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LLOYD PRICE Stagger Lee Bereits 1952 hatte Lloyd Price mit »Lawdy Miss Clawdy« seinen ersten R&B-Hit. Doch erst nach seiner Rückkehr vom Militärdienst in Korea veröffentlicht er jenen Song, der ihm einen Ehrenplatz in der Popgeschichte reservierte: seine Version des Folkblues- Klassikers »Stagger Lee«. Anstatt der moralisierenden Anklage vieler früherer Fassungen zu folgen,entwirft er ein geradezu hymnisches Bild des Mörders Stagger Lee, der nun ? im Licht der aufflackernden Bürgerrechtsbewegung ? als Outlaw in einer repressiven weißen Gesellschaft erscheint. Schon die einleitenden Worte »The night was clear and the moon was yellow, and the leaves came tumbling down« (»Die Nacht war klar und der Mond war gelb, und die Blätter schwebten zu Boden«) verleihen dem Stück etwas Theatralisches.Aus dem schwarzen Bösewicht Stagger Lee wird ein Betrogener, der zu Recht Rache nimmt.Diese Version durfte,obwohl Nummer eins der Popcharts, nicht in der Fernsehshow American Bandstand gespielt werden: Lloyd Price musste einen versöhnlichen Schluss hinzudichten. ELVIS PRESLEY One Night 27 Jahre nach seinem Tod erreichte er mit einer 48 Jahre alten Aufnahme im Januar 2005 den Spitzenplatz der britischen Charts. Elvis.Muss man mehr sagen? Vielleicht nicht zu Elvis Presley,wohl aber zu dem Song,der auf diese Weise seine Langlebigkeit bewies. »One Night« hieß ursprünglich »One Night Of Sin« und wurde vom Trompeter und Produzenten Dave Bartholomew für den mittelerfolgreichen R&B-Sänger Smiley Lewis geschrieben, der einst auf den deutlich flamboyanteren Namen Overton Lemon getauft worden war. Bartholomew hatte schon einige Erfolge als Hitlieferant von Fats Domino hinter sich und noch Jahrzehnte als Graue Eminenz in der Musikszene Louisianas vor sich.Er wusste, was er tat, als er dem Text eine gewisse erotische Würze gab: »One night of sin,is what I'm now paying for. The things I did and I saw, would make the earth stand still.« (»Eine sündige Nacht: Dafür muss ich jetzt bezahlen.Was ich getan und gesehen habe, würde die Erde zum Stillstand bringen.«) So sang es Smiley Lewis und seine Aufnahme entwickelte sich 1956 zu einem anständigen R&B-Hit.
Der amerikanische Rockkritiker und Elvis-Exeget Greil Marcus übertreibt nur wenig,wenn er in seinem Buch Mystery Train schreibt, die Nummer handele »von einer Orgie«. Elvis Presley hatte jedoch mit Stücken wie »Heartbreak Hotel«, »Don't Be Cruel« und »Love Me Tender« den großen Durchbruch gerade hinter sich und sein Manager Colonel Parker wollte sicherstellen, dass sein Schützling nicht mehr nur aufmüpfige Teenager, sondern auch ältere, konservativere Publikumsschichten ansprach. Das bedeutete das Aus für Elvis' erste Aufnahme des Songs, die im Januar 1957 entstand, in den Archivlisten seiner Plattenfirma RCA als »One Night Of Sin« geführt wird und dem Text der Smiley-Lewis-Version folgte. Am 24. Februar 1957, genau einen Monat vor seinem Eintritt in die US-Armee, muss Elvis das Lied daher ein weiteres Mal aufnehmen. (Es erschien dann im Herbst 1958 als Single.) Nun heißt es nur noch »One Night« und aus der Geschichte einer sündigen Verfehlung wird: »One night with you, is what I'm now praying for. The things that we two could plan,would make my dreams come true.« (»Eine Nacht mit dir: Dafür bete ich.Was wir beide zusammen machen könnten, würde meine Träume wahr werden lassen.«)
Es läge nun nahe zu vermuten, die zweite Version hätte auch musikalisch an Würze verloren. Das Gegenteil ist der Fall: Nicht nur dass Elvis die Biederkeit des neuen Textes durch einen deutlich leidenschaftlicheren Vortrag mehr als ausgleicht ? seine Band hat sich mit dem Stück mittlerweile vertraut gemacht. Hört man etwa,wie sich Schlagzeuger D. J. Fontana auf der ersten Version mit dem langsamen Shufflebeat abplagt (vor allem im Vergleich mit der Lässigkeit des legendären Drummers Earl Palmer, der Smiley Lewis begleitete), fragt man sich, ob die Nummer mit so einem ungelenk rumpelnden Rhythmus im Jahr 2005 nicht beim britischen Publikum durchgefallen wäre. BUDDY HOLLY & IVAN Real wild child 1951 begegnet der damals 14-jährige Buddy Holly dem zwölfjährigen Jerry Ivan Allison an der J.T. Hutchinson Junior High School in Lubbock,Texas.Sie freunden sich an und fünf Jahre später gründen sie The Crickets.Buddy wird zum Star, Jerry avanciert nebenbei zu einem gefragten Session-Schlagzeuger; Phil Everly von den Everly Brothers nannte ihn gar »den kreativsten Rock'n'Roll-Drummer«. Doch Allison glänzt nicht nur an der Schießbude.Am 15.Februar 1968 nimmt er »Real Wild Child« auf, einen Titel des australischen Rock'n'Rollers Johnny O'Keefe.»Ich versuchte, wie James Cagney zu klingen«, erinnerte er sich später, »aber es funktionierte nicht.« Heraus kam dennoch ein Rockabilly- Klassiker, der mit dem überdrehten Gesang und Buddy Hollys exzellentem Gitarrenspiel wie ein früher Surf-Song wirkt. Am 12. September 1958 wird die Single unter Jerrys Mittelnamen »Ivan« veröffentlicht und erreicht immerhin Platz 68 der Billboard-Charts. Iggy Pop versucht sich 28 Jahre später an einer Coverversion ? die Gruppe 1950 verließ,weil er in der neuen Musik einen säkularen Einfluss am Werk sah, engagierten sie den jungen Sam Cooke als Nachfolger ? was die Gospelmusik für immer verändern sollte.Cookes seidensanfter Vortragsstil und sein gutes Aussehen machten die Soul Stirrers zur populärsten Gruppe dieser Zeit; musikalisch rückte das Quintett durch den attraktiven Sänger mehr in Richtung Pop. Doch da die Texte weiterhin die biblischen Gebote unterstrichen, galten die Soul Stirrers als Paradebeispiel christlicher Rechtschaffenheit. Als Cooke 1956 tatsächlich ins Popfach wechselte und von Liebe statt von Jesus sang, ging ein Aufschrei durch das christliche Amerika. Die verbliebenen Soul Stirrers standen hingegen vor einem profaneren Problem: Wer sollte den Ausnahmesänger ersetzen? Ihre Wahl fiel schließlich auf Johnnie Taylor. Der ausgebildete Prediger hatte wie Cooke seine Lehrjahre bei den Highway QCs verbracht und imitierte anfangs dessen Gesangsstil ? was auf »The Love Of God« deutlich zu hören ist.Dass auch Taylor den Soul Stirrers später von der Fahne ging, sollte sie allerdings nicht beirren: Nach über siebzig Jahren gibt es die Gruppe heute immer noch.Wenn auch in komplett neuer Besetzung. THE SOUL STIRRERS FEAT. JOHNNY TAYLOR The love of god Die Anfänge der Soul Stirrers reichen zurück bis ins Jahr 1926,als
der Baritonsänger Silas Roy Crain mit Freunden ein Quartett
bildete. Zehn Jahre später machten sie ihre erste Aufnahme ? für
den Ethnologen Alan Lomax, der die Musik des amerikanischen
Südens auf zahlreichen »field recordings« dokumentierte. Doch
erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann der Aufstieg der Soul
Stirrers. Er fiel zusammen mit einem Boom schwarzer Gesangsgruppen,
der von Hunderten neu gegründeter Independent-
Labels befördert wurde. Firmen wie Specialty,Nashboro, Hob,
Savoy, Trumpet, Chess, Peacock oder Vee Jay schoben damals die
Entwicklung des R&B an ? und brachten nebenbei auch die
Gospelmusik nach vorne.
Zwar zögerten manche Gospelbands,ihren Sound zu sehr zu modernisieren
? schließlich wollte man nicht die »Musik des Teufels«
spielen, also sündigen R&B. Die Soul Stirrers gehörten jedoch
zu den Innovatoren des Genres. Als eine der ersten Gospelgruppen
reicherten sie ihren A-cappella-Vortrag mit einer Gitarre
an; auch dass sie das gängige Quartettformat um eine fünfte
Stimme ergänzten,sollte Schule machen.Als ihr Sänger R. B.Harris die Gruppe 1950 verließ,weil er in der neuen Musik einen säkularen
Einfluss am Werk sah, engagierten sie den jungen Sam
Cooke als Nachfolger ? was die Gospelmusik für immer verändern
sollte.Cookes seidensanfter Vortragsstil und sein gutes Aussehen
machten die Soul Stirrers zur populärsten Gruppe dieser
Zeit; musikalisch rückte das Quintett durch den attraktiven
Sänger mehr in Richtung Pop. Doch da die Texte weiterhin die
biblischen Gebote unterstrichen, galten die Soul Stirrers als
Paradebeispiel christlicher Rechtschaffenheit.
Als Cooke 1956 tatsächlich ins Popfach wechselte und von Liebe
statt von Jesus sang, ging ein Aufschrei durch das christliche
Amerika. Die verbliebenen Soul Stirrers standen hingegen vor
einem profaneren Problem: Wer sollte den Ausnahmesänger
ersetzen? Ihre Wahl fiel schließlich auf Johnnie Taylor (siehe Foto
auf S. 51 vorne in der Mitte). Der ausgebildete Prediger hatte wie
Cooke seine Lehrjahre bei den Highway QCs verbracht und imitierte
anfangs dessen Gesangsstil ? was auf »The Love Of God«
deutlich zu hören ist.Dass auch Taylor den Soul Stirrers später von
der Fahne ging, sollte sie allerdings nicht beirren: Nach über
siebzig Jahren gibt es die Gruppe heute immer noch.Wenn auch
in komplett neuer Besetzung. NINA SIMONE My baby just cares for me Ausgerechnet eine Reklame für Chanel No.5 holte diese giftigste aller giftigen Stimmen Amerikas 1987 aus der Versenkung zurück. Nina Simone war zu diesem Zeitpunkt eine alternde afroamerikanische Revolutionärin, die ihr Exil in einer Villa in Südfrankreich gefunden hatte.Und dann schmeichelte sich plötzlich die Stimme der vergessenen Diva mit einer kleinen Melodie irgendwo zwischen Jazz und Pop in die Ohren der von Sade und Bryan Ferry verdorbenen Achtziger-Yuppiegeneration: »My Baby Just Cares For Me«. Als der Song 1987 in die Top Ten einsteigt, ist er bereits drei Jahrzehnte alt. Und für die High Priestess Of Soul in seiner Harmlosigkeit eher untypisch.
Als Eunice Waymon kam sie 1933 in Tryon, North Carolina, zur Welt. Bereits mit vier Jahren spielte sie in der Kirche Klavier. Nach ihrem Schulabschluss legten die Nachbarn zusammen,um ihr eine Ausbildung an einer Musikakademie in New York zu finanzieren.Doch Waymon wurde nicht als Rebellin geboren: Aus Rücksicht auf ihre Mutter verleugnete sie ihren Familiennamen, wenn sie sich als Barpianistin etwas Geld dazuverdiente. Und als der Barbesitzer die Etüden der Konservatoriumsstudentin zu fade fand, musste Simone wohl oder übel singen ? das Ende ihres Wunsches, Konzertpianistin zu werden, und der Anfang einer geradezu magischen Entfesselung ihrer Gospel-geschulten Altstimme.
Niemand, vielleicht mit Ausnahme von Aretha Franklin, legte mehr Gefühl, mehr Dringlichkeit in den Gesang als Nina Simone. Als Simone Ende der Fünfziger ihre ersten Cocktailjazz-Stücke für Bethlehem Records aufnimmt, darunter auch »My Baby Just Cares For Me«, ahnt sie noch nichts von der Wende, die ihre Karriere ein paar Jahre später nehmen wird. 1963 ermorden Mitglieder des Ku-Klux-Klan den schwarzen Aktivisten Medgar Evers und werfen eine Bombe in eine Baptistenkirche in Birmingham, Alabama ? danach hält Simone ihren gefälligen Jazz nicht mehr für zeitgemäß. In ihrer Autobiographie schreibt sie dazu: »Mich überschwemmte eine Welle aus Zorn, Hass und Entschlossenheit. « Und mit dem ihr eigenen Sendungsbewusstsein fügt sie an: »Die Wahrheit nahm von mir Besitz.« Nina lässt in der Folge solche selbstbewussten bis anklagenden Songs wie »Young Gifted And Black« oder »Mississippi Goddam« für sich sprechen. Den Begriff Jazzsängerin empfindet sie bis heute als Abwertung. Sie sieht sich selbst als Diva ? mit einer Stimme, die von Oper über Soul bis zum Protestsong reicht. RUTH BROWN This little girl'S gone rockin »Das Haus, das Ruth gebaut hat«, nannte Ahmet Ertegun seine Plattenfirma Atlantic Records einmal im Scherz. Denn dasselbe Label, das später Aretha Franklin und Otis Redding zum Durchbruch verhelfen sollte, zählt in den Fünfzigern die R&BSängerin Ruth Brown zu seinen erfolgreichsten Acts.Brown führt an Stelle des rohen Blues-Shouting einen polierten, eher Poporientierten Gesangsstil ein.Zu ihren Nummer-eins-Hits gehören »5-10-15 Hours« und »Mama, He Treats Your Daughter Mean«. 1928 in Portsmouth,Virginia, geboren, hatte Brown ihre Stimme unter Anleitung ihres Vaters entwickelt, eines Hafenarbeiters und Gospelchordirigenten. Im Sommer 1944 büchste sie als 16-Jährige nach New York aus, um an der Amateurshow des berühmten Apollo Theatre in Harlem teilzunehmen.Auf Anhieb gewann sie den ersten Preis. Fünf Jahre später entdeckte Ahmet Ertegun sie dann in einem New Yorker Nachtclub. Ruth Brown trug lange den Beinamen Miss Rhythm ? ein Titel, dem sie auch mit »This Little Girl's Gone Rockin'« alle Ehre macht. PEREZ PRADO Patricia Was hat Pérez Prados »Patricia« mit »Schnappi, Das Kleine Krokodil« und dem »Lied Der Schlümpfe« gemeinsam? Chartsforscher haben für solche Titel die Bezeichnung »Novelty« geprägt: Nicht die Musik oder der Interpret sind Ursache des Erfolgs, sondern Obskurität, Schrägheit,Witzigkeit des Titels. Die Karriere von Dámaso Pérez Prado befindet sich Ende der Fünfziger im Sinkflug. 1955 hatte seine Nummer »Cherry Pink And Apple Blossom White« unglaubliche zehn Wochen auf Platz eins der US-Charts verbracht und er galt als einzig wahrer König des Mambo. Doch inzwischen haben andere Tänze den Mambo in der Beliebtheit überholt. Und Prados musikalische Formel, die Musik seiner kubanischen Heimat zu zähmen und mit US-Einflüssen zu kreuzen, scheint ausgereizt.
Einen Trumpf aber hat der Mambokönig noch im Ärmel: 1955 kam das Orgelbauunternehmen Hammond mit seinem Modell B3 auf den Markt. Prado hatte schon mit anderen elektrischen Orgeln experimentiert, aber die Klangmöglichkeiten der B3 gingen über alles Bekannte hinaus. Und in »Patricia« zeigt er, was in dem Instrument steckt. In der Bigbandmusik Nord- und Lateinamerikas werden die verschiedenen Instrumentengruppen gern dialogisch eingesetzt: Die Trompeten antworten den Saxofonen und umgekehrt. Auf diesem Prinzip beruht auch »Patricia«: Nervös herumzappelnde Trompeten werden von väterlich gelassenen Saxofonen immer wieder beruhigt. Doch so leicht lässt sich die Hysterie der Trompeten nicht eindämmen,denn immer wieder orgelt die freche B3 respektlos dazwischen. Oft etwas neben dem Rhythmus liegend, bringt sie die Bläser mit schrillem Quietschen oder gutturalem Gurgeln aus der Fassung, fast wie ein ungezogenes Kind.
Tatsächlich könnte der Erfolg der Aufnahme darin begründet sein, dass sie mit musikalischen Mitteln das Klischee der Kleinfamilie (Mama,Papa,freches Gör) karikiert.Die spaßigen Sounds der Orgel und der freundlich-sonnige Hintergrund,vor dem sich das Familientheater abspielt, könnten auch einen Anteil daran haben. Jedenfalls wurde »Patricia« Prados zweiter und letzter Nummer-eins-Hit in den USA. In Europa hatte der Erfolg von »Patricia« noch einen weiteren Vater: Federico Fellini nahm den Song 1960 in den Soundtrack von La Dolce Vita auf.Weitere Charteinträge erzielte Prado jedoch auch in der Alten Welt nicht mehr ? bis ein Münchner Entertainer namens Lou Bega 1999 Prados alten Titel »Mambo No. 5« ausgrub und einen albernen Text über ein paar Mädchen dazudichtete. Aber das ist eine ganz andere Geschichte ... TOMMY EDWARDS It's all in the game Zwei Anläufe braucht Tommy Edwards, bis er »It's All In The Game« in genau die Form bringt,die den Song über die Allmacht der Liebe zum Prototyp schmachtender Balladen werden lässt. Bereits 1951 erreichte er mit der ersten Version Platz 18 der amerikanischen Hitparade. Aber erst die geglättete und verlangsamte Fassung von 1958 beschert ihm den Erfolg von 3,5 Millionen verkauften Singles. »It' All In The Game« ist ? bis auf Weiteres ? der einzige Hit von US-präsidialen Gnaden. Der Song basiert auf einer »Melody in A Major«,die Charles G.Dawes 1912 komponierte, bevor er zweiter Mann im Staat hinter Präsident Calvin Coolidge wurde. Edwards gelangen in den Jahren nach 1958 zwar etliche weitere Hits,doch den weltweiten Erfolg von »It's All In The Game« konnte der 1969 verstorbene Sänger nicht noch einmal erreichen. CHRIS HOWLAND Fräulein Johnny Cash hat oft erzählt, dass er nirgendwo anders als in Bayern angefangen hat, ernsthaft Musik zu machen, und zwar als Soldat in der US-Kaserne in Landsberg am Lech. Anfang der Fünfziger war Cash dort als Funker stationiert. Heimweh und Langeweile führten dazu, dass er sich für zwanzig Mark eine Gitarre kaufte und zusammen mit drei Kameraden die Gospelsongs aus seiner Jugend zu singen begann. So wie Cash ging es vielen G.I.s: Musik war eine Möglichkeit, die Zeit in der Fremde erträglicher zu gestalten, und wenn sie nicht selber sangen, so hörten die Soldaten den ungemein beliebten Sender AFN, der jeden Tag mehrere Stunden lang Pop, Country, Jazz und Easy Listening ausstrahlte. Da ganze Armeen von US-Soldaten irgendwo in der Fremde den Kalten Krieg gegen die Sowjets kämpften, dauerte es nicht lange, bis die Stars in der Heimat die einsamen Krieger als Thema und Zielpublikum entdeckten.
Einige Jahre lang entstanden in der Countrymusik G.I.-Songs, die sich vorzugsweise mit dem Liebesleben der in den Kasernen unter amourösem Hochdruck stehenden Männer beschäftigten.Ernest Tubb sang vom »Filipino Baby«, Hank Locklin vom »Geisha Girl« ? das erfolgreichste dieser Lieder war jedoch »Fraulein« von Bobby Helms. Der Text wird von einem imaginären G.I. gesungen, der wieder zurück in die Staaten beordert wurde,seine Freundin am Ufer des »old river Rhine« aber einfach nicht vergessen kann.Sehnsüchtig beschwört er sie, nachts den Blick gen Himmel zu richten und daran zu denken,dass über ihnen dieselben Sterne scheinen.1957 gelangte der Song in die US-Charts, aufgrund des Erfolgs kommt er anschließend über den Atlantik zurück.
Im Gegensatz zu vielen verunglückten Eindeutschungen aus der damaligen Zeit besticht die Version von Chris Howland durch den hämmernden Pianorhythmus und den stimmungsvollen Einsatz der Steelguitar, der den Ursprung des Titels im Countrygenre verrät. Auch Howlands Akzent macht sich gut auf der Nummer; während seiner gesamten Karriere als »Mr. Pumpernickel « im deutschen Funk und Fernsehen hat er ihn stets gewinnbringend einzusetzen gewusst.Im Text wird das Motiv der transatlantischen G.I.-Liebe beibehalten,wenngleich die deutsche Version eher eine Hymne auf alle deutschen Mädchen ist als auf ein bestimmtes.Und ob die jungen deutschen Frauen,die das Lied hörten, glücklich darüber waren, »treu und fleißig« genannt zu werden, ist noch eine andere Frage. JODY REYNOLDS Endless Sleep Trist tremolierende Gitarrentöne und eine verhallte Stimme setzen die Atmosphäre für diese perfekte Inszenierung eines großen Teenager-Melodrams: eine regennasse Nacht, verwischte Fußspuren, die über den Strand ins Meer führen, der Sänger auf der Suche nach seiner Angebeteten, die sich nach einem Streit der »zornigen See« hingegeben hat. Im Tonfall eines vorweggenommenen Lamentos erzählt der 1932 in Denver geborene und in Oklahoma aufgewachsene Jody Reynolds von der Faszination des Selbstmords ? und der reinen Verzweiflung. Ursprünglich spielte Reynolds Rockabilly, doch als er Roy Orbison mit »Ooby Dooby« im Fernsehen sah, beschloss er, etwas Ähnliches zu schreiben. »Endless Sleep« entsteht angeblich in einer guten halben Stunde in einem texanischen Hotel: sein Debüt ? und zugleich sein größter Hit. Dass der Song in Teilen der USA aufgrund des »heiklen Themas« (trotz Happyend!) vorübergehend verboten wird, mag nicht unwesentlich zum Erfolg beigetragen haben. DOMENICO MODUGNO Nel Blu Dipinto Di Blu (Volare) Mit einem süßen Blau, der Farbe der Sehnsucht, kolorierte man in den Fünfzigern die Tristesse der Nachkriegszeit und die Verheißungen des Wirtschaftswunders. Der Süden lockte und Unzählige kamen,»Nel Blu Dipinto Di Blu« auf den Lippen, das Reimpaar »volare cantare« wie ein Mantra in den Köpfen.Wer wusste schon, dass sich der Texter Franco Migliacci bei seinem »Blau auf Blau« von Bildern Chagalls inspirieren ließ? Mit dieser Nummer, die 1958 den ersten Preis beim Schlagerfestival in San Remo erhält, gelingt dem Sänger und Komponisten Domenico Modugno die prototypische musikalische Umsetzung der Italiensehnsucht. Weltweit. Bis heute. Unzählige Coverversionen erscheinen, jeder will seinen Anteil, möchte ein wenig vom Abglanz der Preise: Bei den allerersten Grammy Awards wurde »Volare« prompt als Song des Jahres ausgezeichnet.Modugnos Gespür für die kleinen Glückseligkeiten ließ ihn auch danach nicht im Stich. Sein nächster Beitrag für San Remo, »Ciao Ciao Bambina«, malte weiter am Bild des zauberhaften Südens. DION & THE BELMONTS I wonder why Wenn man heute Fotos von Dion & The Belmonts betrachtet, sieht man vier junge Italoamerikaner in eleganten Anzügen. Ein bisschen harmlos sehen sie aus ? doch der Eindruck täuscht.Denn diese Jungs kamen aus der Bronx und waren nicht weniger zäh und durchsetzungsfähig als ihre afroamerikanischen Konkurrenten aus Harlem; vier Straßenköter, die vorhatten, sich nach oben zu boxen. Genau wie Tausende anderer Vokalquartetts zu dieser Zeit lernten auch sie das Singen an den Straßenecken in ihrer Nachbarschaft. Dass sie viel geübt haben müssen, hört man deutlich auf »I Wonder Why«, ihrem ersten Hit; vor allem das Intro hat bis heute nichts von seinem vokalen Punch verloren. Als eine der wenigen Gruppen aus dieser Ära konnten Dion & The Belmonts sich dauerhaft etablieren und Hits wie »Teenager In Love« und das großartige »The Wanderer« nachlegen. Bevor Dion sich dann Anfang der Sechziger in die Heroinsucht verabschiedete. Auch darin ganz der Straßenjunge aus der Bronx. DON GIBSON Oh, lonesome me Der 7. Juni 1957 war der schlimmste Tag in Don Gibsons Leben. Er hockte allein in seinem Wohnwagen in Knoxville, Tennessee, ein Schuldeneintreiber hatte gerade den nicht abbezahlten Staubsauger und den Fernseher abgeholt, alle Hoffnungen auf eine Karriere als Musiker waren zerplatzt. An diesem Tag schrieb Gibson zwei Songs. »Oh,Lonesome Me« hielt er für Müll,»I Can't Stop Loving You« für toll.Der Countryproduzent Chet Atkins sah das genau andersrum. Sie täuschten sich, beide Seiten der Single wurden zu Klassikern. »Oh, Lonesome Me« steht 1958 zwei Monate auf Platz eins der Countrycharts und auch in den Popcharts ganz oben. Eine stilbildende Produktion, die die Entwicklung weg vom ländlichen Hillbilly zeigt,hin zur Pop-orientierten Countrymusik der Sechziger.Der Songwriter Don Gibson schrieb viele Hits, aber in seiner Seele blieb er,was er war: »the sad poet«, der traurige Dichter. RONNIE SELF Bop-A-Lena In seiner Jugend in Tin Town, Missouri, muss Ronnie Self offenbar alles andere als eine sanftmütige Erscheinung gewesen sein. Man erzählt von Vandalismus und Prügeleien, die über das übliche Maß pubertätsbedingter Aufmüpfigkeit hinausgehen. Diese Unbezähmbarkeit bewahrte er sich auch in seinem Bühnenleben; sie brachte ihm den Beinamen »Mr. Frantic« ein: »Er war immer in Bewegung«, erinnerte sich seine Schwester Vicki, »er rannte ? die Gitarre auf dem Rücken ? auf die Bühne, schnappte sich den Mikrofonständer, ging sofort in die Knie und sang den ersten Song.« Der Energieausstoß von »Bop-A-Lena« stellt alles in den Schatten, was man bis dahin an musikalischen Formen der Selbstentäußerung gesehen hatte. Ronnie Self kultivierte konsequent die Raffinesse des Rauen, aber trotz mitreißender Bühnenpräsenz und kontinuierlicher Arbeit bis zu seinem Tod im Jahr 1981 errang er in der Rockhistorie nie den Stellenwert, der ihm gebührte. CHUCK BERRY Johnny B Goode Die Saga vom Gitarrenspieler, der mit einer Menge Mut und Selbstvertrauen im Gepäck in die große Stadt aufbricht: Irgendwann, so weiß er,wird sein Name in Leuchtschrift an den Konzertsälen prangen.Die Figur des Johnny B.Goode wich zwar in einigen Details von der Lebensgeschichte ihres Autors ab ? Johnny kam aus dem »tieftsten Louisiana,nah bei New Orleans« statt wie Berry aus St. Louis, lernte niemals richtig lesen und schreiben,wohingegen Berry einen Berufsschulabschluss als Kosmetiker und Friseur nachweisen konnte. Doch wen stören solche literarischen Freiheiten? Die archetypische Rock'n'Roll-Geschichte vom Provinzjungen, der mit Hilfe seiner Gitarre zum Idol wird, hat Berry tatsächlich selbst durchlebt.Dem Rolling Stone verriet er später, er habe den Originaltext von »that little colored boy« (»der kleine farbige Junge«) zu »that little country boy« (»der kleine Junge vom Land«) abgeändert ? »sonst hätten die Radiosender meinen Song nicht gespielt«.Eine lohnende Maßnahme: 1958 steht Chuck Berry ganz oben in den Hitparaden, direkt neben Elvis. JOHNNY OTIS SHOW Willie and the hand jive Er ist der typische »white negro«: außen weiß, innen schwarz. Johnny Otis, 1921 als Sohn einer griechischen Immigrantenfamilie in Vallejo,Kalifornien, geboren, wuchs in einem afroamerikanischen Viertel auf und absorbierte früh Kultur und Lebensstil seiner schwarzen Nachbarn. Er taufte sich von Veliotes in Otis um,trommelte unter anderem in Illinois Jacquets Band und dem Lester Young Septet,bevor er 1945 seine eigene Jazzband gründete. Bald konzentrierte er sich jedoch auf R&B. Mit seinem Riecher für junge Talente wurde er zu einer der führenden Figuren an der Westküste: So entdeckte er Etta James,Willie Mae »Big Mama« Thornton und Little Esther Phillips; neben »Willie And The Hand Jive« komponierte er auch Klassiker wie »Every Beat Of My Heart«,später ein Hit für Jackie Wilson und Gladys Knight.In den Siebzigern führte sein Sohn Shuggie das Familienerbe auf einigen hervorragenden Alben fort. Johnny Otis arbeitet bis heute als DJ für eine Radiostation in Berkeley,Kalifornien. HOWLIN' WOLF Moanin' for my baby Der Zwei-Meter-Mann pries sich in einem Song als »150 Kilo himmlische Freude« ? und bewies damit, dass er einen hintergründigen Humor hegte,seinem grimmigen Äußeren zum Trotz. Blues, das war für den Analphabeten Howlin' Wolf (Foto) die Möglichkeit,seine Biografie neu zu erfinden,sich von gesellschaftlichen Zwängen zu befreien, das Vulgäre mit dem Rätselhaften zu verbinden. Seine Stimme erinnerte an eine Waffe. Von ganz unten aus dem Bauch dröhnte sie, dort wo sich Sex, Alkohol und Wut mischen, und sie schien all den Rauch und Whiskey der Kellerclubs von Chicago zu enthalten, in denen er in den Fünfzigern und Sechzigern regelmäßig gastierte. Wenn der Blues auch später zum studentischen Tropfkerzen- Party-Sound degenerieren sollte ? auf Howlin'Wolfs Originalität war Verlass: Er klang gefährlich, sexy und grob. Schon seine schiere physische Präsenz konnte einschüchtern. Seine Auftritte glichen Schauspielen: Howlin' Wolf sprang wie ein schnaubender Stier über die Bühne,wälzte sich,von scheinbarem Schmerz überwältigt, auf dem Boden und stöhnte, als ob ihn eine Horde Dämonen quälte.
1910 wurde er als Chester Arthur Burnett in West Point, Mississippi, geboren. Später sah er dort regelmäßig Auftritte des legen- dären Countryblues-Sängers Charley Patton.Angetan von dessen Bühnenshow begann Howlin'Wolf in den späten Zwanzigern neben der Farmarbeit an den Wochenenden mit Gitarre und Harmonika aufzutreten.Doch erst zwei Jahrzehnte später entdeckte ihn Ike Turner, der damals als Talentscout durch den amerikanischen Süden fuhr.Turner brachte Howlin'Wolf 1951 nach Memphis in Sam Phillips' Sun Studio und verkaufte die Aufnahmen an Chess Records in Chicago,wo der Sänger 1953 hinzog. Dort wurde er auf Anhieb zum schärfsten Rivalen von Muddy Waters und profitierte wie dieser von den Kompositionen Willie Dixons; damals entstanden Bluesklassiker wie »Spoonful«, »Little Red Rooster« und »Back Door Man«.»Moanin'For My Baby« schreibt Howlin'Wolf allerdings selbst, der Bluesmann heult hier einer Vamp-Frau hinterher, die offensichtlich restlos Besitz von ihm ergriffen hat.
Zwar war Howlin'Wolf für sein an Paranoia grenzendes Misstrauen berüchtigt, das sich gegen Konkurrenten,Frauen,Manager und seine Plattenfirma richten konnte.Doch gegenüber den jungen Rockmusikern, die ihn verehrten, hatte er keine Berührungsängste. 1965 trat er mit den Rolling Stones im amerikanischen Fernsehen auf.Fünf Jahre später ging er mit Eric Clapton,Bill Wyman, Charlie Watts und Ringo Starr ins Studio. Im November 1975 trat Howlin'Wolf zum letzten Mal auf, zwei Monate später starb er an Nierenversagen.Wenn der Blues ein Schlachtfeld ist, dann war Howlin'Wolf der König der Krieger. JAMES BROWN & THE FAMOUS FLAMES Try me Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Niemand verkörpert dieses uramerikanische Mantra besser als James Brown. Der 1928 in Barnwell, South Carolina, geborene Sänger war als 16-Jähriger wegen Autodiebstahls zu drei Jahren hinter Gittern verdonnert worden und hatte dort einen Gospelchor auf die Beine gestellt. Nach seiner Entlassung war er umso entschlossener, sich einen Namen als Entertainer zu machen. 1952 nahm Bobby Byrd den Ex-Knacki in seine Doo-Wop-Gospel-Gruppe auf. Dank seiner blitzgewandten Bühnenakrobatik fand sich James Brown bald im Zentrum der Aufmerksamkeit wieder. Die Band benannte er einfach um: James Brown & His Famous Flames.
Flammend waren seine Auftritte von Anfang an.Egal,ob der Sänger seine Band per Fingerzeig dirigierte, die Beine bei komplizierten Tänzen verknotete oder eingehüllt in einen Kapuzenmantel zu Boden ging: Er bot die beste Show seit Little Richard, dem er tatsächlich einiges zu verdanken hatte. Bei einem Konzert des schwarzen Rock'n'Roll-Stars sprangen Brown und seine Flames in der Pause uneingeladen auf die Bühne und verursachten dort solch einen Wirbel,dass Little Richards Manager sie unter Vertrag nahm und James Brown gar für einige Wochen unter dem Namen Little Richard dessen Doppelbuchungen ausfüllte.Nach seinem ersten Hit »Please,Please,Please« hatte der »hardest working man in showbusiness« so etwas nicht mehr nötig. James Brown verhängte gegen seine Bandmitglieder Geldstrafen für Verspätungen, Schlampigkeit, unpräzise Tanzbewegungen und falsche Noten. Die Show war kalkuliert, das Adrenalin echt. Erst 1958 jedoch ? zwei Jahre nach »Please,Please,Please« ? schafft es ein James-Brown-Song zum ersten Mal an die Spitze der R&BCharts: »Try Me«.
Nicht nur geschäftlich,auch musikalisch ist dieser Erfolg ein Wendepunkt in James Browns Karriere.Während ihn in den Jahren davor noch seine Plattenfirma bestückte, gewinnt Brown nun die Kontrolle über sein Material, stellt eine handverlesene Truppe von Musikern zusammen und begründet so die Tradition der Famous Flames und später JBs als Urväter des Funk.Unter der musikalischen Leitung von Saxofonist J.C.Davis und dem Beat von Nat Kendricks Hi-Hat folgend, attackiert diese Band den Rhythmus mit noch nicht da gewesener Vehemenz ? und das selbst auf langsameren Nummern wie »Try Me«. Doch nicht nur deshalb liegen Welten zwischen Browns Song und den anderen Pophits dieser Zeit: Begleitet von Bobby Roachs Gitarre, legt James Brown mehr Dreck und verzweifelten Blues in sein Flehen als die gesamte Doo-Wop-Konkurrenz. Und mehr Feuer als die meisten Rock'n'Roller.Hier deutet sich bereits an, dass sich James Brown später zu einem der einflussreichsten Musiker des 20. Jahrhunderts entwickeln würde. THE IMPRESSIONS For your precious love Als sie bei Chess Records in ihrer Heimatstadt Chicago vorsingen wollten, verweigerte ihnen die Firmensekretärin den Zutritt. Also gingen Curtis Mayfield, Fred Cash, Jerry Butler, Arthur Brooks und Richard Brooks über die Straße zu Vee Jay Records: Dort gaben sie gleich in der Eingangshalle ihr Lied zum Besten und der Firmenboss war beeindruckt genug, ihnen einen Vertrag vorzulegen. Einen neuen Namen gab es kostenlos mit dazu: Aus den vormaligen Roosters wurden The Impressions.
So unscheinbar begann eine ganze Soulschule ? die intensiven, aber sanften Gesangsharmonien des Männerquintetts sollten die Blaupause für zahlreiche spätere Gesangscombos abgeben und mit Curtis Mayfield und Jerry Butler zwei Superstars der Siebziger auf den Weg bringen. In einem Kirchenchor hatte Butler den drei Jahre jüngeren Mayfield kennen gelernt; ihre Zusammenarbeit legte den Grundstein für die späteren Impressions. Die zeitlose Ballade »For Your Precious Love« ? Butler hatte sie bereits mit 16 geschrieben ? ist ihr erster Hit und steigt bis in die Top 3 der amerikanischen R&B-Charts.Wegen des Führungsanspruchs des damals 19-jährigen Jerry Butler kam es allerdings zum Zerwürfnis: Der Sänger verließ die Gruppe für eine Solokarriere,während die Impressions als Trio weitermachten.
In den Sechzigern sollten sie mit Songs wie »Keep On Pushing« und »We're A Winner« das soziale Gewissen des schwarzen Amerikas vertonen. Mit ihrem einstigen Leadsänger hatten sie sich da längst versöhnt: Mayfield schrieb Butlers Hit »He Will Break Your Heart« von 1960 und war auch an späteren Titeln als Autor und Gitarrist beteiligt. Mitte der Sechziger verfeinerte Jerry Butler seinen so elegant wie mühelos wirkenden Crooning-Stil und gab sich den Beinamen »Ice Man«. Unter diesem Alias nahm er Klassiker wie »Hey Western Union Man« und »Only The Strong Survive« auf. Seine Zusammenarbeit mit dem Produzentenduo Gamble&Huff brachte ihn schließlich in den Siebzigern zum symphonischen Souldisco-Sound von Philadelphia International Records.Mit seinem Bruder Billy Butler gründete Jerry außerdem einen Workshop für Songwriter: Chuck Jackson und Marvin Yancey von den Independents sowie Natalie Cole gingen aus dieser Talentschmiede hervor. Heute sitzt Jerry Butler im Stadtrat von Chicago ? eine späte Folge seiner einstigen Politisierung durch die Bürgerrechtsbewegung. CHUCK WILLIS Hang up my rock and roll shoes Wenn überhaupt, kennt man Chuck Willis heute als turbantragenden Exzentriker: Er nannte sich abwechselnd »Sheik Of The Blues« oder auch »King Of The Stroll«,schließlich hatte sein Nummer-eins-Hit »C.C. Rider« 1957 mit seinem stotternden Latin-Rhythmus einen Tanz namens »The Stroll« populär gemacht.Willis,1928 in Atlanta geboren,war bereits seit 1951 im R&B-Geschäft. Als Atlantic Records ihn ? nach fünf mäßig erfolgreichen Jahren auf Okeh ? unter Vertrag nahm,hoffte man, in dem Mann mit dem Kopfwickel eine Antwort auf Little Richard oder Fats Domino zu finden,musste aber enttäuscht feststellen,dass Willis Balladen bevorzugte.Allzu viele konnte er aber sowieso nicht mehr aufnehmen,denn nur ein Jahr nach seinem Durchbruch mit »C.C.Rider« verstarb Chuck Willis an den Folgen eines Autounfalls.Die posthum veröffentlichte Single »Hang Up My Rock And Roll Shoes« gelangt umgehend an die Spitze der R&B-Charts ? obwohl Willis diese Galoschen zu Lebzeiten kaum einmal getragen hatte.
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