






|
 |
QUINCY JONES Soul Bossa Nova Vielleicht beschreibt ein Bonmot des Arrangeurs Benny Carter am besten das Wesen von Quincy Jones: Dessen Talent,so Carter, werde vom Erfolg überschattet.Denn tatsächlich scheint sich alles in Gold zu verwandeln,was der 1933 in Chicago geborene Trompeter, Komponist, Arrangeur, Musikproduzent, Manager und Medienstratege in die Hand nimmt.Ganz gleich,ob er einprägsame Soundtracks schrieb,mit der eigenen Big Band spielte oder die Erfolgsalben von Michael Jackson produzierte ? stets hinterließ er sein Markenzeichen: Makellosigkeit. Schon bei den ersten Arbeiten als Arrangeur für Count Basie und Tommy Dorsey zeigte sich Jones'Gespür,die spezifische Originalität eines Musikers hervorzuheben.Seine Arrangement-Kunst verfeinerte er ab 1957 in Paris bei Nadia Boulanger,die zahlreiche Komponisten und klassische Musiker unterrichtet hatte.In Paris begann Jones auch,für die Plattenfirma Barclay zu arbeiten; er produzierte Sessions mit Jacques Brel und Charles Aznavour. 1961 ging er als Vizepräsident des Mercury-Labels zurück in die USA ? just in dem Jahr,in dem die Bossa nova den nordamerikanischen Kontinent eroberte und Jazzmusiker wie Charlie Byrd und Herbie Mann die so völlig anders swingende,neue Sanftmut zu kopieren und zu modifizieren begannen. Im September 1962 versammelt Quincy Jones in den New Yorker A&R Studios eine Band,in der unter anderem der Saxofonist Roland Kirk sowie der Pianist und spätere Soundtrack-Meister Lalo Schifrin mitspielen.Es geht um die Kombination dessen,was scheinbar wenig miteinander gemein hat: Big-Band-Jazz,Soul und Bossa nova.Das Stück »Soul Bossa Nova«,Opener der LP Big Band Bossa Nova,fällt demnach auch völlig aus dem Rahmen der mittlerweile gängigen Bossa-Klischees.Die Art,wie sich Flöten und Blechbläser fast kommentierend gegenüberstehen,die geradezu ironisch anmutende Blue-Notes-Versessenheit von Schifrins Piano und das ständige Spiel mit den thematischen Brüchen machen aus dem Song einen Essay über das Fremde und Vertraute. Der Faszination,die bis heute von »Soul Bossa Nova« ausgeht,erlagen 1990 auch die Dream Warriors,eine kanadische HipHopGruppe: Quincy Jones'Song lieferte ihnen das entscheidende Sample für »My Definition Of A Boombastic Jazz Style«,ihren ersten Hit.»Die Art und Weise,wie wir dieses Sample benutzten«, sagte Rapper King Lou,»ließ auch jene Leute aufmerken,die sich vorher nicht um HipHop gekümmert hatten.« Quincy Jones selber gehörte allerdings nicht dazu: Auf seiner Platte Back On The Blockvon 1989 waren bereits die Rapper Koel Moe Dee und Big Daddy Kane dabei,im Dialog mit gestandenen Jazzmusikern wie Dizzy Gillespie,Miles Davis und Ella Fitzgerald.Der Titel »Soul Bossa Nova« bewies dann Mitte der Neunziger erneut seine Langlebigkeit,als er auf dem Soundtrack der Agentenparodie Austin Powersauftauchte. ERNIE MARESCA Shout! Shout! (Knock Yourself Out) Ernie Maresca glaubte nicht an sein Talent als Sänger.Also stieg er Ende der Fünfziger frühzeitig und frustriert bei den Montereys, einer Gesangsgruppe,aus und zog es vor,als Songschreiber und Produzent weiterzumachen.Mit beträchtlichem Erfolg: Für Dion DiMucci,einen alten Freund aus der italoamerikanischen Nachbarschaft in der Bronx,schrieb er im Sommer 1961 den Nummereins-Hit »Runaround Sue«; und im Dezember kam Dionmit »The Wanderer«,einem weiteren Maresca-Song,auf Platz zwei der Charts.Mit diesen Erfolgen im Rücken lässt sich Maresca schließlich überreden,wieder selbst vor das Mikrofon zu treten.Er setzt sich mit einem Freund in eine Bar in Manhattan und schreibt einen Song mit eingebautem Wohlfühl-Faktor. Auf dem Höhepunkt des Twistfiebers ist »Shout! Shout! (Knock Yourself Out)« bald auch in den Charts zu finden.Der Titel basiert auf demselben Rhythmusmuster wie »Runaround Sue«,woraus Maresca im Text kein Hehl macht: »Play another song like a ?Runaround Sue?« (»Spiel noch einen Song wie ?Runaround Sue?«). LITTLE EVA The Loco-Motion 1962 ist Eva Boyd 19 Jahre alt und hütet die kleine LouiseGoffin, Tochter der erfolgreichen Songwriter Carole King und Gerry Goffin.Nach dem Erfolg von Chubby Checkers »The Twist« und einer Flut ähnlich gestrickter Modetänze hat das Ehepaar beschlossen,einen eigenen Tanzhit zu schreiben: Der Song heißt »The Loco-Motion« und soll eigentlich von Dee Dee Sharp gesungen werden.Doch dann ist Eva Boyd zur richtigen Zeit am richtigen Ort.Als die Babysitterin hört,wie Carole King auf dem Klavier die Melodie ausarbeitet,beginnt sie begeistert zu tanzen; King und Goffin lassen sie daraufhin ein Demo der Nummer einsingen.Trotz ihrer Unerfahrenheit gefällt den beiden Boyds etwas mürrische Stimme und sie veröffentlichen den Song unter dem Pseudonym Little Eva.Vor allem dank des großartigen Beats wird »The Loco-Motion« über Nacht zum Hit.Und die Ex-Babysitterin verdient statt 35 nun mehrere tausend Dollar die Woche.Ende der Achtziger verschaffte Kylie Minogues Coverversion von »The Loco-Motion« Little Eva dann ein kleines Comeback. THE COOKIES Chains Die Cookies tauchten erstmals als Backgroundsängerinnen für Künstler wie Tony Orlando,Connie Francis oder Neil Sedaka auf und sind auch auf »The Loco-Motion« von Little Eva (siehe Seite 50) zu hören,die mit den drei Cookies befreundet war.Kurz darauf schreiben Carole King und Gerry Goffin einen Song für die Cookies: Auf »Chains« mischt wiederum Little Eva mit; zeitweise gilt sie als vierter Cookie.Was die Frauengruppe so eindrucksvoll macht,ist die Tatsache,dass jedes Mitglied eine potenzielle Leadsängerin ist.Und doch verschmelzen ihre Stimmen auf das Wunderbarste,wenn sie gemeinsam singen: »These chains of love,got a hold on me« (»Diese Liebesketten halten mich fest«).King und Goffin,eines der erfolgreichsten Songwriter-Teams aller Zeiten, definierten mit Songs wie »Chains« und mit Gruppen wie den Cookiesden Girlgroup-Sound,der Anfang der Sechziger,vor der englischen Beat-Invasion, populär war. Doch auch die Beatles stehen bei den Cookies in der Schuld: Auf ihrem ersten Album Please,Please Mecoverten sie »Chains«. MARY WELLS You Beat Me To The Punch Als 17-Jährige hatte Mary Wells dem R&B-Sänger Jackie Wilson einen Song zugesteckt.Dessen Produzent Berry Gordy war von »Bye Bye Baby« so angetan,dass er Wells sogleich für sein neu gegründetes Motown-Label unter Vertrag nahm.Das war 1960 ? und Wells'Interpretation ihres Lieds lieferte Gordys Plattenfirma nicht nur einen der ersten Hits,sondern etablierte auch das Team, das für die reifsten Motown-Aufnahmen der frühen Sechziger verantwortlich zeichnen sollte: Mary Wells und Smokey Robinson. Letzterer komponierte für die Sängerin eine Serie witziger und raffiniert arrangierter Soulsongs,aus denen »You Beat Me To The Punch« wegen seiner unwiderstehlichen Melodie und des für Mary Wells'Gospelflow maßgeschneiderten Beats herausragt. Zwei Jahre später schaffte das Gespann mit »My Guy« seinen größten Hit. Kurz darauf wechselte die Sängerin jedoch zur Konkurrenzfirma 20th Century Fox ? und fand ohne Robinsons Unterstützung trotz einiger kleinerer Erfolge wie »Dear Lover« nie wieder zur alten Form zurück. SOLOMON BURKE Cry To Me Als Anfang der Sechziger in den USA die Modetänze dominierten,hatte Solomon Burke ein Problem: Mit über zwei Zentnern Lebendgewicht war der Soulmann einfach zu schwer,um auf der Bühne in die Knie zu gehen und den Twist zu tanzen.Deshalb machte Burke aus der Not eine Tugend und spezialisierte sich auf eine besonders packende,emotional aufwühlende Variante des Soulgesangs,für die er seinen massiven Körper als Resonanzraum zu nutzen wusste. Auf »Cry To Me« merkt man in den ersten beiden Strophen wenig davon,doch Burke steigert gekonnt die Intensität,bis er in der dritten Strophe mit den Worten »Don't you feel like a cry-cry-a-cry-cry,cry-cry-a-cry-cry,cry-y-y-y-ing« völlig aus sich herausgeht.Spätestens hier wird klar,dass sich der Trost, den er einer verlassenen Frau anbietet,nicht auf Händchenhalten und gute Gespräche beschränkt.Mit dieser Gesangsmethode gelang Burke eine Hitsträhne,die es ihm 1964 sogar ermöglichte, sich auf der Bühne zum King of Rock&Soul krönen zu lassen ? komplett mit Krone,Zepter und Purpurmantel! STEVIE WONDER Frankie And Johnny Ronnie Whites kleiner Bruder ließ nicht locker: Er habe diesen talentierten Freund,einen blinden Jungen namens Stevie,den müsse Ronnie sich einfach anhören! Doch als Mitglied von Smokey Robinsons Gruppe The Miracles (siehe Seite 73) hatte White Besseres zu tun.Eines Tages im Jahr 1961 machte er sich dann doch auf den Weg ins East Side Ghetto von Detroit,wo sich der kleine Stevie als ausgesprochen naseweiß entpuppte: »Ich kann besser singen als Smokey«,behauptete er zur Begrüßung. Aber was White dann zu hören bekam,veranlasste ihn,sofort einen Termin für Stevie beim Motown-Chef Berry Gordy zu machen.Der Labelbossprüfte nur kurz,wie der Elfjährige Orgel, Schlagzeug und Mundharmonika spielte, bevor er mit staatstragender Stimme erklärte: »Wir nehmen dich unter Vertrag.« So begann eine der erstaunlichsten Karrieren der Popmusik. Steveland Judkins Morris bekam schnell einen neuen Nachnamen verpasst und wurde so etwas wie das Maskottchen der aufstrebenden Plattenfirma.Oft tobte er durchs Motown-Büro,spielte den Sekretärinnen Streiche und übte,wenn gerade keine Aufnahmen waren,auf den Instrumenten,die im Studio herumstanden.Auch die Funk Brothers,Motowns legendäre Studiomusiker, erkannten sofort Stevies Talent und nahmen den blinden Jungen unter ihre Fittiche.Allerdings ist zu Beginn von Stevies Karriere noch unklar,welche Musik man mit dem Wunderkind aufnehmen soll,und so wird für Stevies erste LP Ray Charles,der andere große Blinde des Pop,ungefragt als Patenonkel herangezogen; auch, weil Charles wegen seines Hitalbums Modern Sounds In Country And Western Musicgerade in aller Munde ist.So enthält Tribute To Uncle Rayvor allem Songs,die schon von Ray Charles bekannt sind ? nicht unbedingt eine glückliche Wahl,da Stevies knabenhafter Stimme Ray Charles'bluesige Schwere naturgemäß abgeht. Doch Stevie ist schon mit zwölf Profi genug,um sein Album nicht missglücken zu lassen,und so sind auch auf Tribute To Uncle Ray einige Highlights zu finden: neben »Hallelujah I Love Her So« und dem fiesen Bluesstomper »Mary Ann« vor allem »Frankie And Johnny«,eine der beliebtesten »murder ballads« der amerikanischen Musikfolklore.Das Lied geht auf eine Begebenheit im St. Louis des Jahres 1899 zurück,wo eine Frau namens Frankie Baker ihren untreuen Mann erschoss.Es verbreitete sich schnell in den US-Südstaaten,wurde bereits Anfang der Zwanziger zum ersten Mal aufgenommen und im Lauf der Jahre von Hunderten Künstlern gesungen,darunter Bob Dylan,Johnny Cash,Sam Cooke und Elvis Presley.Stevie Wonders Version gehört sicherlich zu den ungewöhnlichsten,da er die düstere Thematik kaum zur Kenntnis zu nehmen scheint und vom Mord am untreuen Johnny mit ansteckender Fröhlichkeit berichtet. Als Tribute To Uncle Raynur ein bescheidener Erfolg wird,ändert man bei Motown die Strategie.Und bereits ein Jahr später gelang Stevie Wonder mit der Liveaufnahme »Fingertips,Pt.2« seine erste Nummer eins in den Billboard-Charts. KING CURTIS& THE NOBLE KNIGHTS Soul Twist Es gab eine Zeit,da war seine Musik weit bekannter als sein Name: Unzählige R&B-Hits der Fünfziger und Sechziger verdanken Curtis Ousley alias King Curtis ihre prägenden Bläserriffs.Aber wer wusste damals schon, wer hinter dem Saxofon auf dem berühmten »Yakety Yak« von den Coasters steckte? Wer Chuck Willis'Gesangslinien auf »What Am I Living For« so einfühlsam nachblies? Oder Clyde McPhatters Hit »A Lover's Question« das Latinflair verlieh? Der Tenorsaxofonist Curtis Ousley begann 1950 als 16-Jähriger, mit Lionel Hamptons Orchester zu spielen.1953 zog er aus seiner Heimatstadt Fort Worth nach New York: Hier stieg er bald zu einem begehrten Studiomusiker auf,der seinen Preis für eine Session sogar auf damals enorme 100 Dollar hochschrauben konnte,ohne Konkurrenz fürchten zu müssen.Curtis Ousleys entscheidender Vorteil lag in seinem guten Riecher: Einerseits hatte er stets Virtuosen wie Ben Webster,Coleman Hawkins und Charlie Parker nachgeeifert.Andererseits war ihm bereits als jugendlichem,über den Tresen spazierendem Saxofonspieler in den Bars von Fort Worth aufgegangen,dass jene Musiker am besten ankamen,die dem Geschmack der Masse entsprachen.Jazz würde niemals die Breitenwirkung von Rock'n'Roll entwickeln.Und wenn King Curtis bei seinen New Yorkers Gigs immer wieder Jazzgrößen im Publikum entdeckte,wusste er,dass er auf dem richtigen Weg war: »Sie kamen zu mir,weil sie selbst keine Arbeit hatten.Ich spielte zwar nicht so gut wie sie ? aber ich musste niemanden um zwei Dollar anpumpen.« Alles,was King Curtis fehlte,war ein eigener Hit.Bis ihn 1960 Bobby Robinson,ein Produzent aus Harlem,unter Vertrag nahm: Robinson überredete King Curtis,sich in Richtung Soul zu bewegen,stellte ihm einen Gitarristen zur Seite ? und schon die erste Aufnahme schafft den Durchbruch: »Soul Twist« erreicht auf Anhieb die Topposition der R&B-Charts und wird daraufhin sogar von Sam Cooke in seinem Song »Having A Party« gewürdigt: »Play that one called ?Soul Twist?« (»Spiel das namens ?Soul Twist?«). Als King Curtis&The Kingpins nahm der einstige Honker nun Instrumentalversionen von Pophits auf,außerdem Originale wie »Soul Serenade« oder »Memphis Soul Stew«.Daneben begleitete er zahlreiche Stars: Aretha Franklin, Solomon Burke, Wilson Pickett,Sam Cooke,die Drifters und Nina Simone profitierten von seinen Künsten; selbst auf John Lennons Album Imagineist der Saxofonist zu hören.Die Erfolgssträhne fand ein jähes Ende, als King Curtis am 13.August 1971 bei einem Streit miteinem Junkie vor seinem New Yorker Apartment erstochen wurde. GENE CHANDLER Duke Of Earl Sein Geburtsname scheint dem aus Chicago stammenden Sänger nicht nobel genug.Also wird Eugene Dixon zu Gene Chandler und sein erster Hit zur Eintrittskarte in die Adelsgesellschaft des Soul.»Duke Of Earl« definiert das Image des Soulmanns: Auf der Bühne posiert er mit Melone,Monokel,Frack und Gehstock. Eine erste Version des Titels singt Chandler noch mit den Dukays ein; wenig später verlässt er das Doo-Wop-Quintett jedoch auf Anraten seiner Plattenfirma.Dieser Schritt ist der Grundstein für eine der langlebigsten Soulkarrieren.Chandler überzeugte zunächst mit einer Reihe exzellenter,von Curtis Mayfield geschriebener Singles: »Rainbow« etwa, »Man's Temptation«, »Just Be True« und »Nothing Can Stop Me«. Ab Mitte der Sechziger arbeitete er mit Carl Davis zusammen,sang im Duett mit Jerry Butler und erzielte ab 1970 auf Mercury einige Charterfolge. Später zeigte der Souladlige keine Scheu,sich auch mit Disco gemein zu machen: »Get Down« füllte 1978 die Tanzflächen. WILLIE NELSON Touch Me Mae Boren Axton hatte »Heartbreak Hotel« komponiert und seitdem Elvis Presley mit dem Song 1956 sein erster Nummer-einsHit gelungen war,genoss sie eine gewisse Prominenz.Dennoch blieb das Songschreiben für sie eine Nebenbeschäftigung, im Hauptberuf arbeitete sie als Journalistin und PR-Frau.1957 reiste Axton durch den Nordwesten der USA,um Werbung für eine Tournee des Countrysängers Hank Snow zu machen.So kam sie auch zur Radiostation KVAN in Vancouver,Washington,wo sie sich mit einem »mageren,schüchternen Jungen«,der dort als DJ tätig war,über Hank Snow unterhielt.Bis der Knabe sie schließlich unterbrach,um ihr zu sagen: »Ich spiele alle Songs von Ihnen, die wir bekommen. Und ich habe alle Ihre Artikel gelesen.« Schließlich vertraute er ihr an,dass er auch Songs komponiere, sich aber nicht sicher sei,ob sie etwas taugten.Ob sie nicht vielleicht ein Viertelstündchen übrig habe,um ein Urteil abzugeben? Nachdem Mae Boren Axton einige Songs gehört hatte,sagte sie: »Mein Sohn,ich habe dir zwei Sachen mitzuteilen.Erstens: Wenn ich auch nur halb so gut komponieren könnte wie du,wäre ich die glücklichste Frau der Welt. Zweitens: Ich weiß überhaupt nichts über dich.Aber du kündigst diesen Job und gehst nach Texas oder Tennessee zum Songschreiben.« Vier harte Jahre später eroberte Willie Nelson dann tatsächlich die Countryszene.1961 gelangten zwei seiner Songs in die CountryTop-20: »Funny How Time Slips Away« in der Version von Billy Walker und »Night Life« in der Version von Ray Price.Darüber hinaus kamen Patsy Cline mit »Crazy« und Faron Young mit »Hello Walls« sogar in die Pop-Top-20.Aber Nelson konnte nur als Songwriter Erfolge feiern ? als Sänger war er bis dato eine kommerzielle Enttäuschung. Im Juni 1962 geht Nelson mit einer erlesenen Schar von NashvilleStudiomusikern unter der Leitung der Arrangeurin und Chorsängerin Anita Kerr ins Studio,um ein Album für Liberty Records aufzunehmen.Neben seinen Erfolgstiteln des vergangenen Jahres stehen Coverversionen und einige neue Songs auf dem Programm ? darunter »Touch Me«.Der Song wird als Single veröffentlicht und bringt Willie Nelson endlich seinen ersten Top-Ten-Erfolg als Sänger,was sicher auch am Text liegt,spielen doch die Texte in der Countrymusik von jeher eine wichtigere Rolle als im Pop oder R&B.Und Nelson verfügte schon als sehr junger Mann über die besondere Gabe,dem Thema »gescheiterte Beziehung« immer wieder neue,erschütternde Aspekte abzuringen.So überrascht der Sänger in »Touch Me« mit der Behauptung,man müsse ihn nur berühren,um zu wissen,wie sich der Blues anfühle. Der Erfolg erwies sich für Nelson zunächst jedoch nicht als dauerhaft.Erst Mitte der Siebziger wurde er schließlich zum Superstar. Auf sein Durchhaltevermögen angesprochen,verwies er immer wieder darauf,dass er dank Mae Boren Axton ein unerschütterliches Vertrauen in seine Fähigkeiten gehabt habe. THE FLEETWOODS Lovers By Night,Strangers By Day Gretchen Christopher und Barbara Ellis hatten als Cheerleader Mitte der Fünfziger angefangen,zusammen zu singen.Gretchen, vielfältig begabt und auch eine sehr gute Balletttänzerin,entwickelte zu dieser Zeit die Idee einer Vokalgruppe mit einem speziellen samtweichen Sound.Die beiden Freundinnen probierten verschiedene Gesangspartnerinnen aus,fanden jedoch niemand Geeigneten.Gary Troxel wurde ihnen als Trompeter empfohlen ? vielleicht konnten sie ihren Sound mit einem Instrument aufpeppen? Aber Troxel beherrschte leider nur eine einzige Tonart. Beim Zusammenpacken seines Horns stimmte er jedoch eine kleine Scat-Melodie an ? und das Gesangstrio The Fleetwoods war geboren.Gleich die erste Single »Come Softly To Me«,eine Eigenkomposition der drei,wurde 1959 ein Nummer-eins-Hit. 1962 sind die Fleetwoods kein Thema mehr für höchste Chartsränge.Dafür werden ihre Arrangements immer aufwändiger und ungewöhnlicher,wofür »Lovers By Night,Strangers By Day« ein exzellentes Beispiel ist. HELEN SHAPIRO Keep Away From Other Girls Mit ihrer coolen,tiefen Stimme strahlt Helen Shapiro genügend Autorität aus,dass die Warnung an ihren Typen,er solle sich besser von anderen Mädchen fern halten,auch respektiert wird. Man spürt,dass sie das Leben kennt und sich nicht hinters Licht führen lässt.Wirklich? Helen Shapiro ist 15,als sie diese frühe BurtBacharach-Komposition so glaubhaft interpretiert.Aber schon ein Jahr zuvor hatte sie trotzig gefordert: »Don't Treat Me Like A Child« ? und damit Platz drei der britischen Charts erreicht.Ein halbes Jahr und zwei Hits später gehört sie neben Frank Ifield und Jimmy Justice zu den größten Teenagerstars Großbritanniens. Anfang 1963 kündigte sich jedoch der Umbruch an: Eine unbekannte neue Gruppe aus Liverpool,die gerade erst eine Platte veröffentlicht hatte,durfte als Vorband mit Helen Shapiro auf Tour gehen: The Beatles.Die nunmehr 16-jährige Helen wurde zu dieser Zeit von einer größeren Entourage begleitet und beschützt ? der sie immer wieder entwischte,um mit den vier frechen Kerlen aus Liverpool um die Häuser zu ziehen. B.BUMBLE&THE STINGERS Nut Rocker Der 3.Februar 1959 war einer jener traurigen Tage,an denen der Rock'n'Roll starb,in diesem Fall in Gestalt der bei einem Flugzeugabsturz tödlich verunglückten Stars Ritchie Valens,Buddy Holly und The Big Bopper.Doch des einen Verlust ist des anderen Gewinn,dachte sich der 19 Jahre alte Kim Fowley: »Diese Teenagerhelden sind tot? Wow! Das ist meine Chance.Ich übernehme!« Ein Star wurde Fowley dann zwar doch nicht,aber wenn auf irgendeinen Menschen der Begriff »legendärer Typ« passt,dann auf ihn.In den ersten zehn Jahren seiner schillernden Karriere gehörte er in Hollywood zu einer Horde talentierter,hungriger Nachwuchsstars, zu Typen wie Herb Alpert, Lou Adler und Nik Venet,die alles gaben für einen Hit und immer auf der Suche waren nach der einen großartigen Idee.Die Rockversion eines Motivs aus Tschaikowskys Nussknacker-Suiteist so eine Idee ? und sie funktioniert.Die von Fowley produzierte Single,eingespielt von einem Haufen Studiomusiker,wird in England sogar ein Nummer-eins-Hit. THE CONTOURS Do You Love Me Die Contours wollten von Anfang an nicht so richtig in das Raster der Plattenfirma Motown passen.Nach ihrer ersten,erfolglosen Single »Whole Lotta Woman« wies Labelchef Berry Gordy dem Quintett jedenfalls völlig unbeeindruckt die Tür.Nur durch Vermittlung von Jackie Wilson, dem Cousin von ContoursSänger Hubert Johnson,bekamen sie eine zweite Chance und schließlich einen Sieben-Jahres-Vertrag von Gordy.Dessen Einlenken macht sich bald bezahlt: Im Sommer 1962 gelangt die von Gordy selbst verfasste Tanznummer »Do You Love Me« bis auf Platz drei der Billboard-Charts und verschafft den Contours ihre Erkennungsmelodie. Eigentlich hat der Motown-Boss den zupackenden Song für die von ihm bevorzugten Temptations geschrieben.Doch als diese sich zu den Aufnahmen verspäten,reicht er ihn den im Nachbarstudio probenden Contours weiter,einer Truppe,die den jüngeren und glatteren Teenageridolen mit rauestem R&B Konkurrenz macht: Im Gegensatz zu den durch Gordys Benimmschule auf Salonfähigkeit getrimmten Kollegen verteidigen die Contours ihren Ruf als »Motown's Number One Party Group« nicht nur durch ekstatische bis schräge Gesangseinlagen und eineunbändige Bühnenshow; das Quintett ist auch für seinen Hang zu Alkoholexzessen und Frauengeschichten berüchtigt.Auch deswegen ließ Motown den Contours nicht denselben Respekt und die Fürsorge angedeihen wie etwa den Four Tops oder Temptations.Ihr Material braucht die Konkurrenz mit den bekannteren Gruppen aber nicht zu fürchten: Titel wie »First I Look At The Purse« und »Just A Little Misunderstanding« stechen selbst aus dem an Höhepunkten wahrlich nicht armen Motown-Gesamtwerk der Sechziger heraus.Das sah man übrigens in England genauso,wo Contours-Songs von Beatgruppen wie den Dave Clark Five und Brian Poole&The Tremeloes gecovert wurden. Nach Ablauf ihres Vertrags Ende der Sechziger verschwanden die Contours in der Obskurität.1988 verschaffte ihnen der Soundtrack zu Dirty Dancingjedoch ein unverhofftes Comeback: 26 Jahre nach der Erstveröffentlichung wurde »Do You Love Me« erneut herausgebracht und verpasste nur knapp die amerikanischen Top Ten. Die R&B-Haudegen formierten sich aufs Neue um Gründungsmitglied Sylvester Potts,eine »Dirty Dancing Tour« lockte noch einmal zwei Millionen Zuschauer in ihre Konzerte. Spätestens dadurch wurde »Do You Love Me« zu einem der großen,unzerstörbaren Evergreens der Sechziger,der stets zu guter Laune und Tanzbegeisterung führt,egal in welcher Umgebung. Selbst Nirvana haben den Song einmal live gespielt: am 10.Juni 1989 in Portland,Oregon. BOOKER T.&THE M.G.S Green Onions »Wow,das ist funky!« ? Scotty Moore,einst Gitarrist von Elvis,jetzt Toningenieur im Sun Studio in Memphis,ist ehrlich begeistert von der Aufnahme,die sein Kollege Steve Cropper,Gitarrist der Hausband im wenige Blocks entfernten Stax Studio,an diesem Morgen vorbeibringt.Moore ist nicht der Einzige,der so reagiert. Cropper zieht weiter zur heißesten lokalen Radiostation WLOK und der DJ,der gerade auf Sendung ist,spielt den brandneuen Titel gleich viermal.Woraufhin die Telefone nicht mehr aufhören zu klingeln: Dutzende Hörer wollen wissen,wie dieser scharfe Song denn nun heißt. Dummerweise gibt es auf diese Frage zunächst keine Antwort. Schließlich hat Cropper das Stück mit seinen Kollegen Booker T. Jones (Orgel),Lewis Steinberg (Bass) und Al Jackson (Schlagzeug) erst am Abend vorher aufgenommen.Nachdem sie zwei Wochen an dem Lied gearbeitet hatten,war es schon nach dem dritten Take im Kasten.Alle waren so begeistert,dass niemand an einen Songtitel dachte.Er findet sich schließlich ein paar Tage später: »Behave Yourself«. Zwei Wochen danach.Eigentlich sollen Booker T.und seine Gruppe an diesem Nachmittag den Rockabillysänger Billy Lee Riley begleiten,doch der taucht nicht im Studio auf.Also gniedeln sie ein wenig herum,spielen einen improvisierten Blues.Stax-Chef Jim Stewart sitzt derweil im Kontrollraum und schneidet spaßeshalber mit.Am Ende des Abends präsentiert er den Musikern die nach seinem Geschmack beste Version des Blues und fragt Booker T.: »Wenn ich das herausbringen wollte,wie würdet ihr es nennen?« Nach kurzem Zögern antwortet Booker T.: »Green Onions ? denn grüne Zwiebeln sind das Ekligste,was mir gerade einfällt.Etwas,das man wegschmeißt,so wie du das mit dieser Aufnahme tun solltest.« Stewart schmeißt jedoch gar nichts weg ? er tauscht nur zur Veröffentlichung die Titel.Die bereits beim Publikum beliebte Funknummer nennt er »Green Onions«,den improvisierten Blues »Behave Yourself«.Und damit dürfte er alles richtig gemacht haben, denn die Platte verkauft sich rund eine Million Mal und erreicht Platz drei der Singlescharts. Booker T.Jones ist zu diesem Zeitpunkt gerade mal 17 Jahre alt und Leader der Hausband bei Stax,die den Namen The M.G.s trägt,kurz für The Memphis Group.Wobei es auch eine Version gibt,nach der Al Jackson aus dem Fenster sah,einen vorbeifahrenden MG-Sportwagen erblickte und sich,derart inspiriert,den Namen der Band überlegte.Angeblich versuchte die Gruppe sogar,einen Sponsoringdeal mit dem Autohersteller in die Wege zu leiten.Sicher ist jedoch,dass Jones,Cropper,Jackson und Donald »Duck« Dunn,der bald Lewis Steinberg ersetzt,auf den meisten entscheidenden Stax-Platten zu hören sind,also bei Aufnahmen von Otis Redding,Eddie Floyd,Rufus Thomas,Carla Thomas, Sam&Dave und vielen anderen.Und dass sie dabei einen erdigen Soulsound kreieren,der als Gegenentwurf zu Motown maßgeblich zur Popgeschichte der Sechziger beiträgt. JIMMY CLIFF Miss Jamaica Gleich der erste Kontakt des jungen Jimmy Cliff mit der harten Realität des Musikgeschäfts bringt die große Enttäuschung: Der 14-Jährige wird um das Honorar für seine Debütsingle »Daisy Got Me Crazy« geprellt. Aber so leicht zerstört man jugendliches Selbstvertrauen nicht.»Eines Abends ging ich auf Jamaika an einem Laden namens Beverley vorbei«,erzählte Cliff später.»Sie hatten Schallplatten im Fenster; aber gleichzeitig war das ein Eissalon und ein Kosmetikgeschäft.Ich dachte mir: Wenn ich einen Song mit dem Titel ?Beverley's? schreibe,bekomme ich einen Fuß in die Tür.Also schrieb ich den Song und betrat schließlich den Laden.Vor mir drei chinesische Brüder.Nein,sagten sie,wir machen keine Aufnahmen.Aber vielleicht könnt ihr damit etwas anfangen,sagte ich,und sang meinen Song ?Dearest Beverley?.« Einer der Chinesen ist hellhörig genug,um die Qualitäten dieses Jungen und seiner Stimme zu erkennen.Sein Name ist Leslie Kong; er lässt es darauf ankommen und nimmt mit Cliff zunächst zwei Stücke auf.»Hurricane Hatty«,ein Lied über den Sturm gleichen Namens,wird ein erster Hit,gefolgt von »Miss Jamaica«.Bald darauf landet Cliff mit »King Of Kings« und »One-Eyed Jacks« weitere Treffer.Der Teenager wird damit zum Jungstar der jamaikanischen Musikszene. Diese befindet sich gerade im Umbruch.Hatten bis zum Ende der Fünfziger noch jene mobilen »Sound Systems« dominiert,die Clubs und Tanzveranstaltungen mit aus den USA importierten R&B-Platten aufmischten, suchten die DJs nun stärker nach jamaikanischen Aufnahmen,um sich von ihren Konkurrenten abzusetzen.Die drei wichtigsten Sound-System-Betreiber Duke Reid,Prince Buster und »Sir« Coxsone Dodd gründeten eine Vielzahl von Plattenlabels,auf denen zahlreiche Musiker eine Chance erhielten.Ergebnis: Die Szene blühte auf. Stilistisch hatten sich die Musiker in den Fünfzigern noch am New-Orleans-typischen R&B orientiert,den sie etwa mit Calypso-Elementen oder Folklore-Resten anreicherten.Aus diesem »Bluebeat« erwuchs Anfang der Sechziger der bassbetonte und bläserstarke Ska,der schnell auch im Ausland Hörer fand,vor allem in Großbritannien. 1962 wird Jamaika unabhängig und die Musik trägt dazu bei,der neuen Nation eine kulturelle Identität zu verleihen.So war es 1964 ein Politiker,der spätere Premierminister Edward Seaga,der eine Auslandstournee namhafter Ska-Musiker organisierte.Neben den Headlinern Byron Lee&The Dragonaires war auch Jimmy Cliff bei diesem Unternehmen dabei,und obwohl die Tour im Streit endete,zog er zumindest den persönlichen Gewinn daraus,die Bekanntschaft von Chris Blackwell zu machen, Gründer der jungen Plattenfirma Island Records und aufstrebender ReggaeImpresario.Blackwell überredete Cliff,nach London zu ziehen, wo er mit einigen Rockmusikern zusammenarbeitete und Ende der Sechziger Hits wie »Vietnam« und »Wonderful World,Beautiful People« landete.Sein größter Erfolg kam 1972,als er die Hauptrolle im Film The Harder They Comespielte und den einprägsamen Titelsong sang.Zu Jimmy Cliffs Pech schaffte bald darauf Bob Marley den internationalen Durchbruch und ließ neben sich keinen Platz für einen zweiten Reggaestar. THE SENTINALS Latin'ia In den zentralkalifornischen Städten San Luis Obispo und Fresno wohnten zahlreiche Latinos,unter denen die fetzigen Rockinstrumentals von Duane Eddy,Link Wray oder Johnny&The Hurricanes besonders populär waren. So brachten diese Orte viele eigene Instrumentalbands hervor,in der Regel in der Basisbesetzung Leadgitarre,Rhythmusgitarre,Bass und Schlagzeug. Der Übergang von Rock'n'Roll zur Surfmusik geschah fließend. The Sentinals spielten zuerst R&B und hatten in San Luis Obispo bereits eine ansehnliche Fangemeinde.Ab 1962 bezeichnen sie sich dem Trend der Stunde entsprechend als Surfband,nehmen an ihrer Musik allerdings keine wesentlichen Änderungen vor. »Latin'ia« ist angeblich vom Gitarrenduo Santo & Johnny geklaut ? es blieb jedenfalls der einzige Hit des Quartetts. Immerhin machte ihr Schlagzeuger Johnny Barbata später Karriere mit den Turtles,Crosby,Stills&Nash und Jefferson Starship,während ihr zeitweiliger Gitarrist Merrell Fankhauser mit seiner Gruppe Mu zu einer Kultfigur und echten Psychedelik-Legende wurde. THE BEACH BOYS Surfin'Safari Nik Venet ist eigentlich nur eine Fußnote in der Geschichte der Beach Boys.Nach dem lokalen Erfolg ihrer ersten Single »Surfin'« tritt Murry Wilson,Manager der Band und Vater von drei Mitgliedern,mit verschiedenen großen Plattenfirmen in Kontakt. Bei Capitol kennt er den legendären Countryproduzenten Ken Nelson,der ihn an einen Kollegen im Pop-Department weiterreicht,welcher mit der Idee einer Surfband womöglich mehr anfangen kann ? schließlich pflegt der 21-jährige Nik Venet sogar ein Surfbrett auf dem Dach seines Autos herumzufahren.Hausintern gilt der jüngste Capitol-A&R-Mann als »street connection«,die älteren Kollegen bewundern ihn wegen seines Gespürs für den ihnen so rätselhaften Teenagermarkt . »Noch bevor die ersten acht Takte vorbei waren,wusste ich,dass der Song ein Hit war«,erinnerte sich Venet später an seine erste Begegnung mit »Surfin'Safari«.»Und weil ich nicht der Typ bin, der seine Gefühle verbirgt,wurde ich ganz aufgeregt.Und Murry wurde auch ganz aufgeregt,denn er ist auch nicht der Typ,der seine Gefühle verbirgt.Jedenfalls war mir sofort klar,dass dieser Song die Musik der West Coast komplett verändern würde.« Dennoch gibt es in der Firma Befürchtungen,ein Song zum Thema Surfen werde im Rest des Landes auf wenig Interesse stoßen. Es gibt sogar Stimmen,die dafür plädieren,ihn nur als B-Seite zu veröffentlichen.Gut,dass sie nicht befolgt werden: »Schon acht Stunden nach Veröffentlichung erhielten wir begeisterte Anrufe aus Orten wie Phoenix,Arizona«,sagte Venet.»?Surfin'Safari? war sogar unsere bestverkaufte Single des Jahres in New York.« David Marks ist eine weitere Fußnote in der Beach-Boys-Historie. Enttäuscht vom geringen Honorar, das er für die erste Single »Surfin'« erhalten hatte,entschloss sich Gründungsmitglied Al Jardine,doch lieber seine Ausbildung zum Zahnarzt zu beenden. Er kehrte zwar nach gut einem Jahr zurück, doch zunächst musste ein Ersatz her.Marks war ein Kumpel von Dennis Wilson aus der Nachbarschaft.Als Jardine ausstieg,reichte die Tatsache, dass Marks einige Gitarrenakkorde kannte,um ihn als Ersatz zu qualifizieren ? obwohl er gerade mal 14 Jahre alt war.»David war so jung«,erinnert sich Audree Wilson,Mutter der drei Beach-BoysBrüder.»Ich mochte ihn,aber er tat mir Leid,denn er war eine echte Nervensäge.Brian ließ ihn nicht bei Plattenaufnahmen singen,weil er einfach nicht singen konnte.« Ob Marks tatsächlich auf »Surfin'Safari« zu hören ist,konnte bis heute nicht abschließend geklärt werden.Unbestritten ist jedoch seine Anwesenheit auf der ersten ausgedehnten Konzerttour der Beach Boys 1962,einer Reise in »ein Wunderland aus Sex und Freiheit«,wie es Steven Gaines in seiner Bandbiografie ausdrückte. Marks und Carl Wilson verlieren ihre Jungfräulichkeit; und erst als sich Marks mit Tripper infiziert und seine Eltern sich daraufhin bei Murry Wilson beschweren,enden die tollen Tage.Murry feuert den Tourmanager und übernimmt das Amt selbst ? Schluss mit lustig. THE MIRACLES You've Really Got A Hold On Me Kaum jemand sang süßer über Liebesleid als William »Smokey« Robinson: »Ein fröhlicher Song mag die Leute in Hochstimmung versetzen«,bekannte er,»aber am Ende identifizieren sie sich mit den traurigen Liedern.Und die liegen auch mir einfach mehr.« Mit der Besessenheits-Ode »You've Really Got A Hold On Me« kultiviert der 22-jährige Leadsänger der Miracles seinen Stil.Musikalisch wurde Smokey inspiriert von »Bring It On Home To Me«, einem Song von Sam Cooke.So eine langsame Nummer will er auch schreiben,einen Song über das oft schmerzhafte Verlangen nach Sinnlichkeit,nach Sex.Die ersten Worte,die ihm einfallen, sind »I don't like you,but I love you« (»Ich mag dich nicht,aber ich liebe dich«).Damit hat er seinen Dreh gefunden: das Ausloten der Widersprüchlichkeiten der Liebe.Denn nach eigenem Bekunden wollte Smokey immer schon Musik schreiben,die bleibt, »wie die von Beethoven oder Bach.Und es gibt kein unvergänglicheres Thema als die Liebe.« THE TORNADOS Telstar »Es geht hier um einen schwulen Teufelsanbeter,der sein Tonstudio in seiner Wohnung über einem Handtaschengeschäft einrichtete,seine Songs von Buddy Holly aus dem Grab schreiben ließ und in einen Metzgergehilfen verliebt war.« So fasste der Schauspieler Nick Moran im Sommer 2005 jene Biografie zusammen,die sein Theaterstück Telstarinspirierte.Objekt dieser bizarren Hommage war der schillernde englische Plattenproduzent Joe Meek; mit dem Welthit »Telstar«,den er von seiner Hausband,den Tornados,einspielen ließ,schuf er sein größtes Werk. Meek war ein Bauernsohn,der von seiner Mutter gelegentlich wie ein Mädchen gekleidet und von seinen Brüdern »Tussi« gerufen wurde.Er hatte als Radartechniker bei der Luftwaffe und als Toningenieur in Londoner Aufnahmestudios gearbeitet, bevor er anfing,verschiedene Plattenfirmen als unabhängiger Produzent unter dem Markennamen RGM Sound zu beliefern,denn eigentlich hieß er Robert George Meek.»Joe war ein Naturtalent,ein Pionier in jenen dunklen Zeiten«,schwärmte ein TontechnikerWeggefährte. Das Equipment für sein Aufnahmestudio hatte Meek zum Teil selbst gebastelt.Er schrieb Lieder,konnte aber keine Noten lesen, kein Instrument spielen und auch nur schlecht singen.Seine Kompositionen summte er auf Band,einer seiner Studioorganisten musste den Song dann arrangieren. Sein fähigster Mitarbeiter wurde Geoff Goddard,der wie Meek vom Dorf kam und dessen Faible für spiritistische Sitzungen teilte, bei denen bevorzugt tote Sänger angerufen wurden.Zur weiteren Inspiration schlenderte Meek mit dem Tonband über Friedhöfe, um Stimmen aus dem Jenseits einzufangen.Die Anregung zu »Telstar« ist nicht ganz so skurril: Der Weltraumfreak Meek will mit dem Stück einem Nachrichtensatelliten huldigen.Goddard spielt auf der futuristischen Aufnahme die Clavioline,ein elektronisches Tasteninstrument. Doch was 1962 neu und aufregend klingt,wirkte in den Folgejahren schnell angestaubt.Die Beatwelle ließ Meek alt aussehen und auch persönlich ging es mit ihm bergab.Die Schlankheitspillen,die er gegen sein Übergewicht einwarf,putschten ihn nicht nur in Studiosessions auf,sondern verstärkten auch seinen Verfolgungswahn.Dem Starproduzenten Phil Spector warf der jähzornige Meek vor,sein Erfolgsgeheimnis zu klauen.LSD-Trips endeten traumatisch.Und auf die Tantiemen für »Telstar« wartete Meek auch Jahre später noch,da ihn ein Franzose wegen Melodienklaus verklagt hatte. Bald darauf verlor Meekvollends die Nerven.Am 3.Februar 1967 geriet er mit seiner Vermieterin in Streit,wohl über Mietrückstände.Mit einer Schrotflinte erschoss Meek erst die Hauswirtin, dann sich selbst.
|