird« hatte er im Repertoire. Tatsächlich hat Thomas wohl mehr animalische Tänze in die Welt gesetzt als jeder andere Entertainer: »Walking The Dog« macht 1963 lediglich den Anfang. Der karge Bluesgroove veranlasst sogar die Rolling Stones, die Nummer auf ihrem ersten Album zu covern.
Neben Nonsenstexten, selbst erfundenen Tanzschritten und einem diabolischen Augenrollen zeichnete Thomas aber auch die Offenheit aus, mit der er über die Rassentrennung in den USSüdstaaten sprach. Er kannte das Problem nur zu gut: Als Teenager zog er in den Dreißigern mit den Rabbit's Foot Minstrels umher, einer Vaudeville-Truppe; mit ruß verschmiertem Gesicht sang und tanzte er für ein weißes Publikum. In den Vierzigern entdeckte er als Moderator lokaler Talentwettbewerbe R&BGrößen wie B.B. King, Bobby »Blue« Bland und Little Junior Parker. Als DJ schickte er beim einflussreichen schwarzen Radiosender WDIA regelmäßig seinen Jivetalk über den Äther. 1953 half er schließlich mit »Bear Cat«, einem Antwortsong zu Big Mama Thorntons Hit »Hound Dog«, dem Sun-Label von Sam Phillips auf die Sprünge. Als dieser Elvis entdeckte und alle seine schwarzen Künstler fallen ließ, bescherte Rufus Thomas 1959 im Duett mit seiner Tochter Carla der legendären Plattenfirma Stax die erste Erfolgssingle: »Cause I Love You«. Damit half er, Stax auf Soul und R&B auszurichten, und öffnete die Tür für die Karrieren von Otis Redding, Isaac Hayes und William Bell.
Noch bis 1963 arbeitet Thomas tagsüber für 57 Cent die Stunde in einer Textilfabrik.Der Hit »Walking The Dog« macht ihn dann auf Jahre zum Botschafter des neuen Memphis-Soul-Sounds. Anfang der Siebziger spielte Thomas noch ein Dutzend minimalistische, heute gern gesampelte Funkkracher wie »(Do The) Push And Pull« und »The Breakdown« ein,bevor die Discowelle seiner Musik den Garaus machte.1989 gab ihm Jim Jarmusch eine Rolle in dem Film Mystery Train; in den Neunzigern holten ihn Musiker wie Jon Spencer und Prince auf die Bühne.Rufus Thomas starb 2001 in Memphis. DIONNE WARWICK Anyone Who Had A Heart Ungebrochenes Pathos war dem Komponisten Burt Bacharach nicht fremd. Allerdings auch nicht das Geschick für vertrackte Kompositionen. »Anyone Who Had A Heart« wurde bei jedem Liveauftritt zum Prüfstein für die Begleitmusiker der jungen Sängerin Dionne Warwick. Der Song wechselt kaum merklich vom Fünfviertel- in den Viervierteltakt, geht in einen Siebenachteltakt über und landet schließlich wieder beim ursprünglichen Metrum.Dionne Warwick löst sich in ihrer Version ganz von ihren Wurzeln im Gospel und Soul, um in die Sphäre entrückter Künstlichkeit einzutauchen: Die Sängerin wird zum Inbegriff von »cool« und »sophisticated«,weil sie sich in jenen Grenzbereich wagt, wo das Spiel mit den großen Gesten nicht zugleich auch deren Wahrheit in Frage stellt. Der Erfolg der Single bestätigt Bacharach und seinen Partner Hal David,weiterhin mit komplexen Liedstrukturen und ungewohnter Metrik zu spielen.Im Laufe der Sechziger schreiben die beiden einige klassische Popsongs für Erwachsene, darunter »Walk On By« und »I Say A Little Prayer«. JOHNNY CASH Ring Of Fire Schon als Schuljunge schwärmte Johnny Cash für June Carter.Er hörte sie im Radio mit der Carter Family singen,dem legendären Countryclan, und als er ihr 1956 zum ersten Mal begegnete, fiel er vor ihr auf die Knie und verkündete: »Eines Tages werde ich dich heiraten.« Das passte gerade nicht, denn beide waren anderweitig gebunden und zudem gottesfürchtig. Und so lachte June, vergaß aber Johnnys dunkel funkelnde Augen nicht, in die sie »nur einen flüchtigen Blick warf,denn sonst hätte ich mich nicht von ihm losreißen können«.
Anfang der Sechziger engagierte Johnny Cash die Carter Family und damit auch June für sein Tourprogramm. Zwischen den beiden knisterte es gewaltig. Doch die brave June ängstigte sich vor dem selbstzerstörerischen Leben, das der ungezügelte, randalierende, Drogen fressende Johnny führte: »Ich darf mich nicht in diesen Mann verlieben,aber es ist, als wäre ich von einem Ring aus Feuer umgeben.« Und so schreibt June den Titel »Ring Of Fire« zusammen mit Merle Kilgore, einem Musiker, mit dem Johnny um die Häuser zog. Zur Tarnung gibt sie den Song an ihre Schwester Anita weiter, aber als Johnny ihn hört,erkennt er gleich,worum es hier geht, und schnappt sich den Song ? es wird einer seiner größten Hits: »Es gab da anfangs eine Zeile«,erinnerte sich Cash später,»in der sie sich ?fire ring woman? nannte.Darauf sprach ich sie an: Genau in diesem ?fire ring? stehe ich.Wir hatten beide Angst, dass wir für unsere Liebe durch die Hölle gehen würden. Aber der ?ring of fire?, in dem ich mich mit June befand, war das Feuer der Erlösung, ein reinigendes Feuer. Denn als wir uns verliebten, übernahm June die Verantwortung dafür, dass ich am Leben blieb.«
Johnny hatte bereits mit elf an Drogen Geschmack gefunden, als ihm im Krankenhaus nach einem Rippenbruch Morphium verabreicht wurde. Stress und Schüchternheit führten ihn später zu Alkohol und Amphetaminen: »Das machte mich an wie Strom, der in eine Glühbirne fließt.« Nun warf June seine Pillen weg, versteckte sein Geld und wurde sein »Rettungsanker«. Heiraten konnten sie zwar erst im März 1968, nachdem ihre vorherigen Ehen geschieden worden waren. Aber im Grunde waren sie ein Paar, so Johnny, seitdem »wir im Februar 1962 zusammen auf Tour gingen, auch wenn es schmerzte, später wieder zu anderen Leuten nach Hause zurückzukehren«. Selbst der Tod riss sie nur für kurze Zeit auseinander.Im Mai 2003 starb June Carter Cash, vier Monate später folgte ihr Mann ihr nach. »Ein schlimmer Tag für Tennessee, aber ein schöner im Himmel«, sagte der alte Freund Merle Kilgore. »Der Mann in Schwarz trägt nun Weiß und trifft seine Frau im Chor der Engel.« JORGE BEN Mas, Que Nada Noch bevor die weltweite Bossa-nova-Begeisterung ihren Höhepunkt erreicht hatte,noch bevor Stan Getz und Astrud Gilberto »The Girl From Ipanema« in die US-Top-Ten brachten, kommen aus Brasilien schon wieder neue Klänge. Jorge Bens Gesang hat nichts von der sanften Reduziertheit der Bossa-Sänger, sondern ist ausdrucksstark, voller Kieksen,Jauchzen und Jammern.Die Melodielinien seiner Lieder dienen ihm nur als ungefähre Orientierung, um die herum er improvisiert, dazu schlägt er seine Gitarre auf ganz eigene, perkussive Art. Seine Kompositionen sind flotter, poppiger, moderner als die Bossa nova, zeigen sich von USamerikanischer Soul- und R&B-Musik beeinflusst. Schließlich hört man, dass ihn seine in Äthiopien geborene Mutter mit afrikanischer Musik bekannt gemacht hatte.
Jorge Duílio Lima Meneses' musikalische Karriere begann, als er 1961 den Bassisten Manuel Gusmão kennen lernte, dessen Copa Trio die Hausband in Rios populärem Bossa- und Jazzclub Beco de Garrafas war. Bei einer Session dort kann Jorge Ben,wie er sich nun nannte (1989 wurde daraus Jorge Ben Jor), Armando Pittigliani,Manager und Hausproduzent der Plattenfirma Philips, so begeistern, dass der ihm am nächsten Tag einen Vertrag anbietet. Als ersten Song präsentiert Ben prompt »Mas,Que Nada«. Eingespielt wird der Titel mit Gusmão und dem Schlagzeuger Dom Um Romão sowie einer Bläsersektion, die der legendäre Saxofonist J.T. Meirelles arrangiert. »Mas, Que Nada« entwickelt sich zu einem echten Standard, der es in unterschiedlichen Versionen bis in die jüngste Vergangenheit immer wieder irgendwo in die Charts schaffte. Am bekanntesten war lange die Version von Sergio Mendes&Brasil '66, die Mendes den Durchbruch in den USA brachte. Nur wenige Wochen nach Erscheinen des Originals 1963 hatte das Tamba Trio des Pianisten Luiz Eça eine Instrumentalfassung aufgenommen. Dank des Einsatzes in einem Werbespot mit der brasilianischen Fußballnationalmannschaft in der Hauptrolle, der zur Fußball- WM 1998 weltweit zu sehen war,kam diese Version 35 Jahre nach ihrer ersten Veröffentlichung zu unerwarteter Popularität.
Ben gelangen in den Jahren nach 1963 mit Songs wie »País Tropical«, »Taj Mahal« oder »Fio Maravilha« weitere Welterfolge, die jedoch nicht den Rang von »Mas, Que Nada« erreichten. In Brasilien ist er heute nach wie vor ein Superstar und eine nationale Ikone. KYU SAKAMOTO Sukiyaki Die Erfolgsgeschichte von »Sukiyaki« beginnt, als der Manager einer englischen Plattenfirma Kyu Sakamotos Single in Japan erwirbt, Gefallen an der sanften Melodie findet und den Titel zu Hause von einer Jazzband nachspielen lässt. Als die Nummer gut verkauft, entschließt man sich, auch das Original zu veröffentlichen. Der japanische Titel »Ueo Muite Aruko« (»Beim Gehen schaue ich nach oben«) scheint allerdings zu fremd, daher wird der Song kurzerhand in »Sukiyaki« umbenannt, wie das beliebte Fleischgericht.Der Text handelt allerdings keineswegs vom Essen: »Traurigkeit versteckt sich im Schatten der Sterne, Traurigkeit lauert im Schatten des Mondes. Beim Gehen schaue ich nach oben, damit meine Tränen nicht herablaufen.« Sakamoto legt so viel Gefühl in seinen Gesang, dass der alberne Titel dem Song nicht schadet; die melancholische Botschaft erschließt sich auch ohne Japanischkenntnisse. So gelangt »Sukiyaki« bis an die Spitze der US-Charts und auf Platz zwei der deutschen Hitparade ? was seitdem keinem japanischen Lied mehr gelungen ist. RITA PAVONE Wenn Ich Ein Junge Wär' Zwei ausländische Teenager sorgen 1963 für frischen Wind im deutschen Nachkriegsschlager mit seinem muffigen Frauenbild. Gegen das elterliche Sicherheitsdenken rebellierend, schmettert die 17-jährige Dänin Gitte den Nummer-eins-Hit »Ich Will 'nen Cowboy Als Mann« (und keinen Bundesbahner mit Pensionsanspruch). Ungleich kecker ? und präziser ? formuliert die 18-jährige Italienerin Rita Pavone den Wunsch nach mehr Selbstbestimmung in ihrem Schlager »Wenn Ich Ein Junge Wär'«.Schon rein optisch entspricht die nur 1,50 Meter große Newcomerin,die in Rollkragenpulli und Lederjacke auftritt, nicht dem gängigen Weiblichkeitsideal. Ihr rotziges »Bekenntnis«, nur beim Küssen Spaß am Frausein zu haben,wirkt dadurch umso glaubwürdiger. Dass sie zu dieser Zeit kein Wort Deutsch spricht, ändert daran nichts ? und bleibt auch in den Jahrzehnten darauf Kennzeichen Deutsch singender Italienerinnen.Rita Pavones Lied schafft es bis auf den zweiten Platz der Charts. MARTHA & THE VANDELLAS (Love Is Like A) Heat Wave Der Sommer 1963 ist heiß in den USA und ein Nachrichtensprecher spielt den Song zum Wetterbericht: »(Love Is Like A) Heat Wave« von Martha&The Vandellas.Martha Reeves hört ihre Stimme im Fernsehen und hüpft begeistert durch Mutters Wohnzimmer. Reeves war Sekretärin bei Motown und kam durch Zufall zu ihrer ersten Single: Mary Wells hatte eine Aufnahmesession versäumt, aber die Musikergewerkschaft erlaubte keine Aufnahme in Abwesenheit des Leadsängers. Also sang kurzerhand die Sekretärin.»Heat Wave« ist die dritte Single der Vandellas, die mit ihrem treibenden Rhythmus,dem Händeklatschen und dem Calland- Response-Gesang zur Blaupause für den »Sound Of Young America« (Motown-Eigenwerbung) wird.Martha&The Vandellas hatten mit »Dancing In The Street«, »Jimmy Mack« und »Nowhere To Run« noch weitere Hits,bevor sich Martha Reeves vor Gericht von Motown löste. Heute ist sie in Detroit lokalpolitisch aktiv. Unter anderem fordert sie die Errichtung von Statuen der Motown-Legenden. GERRY & THE PEACEMAKERS You'll Never Walk Alone Was für ein Timbre! Was für ein Schmelz! Noch immer ist die mit Abstand bekannteste Version dieses Songs aus dem Musical Carousel, geschrieben von Oscar Hammerstein II im Kriegsjahrgang 1945, für eine Gänsehaut gut. Sänger Gerry Marsden sorgt mit seiner gutturalen Hafenromantik-Stimme immer wieder aufs Neue für genau jenes sentimentale Gemeinschaftsgefühl, das die Autoren bei den britischen Soldaten einst erzeugen wollten.Dank der genialen Interpretation der 1959 in Liverpool gegründeten Band wurde »You'll Never Walk Alone« zu einem der meistgecoverten Stücke der Popgeschichte.
Aretha Franklin, Frank Sinatra,Placido Domingo und Die Toten Hosen ? sie alle versuchten sich an der magischen Chorusformel: »Du wirst niemals alleine gehen«.Doch Gerry & The Pacemakers gelang es, diesen »Chant« untrennbar mit der geschundenen Arbeiterstadt Liverpool zu verbinden.Wer einmal das mittlerweile museale Eingangstor des örtlichen Fußballstadions an der Anfield Road besucht hat,weiß,wovon die Rede ist: »You'll never walk alone« steht dort in Eisen geschmiedet. Schließlich wurde der Nummer-eins-Hit aus den UK-Charts auf der legendären Zuschauertribüne »The Kop« zum Volkseigentum. Und das ging so: Als irgendwann in den Sechzigern die Lautsprecheranlage des Liverpool Football Club schlappmachte, mit deren Hilfe dem Publikum vor dem Spiel eingeheizt wurde,übernahm »The Kop« kurzerhand die Soundhoheit. Das Volk sang, tausendfach dröhnend: »Geh weiter durch den Wind, geh weiter durch den Regen.« Immer weiter. Ein Mythos war geboren, der durch den brutalen wirtschaftlichen Abstieg des ehemaligen Amerikahafens nur noch verstärkt wurde. Alles, was danach kam ? man muss es leider genau so sagen ?, war ziemlich mies.
Man kann sicherlich darüber streiten, ob der gebürtige Liverpooler Holly Johnson mit seiner Gruppe Frankie Goes To Hollywood eine bessere Spätbearbeitung von »You'll Never Walk Alone« hinbekommen hat als der »US-Schockrocker« Marilyn Manson. Doch all diese Versionen sind aus pophistorischer Sicht genauso banal und lasch wie die ungezählten Punkfassungen. Und auch die autonomen Fans des FC St.Pauli, die den Song in den Achtzigern in ihre Hafenstraßen- Saga eingebaut haben,sind nichts anderes als Legendendiebe.Wer nun vermutet, dass »You'll Never Walk Alone« ein offizieller Soundtrack des Weltfußballverbandes FIFA unter Sepp Blatter ist, liegt gar nicht mal so falsch: Kein anderer Popsong steckt derartig in der Vermarktungsmühle des Kicker-Entertainments. Von alldem konnten Gerry Marsden und seine Pacemakers nur am Rande profitieren. Zwar kümmerte sich Manager Brian Epstein seit Sommer 1962 um die damaligen Lieblinge des Merseybeat. Doch kurz darauf feierte er erste Erfolge mit den Ortsrivalen namens The Beatles. Spätestens als Marsden 1966 eine Solokarriere versuchte,war es um die Pacemakers geschehen.
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